Hamburg

Sexuelle Gewalt: Martyrium in der Flüchtlingsunterkunft

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Christoph Heinemann
Flüchtlingscontainer an der Schnackenburgallee in Bahrenfeld. Auch dort soll es Übergriffe gegeben haben

Flüchtlingscontainer an der Schnackenburgallee in Bahrenfeld. Auch dort soll es Übergriffe gegeben haben

Foto: picture alliance

Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder häufen sich laut neuer Statistik. Mitarbeiter vermuten Dunkelziffer.

Hamburg.  Das Personal in der Sprechstunde sah die Pein der jungen Syrerin sehr schnell. An den Innen­flächen ihrer Oberschenkel zogen sich Striemen. Ihre Handgelenke hatten sich unter dem Druck kräftiger Hände verfärbt. Sie müsse den Vergewaltiger anzeigen, rieten ihr die Ärztin und ihr Assistent. „No, no, no“, antwortete die Frau nur. Keine weitere Untersuchung, keine Anzeige. „Sie wurde inzwischen in ein anderes Bundesland gebracht. Wir können nur hoffen, dass sie es schafft“, sagt eine Augenzeugin.

Erzählungen wie diese sind nicht selten in Hamburger Flüchtlingsunterkünften. „Die Häufigkeit der Übergriffe ist in etwa konstant, trotz aller Bemühungen“, heißt es aus der Verwaltung. Die Zahlen der registrierten Fälle weist sogar einen Anstieg aus: Allein in den Unterkünften der städtischen Gesellschaft „Fördern & Wohnen“ wurden seit Jahresbeginn fünf Fälle von sexueller Gewalt registriert – bereits halb so viele wie im gesamten Jahr 2015. Hinzu kommen vier registrierte Übergriffe in anderen Flüchtlingsheimen, darunter sexuelle Nötigung und häusliche Gewalt. Das ergab eine Kleine Anfrage der FDP-Bürgerschaftsabgeordneten Jennyfer Dutschke an den Senat.

Erstmals häufen sich auch mutmaßliche Fälle des Missbrauchs von Kindern massiv. So wurden laut der Senatsantwort seit November bereits fünf Strafanzeigen wegen mutmaßlicher Missbrauchsfälle gestellt – in einem weiteren Fall wurden die folgenden Ermittlungen bereits eingestellt. Allein im Februar kam es nach Abendblatt-Informationen zu drei mutmaßlichen sexuellen Übergriffen auf Kinder in Zen­tralen Erstaufnahmen (ZEA), die teilweise noch nicht in der Statistik enthalten sind.

Der jüngste Vorfall: Am 10. und 11. Februar soll sich in der ZEA an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg ein Mann vor einem neun Jahre alten Mädchen entblößt und obszöne Bewegungen gemacht haben. Bereits am 1. Februar hatte ein Erwachsener einen neunjährigen Jungen am Jenfelder Moorpark gepackt, geschlagen und eindeutige Forderungen gestellt. Einen Tag später nahm die Polizei auch Ermittlungen wegen eines sexuellen Übergriffs auf ein fünf Jahre altes Mädchen in der Unterkunft Hesselstücken in Groß Bors­tel auf. Der Täter, ein Syrer, der als „Freund der Familie“ bezeichnet wurde, konnte festgenommen werden.

Schutzräume für Frauen und Kinder brachten noch keinen Erfolg

Die Betreiber der Unterkünfte arbeiten eng mit der Polizei zusammen, um Übergriffe auf Frauen und Kinder zu verhindern. „Nach wie vor achten wir darauf, allein reisende Frauen und ihre Kinder in einem separaten Bereich nah an den Büros des Personals unterzubringen. Wir halten an allen Standorten auch weibliches Wachpersonal vor“, sagte die Sprecherin der Gesellschaft „Fördern & Wohnen“, Susanne Schwendtke. Nach der Senatsantwort sind derzeit 1283 Frauen und 798 minderjährige Mädchen, die Hamburg zugewiesen wurden, in den Erstaufnahmen der Stadt untergebracht.

Ein beträchtlicher Teil der weiblichen Flüchtlinge habe mindestens Belästigungen durch einzelne Bewohner erleiden müssen, erzählen Mitarbeiter von „Fördern & Wohnen“. „Für arabische Frauen ist es die vorstellbar größte persönliche Schande, durch einen Übergriff entehrt zu werden“, sagt eine Medizinerin aus einer Unterkunft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Entsprechend hoch sei die Dunkelziffer. Nach ihrer Erfahrung erfinden Flüchtlingsfrauen aber auch Übergriffe, um in bessere Unterkünfte verlegt zu werden. „Das ist menschlich nachvollziehbar.“ Insgesamt wurde die Mehrheit der Ermittlungsverfahren wegen vermeintlicher Übergriffe eingestellt.

Aus dem Senatsumfeld heißt es, man könne nicht viel mehr gegen sexuelle Übergriffe ausrichten, als möglichst viele Angebote für Frauen zu schaffen. Bereits im Herbst 2015 hatte die Innenbehörde nach Berichten über sexuelle Übergriffe angekündigt, allein reisende Frauen und ihre Kinder künftig teilweise auch in speziellen Einrichtungen einzuquartieren.

Für die FDP-Politikerin Jennyfer Dutschke sind die Bemühungen des Senats halbherzig. „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass insbesondere Kinder immer öfter Opfer von Übergriffen werden. Dieser Zustand ist nicht länger hinnehmbar“, sagte Dutschke. Im Sozialausschuss hätten Senatsvertreter offenbart, „dass ihnen der Überblick fehlt, wo es bislang Schutzräume und spezielle Angebote gibt“.

Auch für die CDU-Flüchtlings­expertin Karin Prien ist offenkundig, „dass weder bei der räumlichen Trennung vor Ort noch der Schaffung spezieller Unterkunft ausreichende Maßnahmen getroffen wurden“. Insbesondere die weiblichen Geflüchteten hätten es verdient, in Deutschland vor einem Trauma geschützt zu werden.

Im Flüchtlingsdorf an der Schnackenburgallee wurden zuletzt Aufenthaltsräume für Frauen mit einem Notfallfunkgerät eingeweiht, ein ähnliches System soll an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg entstehen. „Unsere Augen und Ohren sind offen“, sagt eine Mitarbeiterin der ZEA in Bahrenfeld. „Aber wir können nur diejenigen schützen, die etwas Vertrauen fassen.“

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