Schifffahrt

Bei der Traditionsreederei Hapag-Lloyd ist Rolf der Chef

Hapag-Lloyd-Chef
Rolf Habben Jansen wird von vielen Mitarbeitern mit seinem Vornamen angesprochen

Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen wird von vielen Mitarbeitern mit seinem Vornamen angesprochen

Foto: Axel Heimken / dpa

In immer mehr Hamburger Unternehmen spricht man sich mit Du oder dem Vornamen an. Psychologen sehen auch Nachteile.

Hamburg.  Die Strategie scheint für ein Hamburger Traditionsunternehmen auf den ersten Blick ungewöhnlich. Der Vorstand des Otto-Konzerns hat, wie berichtet, allen 54.000 Beschäftigten das Du angeboten. Der Wechsel vom Sie aufs Du sei Teil des Programms „Kulturwandel 4.0“, durch das das Wir-Gefühl gestärkt werden soll, sagte Konzernchef Hans-Otto Schrader im Abendblatt-Interview. Mit dieser Duz-Praxis ist der Handelskonzern jedoch nicht allein. Denn nicht nur in Start-ups, der IT- und Werbebranche, sondern auch in Großkonzernen in der Hansestadt setzt sich das informelle Du zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten immer mehr durch.

So gehört das Duzen beispielsweise bei dem britisch-niederländischen Konsumgüterkonzern Unilever mit Deutschlandzentrale in der HafenCity „quasi zur Unternehmens­­­­kultur“, sagt Alexandra Heinrichs, stellvertretende Leiterin der Personalabteilung von Unilever für Deutschland, Österreich und die Schweiz. „Bei uns duzen sich auch Praktikant und Chairman, also völlig unabhängig von der Hierarchieebene.“ Bei Konkurrent Beiersdorf gibt es zwar keine offizielle Regelung. „Allerdings wird in vielen Bereichen schon mehr geduzt als gesiezt, da im internationalen Kontext ja überwiegend Englisch gesprochen wird“, sagt eine Sprecherin des Nivea-Herstellers.

Und auch bei Hamburgs Traditionsreederei Hapag-Lloyd weicht der Gebrauch des formellen Sie zunehmend auf. Wie vor Kurzem berichtet, ist das Unternehmen zweisprachig, die weltweite Unternehmenssprache ist Englisch. „Dabei spricht man sich automatisch mit dem Vornamen an, der Gebrauch von ,Mr‘ und ,Mrs‘ ist schon lange nicht mehr üblich“, sagt ein Hapag-Lloyd-Sprecher. Unter deutschen Kollegen werde das unterschiedlich gehandhabt. „Hier entscheidet jeder selbst über das Duzen und Siezen.“ Der Vorstandsvorsitzende Rolf Habben Jansen, gebürtiger Niederländer, werde überwiegend mit seinem Vornamen angesprochen.

Auch in der Holsten-Brauerei sind fast alle Mitarbeiter per Du mit dem Chef. „Diese Art der Ansprache ist modern und passt nicht nur gut zum Unternehmen, sondern auch zu meiner Person“, sagt Sebastian Holtz, Deutschlandchef von Carlsberg. „Es geht bei uns um die gemeinsame Arbeit – um das, was der Mitarbeiter in der Produktion leistet genauso wie um den Beitrag eines Top-Managers.“

Psychologen erkennen im Duzen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern sowohl Vor- als auch Nachteile. „Das Du soll ein Wir-Gefühl suggerieren. Wenn Führungskräfte das Konzept auch nachhaltig leben, kann das ein Unternehmen voranbringen“, sagt die Berliner Diplom-Psychologin Kerstin Till. Gleichzeitig sei die Frage, warum ein gemeinsames Ziel nicht auch per Sie erreicht werden könne. „Eine gewisse Distanz am Arbeitsplatz hat auch Vorteile“, meint Till. Der Hamburger Diplom-Psychologe und Karriere-Coach Tom Diesbrock sieht das Duzen am Arbeitsplatz hingegen kritisch. „Das Du gaukelt eine Nähe vor, ein privates Verhältnis, das wie eine Verpflichtung verstanden werden kann“, meint er. „Das ist bei der Arbeit fehl am Platz.“ Den Menschen falle es schwerer, die professionelle Distanz zu wahren. „Wenn Hierarchien scheinbar verwischen, geht das auf Kosten der Mitarbeiter“, meint Diesbrock. Individuelle Belange wie beispielsweise das Bitten um eine Gehaltserhöhung oder sich für die Einhaltung des Aufgabenprofils einzusetzen, blieben auf der Strecke. Der Karriere-Coach plädiert für eine „gesunde Distanz“ zwischen Chef und Angestellten, die durchs Siezen klarer zum Ausdruck komme.