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Wie Angelina Jolie Hamburgs Gesundheitssystem verändert

US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich beide Brüste entfernen lassen

US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich beide Brüste entfernen lassen

Foto: dpa Picture-Alliance / Facundo Arrizabalaga / picture alliance / dpa

Immer mehr Frauen machen einen Gentest, weil sie Angst vor einer erblichen Veranlagung haben, die das Risiko für Brustkrebs erhöht.

Hamburg.  Diagnose Brustkrebs: Ein Schock für betroffene Frauen. Jetzt kommt offensichtlich bei vielen auch immer häufiger die Angst dazu, der Krebs könnte aufgrund einer familiären Veranlagung entstanden sein. Oder gesunde Frauen befürchten, aufgrund genetischer Faktoren daran zu erkranken. Wer eine oder mehrere Frauen in der Familie hat, die bereits an diesem Tumor erkrankt sind, geht schneller als früher den Schritt, sein erbliches Risiko durch einen Gentest untersuchen zu lassen. Mediziner sprechen bereits von einem Angelina-Jolie-Effekt.

Die Schauspielerin hatte sich 2013 beide Brüste und später auch die Eierstöcke entfernen lassen, weil in einem Gentest eine Genmutation festgestellt wurde, die ein stark erhöhtes Risiko für Brust- und Eierstockkrebs zur Folge hat. „Das Bewusstsein ist deutlich gestiegen, sowohl bei den Frauen als auch bei den behandelnden Ärzten. Die Schauspielerin hat diesen Trend beschleunigt, der sowieso schon vorhanden war“, sagt Privatdozentin Dr. Isabell Witzel, Gynäkologin am Uniklinikum Eppendorf (UKE). Allein zwischen 2014 und 2015 wuchs die Zahl der Gentests bei Versicherten der Ersatzkassen bundesweit um knapp 30 Prozent auf mehr als 3500, teilt der Verband der Ersatzkassen (VDEK) mit.

Auch in Hamburg gibt es ähnliche Erfahrungen. „Von den 500 Frauen, die wir 2015 wegen Brust- und Eierstockkrebs operiert haben, ist ungefähr ein Drittel nach der Diagnose humangenetisch beraten worden. Die Zahl hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verdreifacht“, sagt Prof. Christoph Lindner, Chef der Frauenklinik am Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg. Er leitet dort auch ein Zentrum für Brustkrebs und eines für Eierstockkrebs.

Brustkrebs häufigste Krebsart bei Frauen

Das belegt, dass die Sorge, an Brustkrebs zu erkranken, steigt. Und sie ist begründet. Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Laut Krebsregister (neueste Zahlen von 2013) erkrankten in Hamburg 1631 Frauen und 13 Männer erstmals an Brustkrebs. Im Jahr davor waren es 1573 Frauen und 14 Männer. Bei Eierstockkrebs erhöhte sich die Patientinnenzahl von 179 (2012) auf 199 im Jahr 2013.

Ob man Jolie nun nacheifert oder nicht – die folgenreiche und für Frauen psychisch belastende Entscheidung zu einem Gentest und den Schlüssen, die man daraus zieht, wird nun von Experten und Krankenkassen abgesichert. In Hamburg hat der VDEK mit der Techniker Krankenkasse, Barmer GEK, DAK und HEK einen Versorgungsvertrag mit dem UKE geschlossen. Entstanden ist daraus ein neues Referenzzentrum für Frauen mit erblich bedingtem Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken.

Der Vertrag sieht vor, für Frauen, die ein genetisch erhöhtes Risiko haben oder dies befürchten, eine interdisziplinäre Sprechstunde einzurichten. Dort arbeiten Experten der Humangenetik, Gynäkologie, Radiologie und Psychoonkologie zusammen. Je nach Bedarf wird den Frauen eine humangenetische und gynäkologische Beratung angeboten, weiterführende Gendiagnostik, intensivierte Früherkennung und Nachsorge sowie Beratungen zu vorbeugenden Maßnahmen.

Das Referenzzentrum ist eines von bundesweit 18, die auf Initiative des Konsortiums „Familiärer Krebs“ der Deutschen Krebshilfe entstanden sind. Die Leiterin der Hamburger VDEK-Vertretung, Kathrin Herbst, begründete den neuen Vertrag mit dem UKE mit der Unsicherheit vieler Frauen über eine erbliche Vorbelastung. „Aber Beratung und Testung sollten nicht dem Zufall überlassen bleiben. Sie sollten dort stattfinden, wo das medizinische Know-how gebündelt ist und hohe Qualitätsstandards gelten.“

BRCA-Gene spielen wichtigste Rolle

Die Tests kosten rund 3000 Euro. Doch dies ist nur ein Teil der Behandlung. Für die Krankenkassen ist auch wichtig, dass das UKE gewährleistet, dass die Frauen mit den Ergebnissen nicht alleingelassen, sondern beraten werden. Dabei können die Ärzte vielen Frauen die Angst nehmen. „Denn wenn Frauen Brustkrebs haben, ist das nur bei fünf bis zehn Prozent durch erbliche Veranlagungen erklärbar“, sagt Witzel, die das neue Zentrum leitet.

Laut Lindner ist damit zu rechnen, dass diese Zahl in den nächsten Jahren deutlich über zehn Prozent steigen wird, weil mehr Risikogene erkannt werden. In den Zentren des Konsortiums werden die Frauen auf zehn Risikogene getestet. Die wichtigste Rolle spielen dabei die BRCA-Gene. Frauen, die eine Mutation im BRCA1- oder -2-Gen haben, haben ein bis zu 80-prozentiges Risiko, im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken, und ein Eierstockkrebsrisiko bis 40 Prozent. „Bei anderen Genmutationen geht man von einem 1,5- bis fünffach moderat erhöhten Brustkrebsrisiko aus“, sagt Witzel.

Liegt eine Mutation der BRCA-Gene vor, empfehlen Ärzte eine intensivierte Früherkennung. Das heißt, einmal jährlich muss die Frau eine Kernspinuntersuchung der Brüste und zweimal im Jahr eine Ultraschalluntersuchung machen lassen. „Die Alternative ist, sich prophylaktisch Brüste und Eierstöcke entfernen zu lassen. Das reduziert das Erkrankungsrisiko enorm. Aber solche Eingriffe sollten die Frauen sich gut überlegen und sich für die Entscheidung Zeit nehmen“, sagt Witzel.

Frauen mit Mutationen in den BRCA-Genen wird aber empfohlen, um das 40. Lebensjahr ihre Eierstöcke entfernen zu lassen. „Denn für diesen Krebs gibt es keine Früherkennung und er ist auch schwerer zu behandeln, weil er oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird“, sagt Witzel

Allerdings gibt es einen Trend, dass Frauen eine radikalere Operation fordern als unbedingt nötig. „Bei jungen Frauen in den USA, die an Brustkrebs erkranken, gibt es seit etwa zehn Jahren den Trend, dass sie sich vorbeugend beide Brüste abnehmen lassen, auch wenn sie keine Genmutation haben“, sagt Witzel. „Dieser Trend schwappt jetzt auch nach Deutschland herüber“, sagt Witzel. Meist sind dies Frauen vor dem 40. Lebensjahr. Nach Entfernung der Brüste werden dann oft Implantate eingesetzt.

In Deutschland gilt: Wenn es nach einem positiven Gentest eine erhöhtes Risiko für eine Brustkrebserkrankung gibt und die Patientin nach einer Beratung entscheidet, sich die Brüste entfernen zu lassen, wird das von den Kassen bezahlt. Betroffene Frauen können dank des bundesweiten Verbundes mit ihren Ergebnissen auch eine kostenlose Zweitmeinung von einem anderen zertifizierten Zentrum einholen.

Weitere Informationen:
Referenzzentrum am UKE: Unter der Telefonnummer 040/741 02 38 80 kann ein Termin für ein Beratungsgespräch vereinbart werden