Buchkritik

Der Roman der Stunde – Das Schicksal eines Asylbewerbers

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, ist ein preisgekrönter deutscher Schriftsteller. „Ohrfeige“ ist sein vierter Roman

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, ist ein preisgekrönter deutscher Schriftsteller. „Ohrfeige“ ist sein vierter Roman

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Der deutsche Schriftsteller Abbas Khider veröffentlicht seinen vorzüglichen Roman „Ohrfeige“. Lesung im Februar in Hamburg.

Hamburg.  Ausgerechnet Dachau. Nicht Paris, nicht einmal Frankreich. Nein, die bayerische Provinz. Die KZ-Stadt. Dort landet Karim Mensy an, der Held des Romans „Ohrfeige“, ein aus dem Irak geflohener Mann, der Anfang 20 ist und erst einmal so verloren, wie man nur sein kann. Bald wird er im Asylbewerberheim leben. Er wird eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, die ihm dann wieder entzogen wird. Er wird rituell kontrolliert werden von deutschen Polizeibeamten.

Um Migration ging es auch schon in Khiders ersten drei Romanen

Er wird irgendwann eine eigene Wohnung beziehen, wird Jobs, wird eine Geliebte haben. Wird vom Fernseher stehen und erschrocken die Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme bestaunen. Und er wird immer das Gefühl haben, fremd zu sein, aber nach Hause nicht zurückdürfen. Er wird im ewigen Transit sein, ein Zustand, dem nur mit Sarkasmus, Humor, Lebensfreude zu begegnen ist. Aber besonders mit Wut.

Der Schriftsteller Abbas Khider hat, natürlich, ein Buch der Stunde geschrieben mit seinem neuen Roman. Das Flüchtlings-Thema ist das alles überwölbende der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart. Wem der Autor Khider ein Begriff ist, der weiß freilich, dass die Erfahrung der Migration nicht jetzt erst der Stoff ist, aus dem er Literatur macht. Seine ersten drei Romane porträtierten die Leben der Emigranten, der Menschen in autoritären Staaten und im Nahen Osten generell. Sie erschienen alle beim Hamburger Nautilus-Verlag, der einst auch Frank Witzel entdeckte.

Abbas Khider kam im Jahr 2000 nach Deutschland und erhielt Asyl

„Ohrfeige“ kommt nun beim großen Münchner Hanser-Verlag heraus, und man darf auch grundsätzlich sagen, dass das Buch viele Leser verdient. Anders als Jenny Erpenbecks unsentimentale Gutmensch-Revue „Gehen, ging, gegangen“ und Shumona Sinhas Hardcore-Realismus in „Erschlagt die Armen!“ erzählt Khider ausschließlich aus der Perspektive der illegal und mithilfe von Schleppern Einreisenden, die in Deutschland beinah genauso unfrei sind, wie sie es in ihren Heimatländern waren. Ehe sich ihr Status klärt, dürfen sie weder ihren Wohnort frei wählen noch einer Arbeit nachgehen.

Abbas Khider bedient sich in Teilen in seiner eigenen Vita, wenn er vom Himmel-und-Hölle-Ritt des jungen Irakers Karim Mensy erzählt. 1973 in Bagdad geboren, wurde Khider mit 19 verhaftet, weil er gegen Saddam Hussein protestierte. Er kam ins Gefängnis und floh. Anschließend lebte er als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern und kam im Jahr 2000 nach Deutschland, wo er Asyl erhielt. Khider studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und lebt als auf Deutsch schreibender Schriftsteller mittlerweile in Berlin.

„Ohrfeige“ ist ein radikales Buch, ein bewusst auf die von sehr wenig Willkommenskultur empfangenen Einreisenden reduziertes Sittenbild. Es zeigt, wie es unter Bittstellern zugeht, die schnell die kalte Logik der deutschen Behörden verinnerlichen. Wer bleiben will, muss eine gute Geschichte der Verfolgung erzählen.

Und nicht etwa die Wahrheit, die im Falle des Romanhelden darin besteht, sich im Westen einer Schönheitsoperation unterziehen zu wollen. Er leidet unter seinen Männerbrüsten. Solche Ideen entbehren nicht der Komik, und überhaupt ist „Ohrfeige“ mit seiner Ironie und Lakonie ein stellenweise amüsantes Buch. Trotzdem ist es insgesamt ein anklagender Text, das verdeutlicht bereits die Ausgangssituation: Der von der Abschiebung bedrohte Karim Mensy – in Irak soll es jetzt wieder sicher für einstige Regimegegner sein, nachdem Saddam entmachtet ist – knallt seiner Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde erst eine, um dann zur großen Suada auszuholen. Er erzählt ihr und den Lesern von seinem Leben damals im Irak und jetzt in der Fremde. Es geht um Katharsis!

Die Trennung zwischen Einheimischen und Zugezogenen ist kein Klischee

Das Land, in dem er sich so um Integration bemühte, will ihn wieder rausschmeißen; nach dreieinhalb Jahren. Das System kennt keine Menschlichkeit. Der nächste Schlepper, das nächste Ziel – Finnland. „Noch heute, Frau Schulz, wird er mir helfen, mich von dieser nicht enden wollenden deutschen Qual zu befreien“, ruft er der immer kalten und jetzt erzwungenermaßen zuhörenden Behördenmitarbeiterin entgegen. „Ohrfeige“ ist die Rache der institutionell Gepeinigten an der Pedanterie und Ignoranz des Systems.

Wer sich heute fragt, wie sich allein reisende junge Männer fühlen, wenn sie in ein fremdes Land kommen und dort vor allem auf die treffen, denen es geht wie ihnen selbst, der lese dieses Buch. Mit den sexuell übergriffigen, aggressiven Arabern der Silvesternacht haben die Männer in Khiders Roman insofern zu tun, als sie sich in ähnlicher Weise zusammenrotten bzw. zusammengerottet werden. Der kulturelle Trennstrich zwischen Einheimischen und Zugezogenen ist eine Tatsache, die „Ohrfeige“ schonungslos abbildet.

Und doch ist Karim, der Romanheld, ein Musterbeispiel des Bemühens um Ankommen in dem anderen Land. Nach Saddams Fall muss er realisieren, wie zynisch die Politik ist. Er selbst und auch die wahren Regimegegner sollen Deutschland verlassen, während Saddams Parteigänger – sie sind nun im Irak gefährdet – Aufnahme finden.

Bei Burger King ein Bürger werden?

Literatur kann helfen, Verständnisgrenzen zu überwinden, Literatur kann die Funktion der empathischen Einfühlung übernehmen. Empathie ist das, was den Unmenschen und Zündlern von der AfD, was den Pegidisten fundamental fehlt.

Und, da allerdings berufsmäßig, auch den Behördenmitarbeitern, die jedes Schicksal überprüfen müssen und niemanden einfach durchwinken können. Wie nervenzerrend der Job der Ausländerbeauftragten in der Administrative ist, wie sehr er innerliche Abschottung voraussetzt, hat jüngst Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen!“ (Nautilus) beschrieben. Sinha verlor nach ihrem schonungslosen und gleichzeitig poetischen Roman den Job als Dolmetscherin in der Pariser Ausländerbehörde.

Vielleicht bleibt zwischen denen, die schon da sind, und denen, die dazukommen wollen, eine nicht zu überwindende Kluft. Sei es aus Egoismus, sei es deswegen, weil die Erfahrung der Fremdheit in einem anderen Land nicht mitteilbar ist. In „Ohrfeige“ ist es bezeichnenderweise das Arabische, in das der Erzähler verfällt, wenn er der Sachbearbeiterin seine Standpauke hält: „Es ist natürlich Quatsch, jetzt mit ihr Arabisch zu sprechen, aber was soll’s. Auch wenn Arabisch ihre Muttersprache wäre, würde sie mich nicht verstehen.“

Ohne dass sich Khider an einer notwendigerweise vereinfachenden Typologie „des Flüchtlings“ versuchen würde, wirft er in seinem Roman doch einen Blick auf die Lebenswege der Asylsuchenden. Da ist der „Turbomuslim Ali“, der nur dem Koran traut und den Lebenshunger Karims religiös einhegen will: Die falsche Lebensweise fängt für die Überfrommen schon mit dem Genuss von Alkohol an. Andere Asylbewerber werden kriminell oder prostituieren sich. Das passiert im schlimmsten Fall; im besseren warten die Zuzugswilligen tatenlos auf ihren Bescheid. Die Daheimgebliebenen dürfen kein Fluchtpunkt sein, man will und soll es im fernen Europa schaffen.

Der gute Wille der Einheimischen äußert sich nicht nur in den Sozialarbeitern, die sich aufopferungsvoll um Karim und seine Freunde kümmern. Warme Wort gibt es auch vom Arbeitsamt. Asylantrag erfolgreich? Er könne eine Stelle vermitteln, bei Burger King, sagt der Sachbearbeiter, da sei man krankenversichert und könne langsam ein guter Bürger werden. Wie meine er das, fragen Karim und sein Freund, „ein Burger werden?“.

Abbas Khider liest am 17. Februar bei cohen + dobernigg (U Feldstraße), Sternstraße 4, aus „Ohrfeige“. Beginn ist um 21 Uhr, der Eintritt kostet 8 Euro