Schifffahrt

Industrie, Kreuzfahrt: So steht es um den Hamburger Hafen

Nur 200 Stellen sind entstanden. Umschlag steht weiter im Zentrum, Innovationen fehlen. Ökonom hatte für Gesprächsstoff gesorgt.

Hamburg.  Hamburgs wichtigster Ökonom hat im Abendblatt-Interview für Gesprächsstoff in der lokalen Wirtschaft gesorgt. Der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Henning Vöpel, fordert neue Konzepte für den Hafen, zum Beispiel ein 3-D-Druckzentrum an den Kaimauern. Schon im Rahmen des Hafendialogs 2011 hatten Wirtschaft und Politik eine aktivere Ansiedlung von Produktionsbetrieben im Hafengebiet gefordert. Passiert ist wenig. Das Abendblatt zeigt, wo der Hafen steht.

Umschlag

Der Hamburger Hafen ist weiterhin in erster Linie ein Umschlagplatz. Der überwiegende Teil der Flächen wird für Laden und Löschen, Lagerung und Transport von Seegütern genutzt. An erster Stelle steht dabei der Containerumschlag, der im vergangenen Jahr wegen der tiefen Krise in Russland und der Konjunkturabkühlung in China um annähernd zehn Prozent eingebrochen ist. Knapp neun Millionen Standardcontainer sind im vergangenen Jahr verladen worden. Ursprünglich waren zehn Millionen angepeilt worden. Für dieses Jahr sieht die Lage nicht viel besser aus. Auch der Stückgutumschlag sinkt seit geraumer Zeit kontinuierlich. Die Verladung anderer Güter, etwa Kraftfahrzeuge und Schwergut, lag im vergangenen Jahr bei knapp zwei Millionen Tonnen – und damit weit unter dem Vorjahresergebnis. Hinzu kommt eine düstere Perspektive: Die Hamburger Hafen und Logistik AG will ihr Tochterunternehmen HHLA-Logistics schließen, und die Firma Buss stellt zum Jahresende den Umschlag am Hansa-Terminal ein. Damit gehen dem Hafen gleich zwei Spezialisten für die Stückgutverladung verloren. Einziger Lichtblick ist die Umschlagentwicklung beim Massengut (Erz, Kohle, Getreide). Der Umschlag konnte 2015 um voraussichtlich neun Prozent zulegen.

Industrie

Neben dem Seegüterumschlag findet man im Hafen auch Industrie. Ein Blick in den aktuellen Hafenentwicklungsplan zeigt aber, dass es sich in erster Linie um hafenbezogene Produktionsbetriebe wie Werften handelt und um Grundstoff erzeugende Unternehmen, wie das Hamburger Aluminiumwerk, die Kupferhütte Aurubis und die Mineralölverarbeitung von Bomin sowie Shell. Firmenansiedlungen zur Herstellung hochwertiger innovativer Produkte sind dagegen rar. Shell betreibt auf seinem Gelände ein europäisches Forschungszentrum zur Entwicklung hochwertiger Schmierstoffe.

Der Technologiekonzern Diehl hat im vergangenen Jahr auf der Dradenau neue Produktionsräume für die Herstellung elektronischer Bauteile für Airbus in Betrieb genommen. Auf dem Gelände von Blohm + Voss hat der Motorenhersteller MAN einen Betrieb mit rund 600 Mitarbeitern, die industrielle Dampfturbinen herstellen. Hinzu kommt im Rosshafen der MAN-Betrieb zur Herstellung von Schiffsmotoren Am Eingang zum Reiherstieg hat zudem die Firma Sasol einen Ableger. Es handelt sich um einen von zwei weltweit führenden Standorten zur Herstellung von Paraffinen. Alle Betriebe sind auf neuestem Stand. Technologisch wegweisend, wie von Vöpel gefordert, sind sie allerdings nicht. Eine Ausnahme dürfte der Betrieb von Auto-Harms sein, der auf der Hohen Schaar Batterien in Elektroautos einbaut, allerdings erst in geringer Stückzahl.

Kreuzfahrt

Neben dem Umschlag von Seegütern und der industriellen Grundstoffproduktion gibt es ein boomendes Geschäftsfeld im Hafen: die Kreuzfahrten. Die Stadt verfügt inzwischen mit Anlegern in der HafenCity, in Altona sowie Steinwerder über drei Terminals. Im vergangenen Jahr zählte Hamburg 525.000 Passagiere, in diesem Jahr werden 640.000 erwartet. 2018 will die Stadt schon an der Millionen-Grenze kratzen. Das Wachstum dieser Branche hat positive wirtschaftliche Effekte ausgelöst. Neben dem Aufbau zahlreicher Verwaltungsstrukturen einzelner Kreuzfahrtanbieter ist es zur Ansiedelung neuer Dienstleistungs- und Zulieferbetriebe gekommen. An der Hotelfachschule wurde ein Fach „Cruise Management“ eingerichtet.

Freizeitangebot

Der Hamburger Hafen ist ein riesiger Wirtschaftskomplex. Für Freizeitaktivitäten bietet er kaum Platz. Dennoch hat er sich auch hier zu einem Touristenmagneten entwickelt, und damit sind nicht nur die Hafenrundfahrten gemeint. Die beiden Musical-Theater an der Elbe fassen zusammen mehr als 3800 Zuschauer pro Vorstellung. Die Stiftung Maritim betreibt mit den 50er Schuppen Besuchermagneten, und der Bundestag hat nicht zuletzt 120 Millionen Euro für den Bau eines neuen Hafenmuseums bewilligt.

Arbeitsplätze

Welche Rolle der Tourismus dabei spielt zeigt die aktuelle Erhebung des Essener Planco-Instituts. Demnach hingen im Jahr 2014 in der Metropolregion 155.600 Arbeitsplätze direkt oder indirekt am Hafen, etwa 2000 mehr als 2013. Die Zunahme ist aber weniger der Hafenwirtschaft im eigentlichen Sinne zuzuschreiben als vielmehr nachgelagerten Wirtschaftsbereichen wie etwa dem Konsum. Zudem erwiesen sich die Arbeitsplätze im Hafen als besonders produktiv: 10,9 Prozent aller Hamburger Beschäftigten arbeiteten 2014 im Hafen. Der Anteil des Hafens an der gesamten Hamburger Wertschöpfung war höher. Er lag bei 13,6 Prozent. Unmittelbar im Hafen wächst die Beschäftigung aber kaum noch. 2014 waren 42.400 Menschen dort tätig, lediglich 200 mehr als ein Jahr zuvor.

„Die Geschäftsmodelle werden sich in Zeiten der Digitalisierung verändern, hier dürfen wir nicht stillstehen“, sagt Jens Meier, Chef der Hamburg Port Authority. „Aber es geht auch darum, die notwendigen Strukturen zu schaffen, um innovative Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen nach Hamburg zu locken.“