Winsen

Jugendbetreuer gesteht Missbrauch im Kinderheim

Der Angeklagte Wolfgang W. (2. v. l.)
neben seinem Verteidiger

Der Angeklagte Wolfgang W. (2. v. l.) neben seinem Verteidiger

Foto: Philipp Schulze / dpa

47-Jähriger soll sich jahrelang an zwei Jungen vergangen haben. „Kuscheln und Massieren“ gehörten aber zum Therapiekonzept.

Winsen.  Im Kinderheim Anderland in Boitze (Niedersachsen) sollen mindestens zwei Jungen jahrelang missbraucht worden sein. Wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen muss sich ein früherer Leiter von Anderland vor der Jugendkammer des Landgerichts Lüneburg verantworten. Der 47-jährige Wolfgang W. sitzt in Untersuchungshaft. Er hat die Taten gestanden. Im Kinderheim Anderland sind milieugeschädigte Kinder und Jugendliche untergebracht. Viele von ihnen kamen aus Hamburg.

Am Montag sagte eines der Opfer, der Hamburger Christian F. (Name geändert), als Zeuge aus – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Angeklagte, der zahlreiche Fotos und Videos von den Kindern und Jugendlichen gemacht haben soll, hatte zu Beginn abweichende Angaben zum zeitlichen Ablauf der Taten gemacht: Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, zwei Jungen im Alter von zwölf bis 14 Jahren in 49 Fällen missbraucht zu haben. Den damals zwölfjährigen Christian F. soll er zwischen 2005 und 2007 15 Mal missbraucht haben, den anderen Jungen 2015 in 34 Fällen.

Nach Angaben des Angeklagten soll der Missbrauch des ersten Opfers aber erst 2007 begonnen haben. Das könnte bei der Bemessung des Strafmaßes eine entscheidende Rolle spielen, weil es sich dann möglicherweise nicht mehr um ein Kind unter 14 Jahren gehandelt hätte.

Reglos saß Wolfgang W. neben seinem Verteidiger auf der Anklagebank, als Christian F., heute 22 Jahre alt, am Montagvormittag im grauen Kapuzenpulli in Jeans und Nike-Turnschuhen mit seiner Anwältin Saal 21 des Lüneburger Landgerichts betrat, um gegen seinen mutmaßlichen Peiniger vom Anderland auszusagen. Christian F. ist bis heute in psychologischer Behandlung und kann keiner Arbeit nachgehen.

Die Staatsanwaltschaft hatte von „beischlafähnlichen Handlungen“ gesprochen. So soll W. an den Jungen Oralverkehr praktiziert und sie massiert haben. Für die Opfer habe es ein Belohnungssystem gegeben. Demnach seien für jeden Missbrauch bestimmte Summen – etwa zum Kauf elektronischer Geräte – verrechnet worden. Die Anklage spricht von „Abarbeiten“ und brachte eine mögliche Sicherungsverwahrung des Angeklagten ins Spiel. Der Vorsitzende deutete zudem die Möglichkeit eines mehrjährigen Berufsverbots an.

Wolfgang W. hatte das Heim nach einem Bericht der Lüneburger „Landeszeitung“ bereits Ende der 90er-Jahre mit seiner Lebensgefährtin gegründet. „Insgesamt treffen die gegen mich erhobenen Vorwürfe im Wesentlichen zu“, ließ er erklären. Er entschuldigte sich bei den Opfern – und nannte insgesamt sogar vier Namen. Er habe „helfen und Gutes tun“ wollen. Es sei ihm bei seinem pädagogischen Konzept um „Freude an der körperlichen Begegnung“ gegangen, um eine von Beziehung und Zwängen befreite Sexualität.

Erst in der Untersuchungshaft habe er seine Ansichten überdacht und Abstand genommen, nachdem er von den seelischen Folgen bei dem älteren der beiden Opfer gehört habe. „Diese Nachricht hat meinen Lebensentwurf zerstört“, erklärte der Angeklagte, der Missbrauch tue ihm „unendlich leid“. Er wolle nicht mehr in der Betreuung arbeiten. „Ich schäme mich und bereue mein Verhalten.“

Gleichwohl verteidigte er sich im weiteren Prozessverlauf: Kuscheln und Massieren hätten zum „Therapiekonzept der familienähnlichen Gemeinschaft“ im Anderland gehört. Es seien bei den Jungen abends regelmäßig „zunächst nur Nacken, Rücken und Arme massiert“ worden. Es sei ihm bewusst gewesen, dass die Gefahr bestand, die „Grenze zwischen enger Zuwendung und Sexualität“ zu überschreiten, so W. Fotos habe er „nur“ gemacht, um die „Situationen innigster Intimität“ festzuhalten. Sie seien für ihn ein „großes Geheimnis“ gewesen, das er von seiner Frau ferngehalten habe. Nur selten habe er die Fotos angeschaut – dann aber große „Glücksgefühle“ gehabt. Am 2. Mai ist mit ersten Plädoyers zu rechnen.