Prozess

Gefährliche Körperverletzung mit Steinobst

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Daniel Herder
Nektarinen: Schmackhaft, aber auch sehr schmerzhaft

Nektarinen: Schmackhaft, aber auch sehr schmerzhaft

Foto: dpa Picture-Alliance / Pfeiffer, J. / picture alliance / Arco Images G

Der Manager von Profiboxer Jack Culcay-Keth hat zwei Radfahrer mit Nektarinen beworfen und verletzt: Verhandlung vor dem Amtsgericht.

Neustadt.  Die Geschichte, um die es am Dienstag vor dem Amtsgericht Mitte geht, klingt etwas grotesk: Am 20. Juli 2014 sind Jack Culcay-Keth, Profiboxer und WBA-Interimsweltmeister im Halbmittelgewicht, und sein Manager Moritz K. in einem Land Rover auf der Heilwigstraße in Eppendorf unterwegs. Culcay-Keth sitzt hinter dem Steuer, Moritz K. ist sein Beifahrer. Plötzlich schnappt sich Moritz K., 34, ein paar Früchte, die auf der Mittelkonsole liegen, und feuert sie auf zwei Radfahrer. Eine Radfahrerin stürzt mitten auf einer Kreuzung, der andere Radfahrer erleidet Schmerzen. Kann man vor diesem Hintergrund, bei den gravierenden Folgen für die Opfer, noch von einer Posse sprechen?

Wer im Archiv nach Nektarinen und Körperverletzung sucht, wird nicht viel finden

Für Moritz K. jedenfalls hat die Attacke ein juristisches Nachspiel. Angeklagt ist die Tat als „gefährliche Körperverletzung“, dem Gesetz nach eine Körperverletzung also, die „mittels einer Waffe oder eines gefährlichen Werkzeugs“ begangen wird, so steht es in Paragraf 224 des Strafgesetzbuchs. Das „gefährliche Werkzeug“ war in diesem Fall eine Nektarine, die nicht nur als „Mutation eines Pfirsichs“ definiert ist, sondern auch als Steinobst.

Wer im Archiv nach „Nektarine“ und „gefährliche Körperverletzung“ sucht, stößt auf nicht allzu viel ähnlich gelagerte Fälle. Im Sommer vergangenen Jahres wurde in Berlin eine Familie mit Obst und Gemüse beworfen, was Ermittlungen gegen zwei Jugendliche auslöste. Ebenfalls in der Hauptstadt tobte jahrelang zwischen Bewohnern der Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain die Schlacht um die Oberbaumbrücke, bei der sich Hunderte Menschen in einer brechreizfördernden Orgie verfaultes Obst um die Ohren schlugen. Derlei ist natürlich nicht strafbar – wenngleich schon Kindern eingebläut wird, dass man mit Essen nicht spielt.

Der Angeklagte versteht selbst nicht mehr, was mit ihm los gewesen ist

Nur war es pure Wut, die Moritz K. zu der Attacke mit dem Steinobst getrieben hat und nicht anarchischer Nonsens. Als Erstes erwischte es die Zeugin Inken J. – obgleich sie, wie der Angeklagte gleich einräumt, gar nicht sein Ziel war. „Ich bin die Heilwigstraße entlanggefahren, vor mir setzte ein Land Rover aus einer Parklücke heraus“, sagt die 39-Jährige. Offenbar so rasant, dass der vor ihr radelnde Radfahrer eine Kollision nur durch einen Schlag auf den Wagen vermeiden konnte. „Er hat reflexartig auf die Heckscheibe gehauen, sonst wäre er umgefahren worden“, sagt die Zeugin. Plötzlich habe etwas die Speichen ihres Fahrrads getroffen, eine Nektarine, möglicherweise noch eine zweite. „Das waren ziemlich wuchtige Würfe, da saß richtig Kraft hinter.“ Inken J. stürzte vom Rad, mitten auf der Kreuzung. „Glücklicherweise konnte ein entgegenkommender Wagen rechtzeitig bremsen“, sagt die 39-Jährige. Seit der Sache verhalte sie sich „noch vorsichtiger“ im Straßenverkehr.

Moritz K., ausgebildeter Fitnesstrainer, ist ein sehr groß gewachsener Mann mit sehr breiten Schultern. Man kann sich gut vorstellen, dass ein platzierter Wurf mit einer Nektarine mehr als nur ein paar Blessuren verursacht. Heute versteht der 34-Jährige selbst nicht, was im Juli 2014 mit ihm los gewesen ist. „Wir waren auf dem Weg ins Trainingslager, ich war wütend, weil der Radfahrer so wuchtig auf das Auto geschlagen hat“, sagt der unbestrafte Angeklagte. „Im Affekt“ habe er eine der neben ihm liegenden Nektarinen genommen und in Richtung des vermeintlichen Rüpels geschmissen. „Aus Versehen hat es die Radfahrerin getroffen“, sagt er. Das hielt ihn nicht davon ab, sein Glück gleich noch mal zu versuchen – diesmal verfehlte die Nektarine ihr Ziel nicht, sie prallte mit immenser Kraft gegen den Rücken von Martin R. „Das war alles bescheuert“, sagt Moritz K. Er wolle sich bei beiden Opfern entschuldigen. Wie schmerzhaft der Wurf wirklich war, lässt sich erahnen, als die Richterin die Akte mit einer Fotografie des Rückens kurz nach dem Angriff in die Runde zeigt. Darauf zu sehen ist ein flammendroter, kreisrunder Abdruck, den die Nektarine auf der Haut hinterlassen hat. Zu den psychischen und physischen Folgen hätte Martin R. vermutlich einiges zu sagen – nur erscheint der Zeuge am Dienstag nicht.

Profiboxer Culcay-Ketz musste nicht aussagen

Eine Aussage bleibt auch Profiboxer Culcay-Keth erspart, dem Fahrer des Land Rovers. Gegen ihn wurde ebenfalls ermittelt – zumindest solange, bis sich sein Manager der Polizei stellte und die Nektarinenwürfe gestand. „Hätten Sie es nicht getan, säßen wir möglicherweise nicht hier. Wenn sich niemand der drei Insassen des Land Rovers zur Tat bekannt hätte, hätte der Täter vielleicht nie ermittelt werden können“, sagt die Richterin. Noch bevor Culcay-Keth als Zeuge vernommen werden kann, ist der Fall schon erledigt.

Für den Angeklagten geht der Prozess glimpflich aus, für seine Opfer endet er zumindest versöhnlich. 2000 Euro Geldbuße muss Moritz K. an Martin R. und 500 Euro an Inken J. zahlen, im Gegenzug ist die Staatsanwaltschaft zur Einstellung des Verfahrens bereit, „allerdings nur mit zwei zugedrückten Augen“, betont die Staatsanwältin. Ähnlich sieht es die Richterin, die dem reuigen Angeklagten noch einmal ins Gewissen redet: „Was sie gemacht haben, war untragbar gefährlich.“

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