Abendblatt-Interview

HWWI-Chef mahnt: Hamburger Hafen braucht eine Erneuerung

Prof. Henning Vöpel, 43, leitet das renommierte Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut
(HWWI), seit Sommer 2015 als Direktor und Geschäftsführer

Prof. Henning Vöpel, 43, leitet das renommierte Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), seit Sommer 2015 als Direktor und Geschäftsführer

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Hamburgs wichtigster Ökonom fordert eine Neuausrichtung des Hamburger Hafens und schlägt ein Zentrum für 3-D-Druck im Hafen vor.

Hamburg.  Die Konjunktur schwächelt weltweit – davon bleibt auch Hamburg nicht verschont, was sich unter anderem an den deutlich geringeren Umschlagzahlen im Hafen zeigt. Wie muss sich Hamburgs Wirtschaft und speziell der Hafen in den kommenden Jahren wandeln, um fit für die Herausforderungen der Zukunft zu sein? Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), zeigt im Abendblatt-Interview neue, innovative Wege auf – und warnt zugleich vor den Folgen einer zu großen Lethargie.

Hamburger Abendblatt: Russlands Wirtschaft schrumpft, in China verlieren Hunderttausende ihre Jobs wegen geringeren Wachstums – wie gefährlich sind diese weltweiten Krisenherde für Deutschland und speziell für Hamburg?

Henning Vöpel: Das sind keine guten Entwicklungen für Deutschland und Hamburg. Die Situation in Russland ist sehr kritisch – dort droht neben der Rezession womöglich noch eine Finanz- und Währungskrise. Neben China bereitet auch Brasilien Sorgen. Das noch robuste Wachstum der deutschen Wirtschaft hängt mit Blick auf die weltweiten Krisen immer stärker vom Binnenkonsum ab – das ist gefährlich, weil es dazu verleitet, die strukturellen Warnsignale zu übersehen. Gerade Hamburg als Hafenstadt ist von der Weltwirtschaft abhängig. Das hat sich schon im vergangenen Jahr gezeigt, als der Containerumschlag um rund zehn Prozent gesunken ist. Ich befürchte, dass Hamburg noch früher von den globalen Krisen getroffen wird als der Rest des Landes. Das Wirtschaftswachstum dürfte in diesem Jahr in Hamburg bei 1,2 Prozent liegen. Für Deutschland erwarten wir rund 1,5 Prozent. Die Abschwächung des Wachstums hat aber schon eindeutig strukturelle Ursachen. Auch Hamburg wird davon betroffen sein.

Was heißt das konkret?

Vöpel: Hamburg lebt zwar auf einem sehr hohen Niveau. Aber das Produk­tivitätswachstum fällt seit Jahren schwächer aus als im Bundesschnitt. Hamburg partizipiert unterdurchschnittlich am technischen Fortschritt. Die Luftfahrt, einige Maschinenbauer, zahlreiche Dienstleister und der Hafen reichen nicht aus, um Hamburg zur angestrebten Innovationshauptstadt zu machen. Das erfolgreiche „Hamburger Modell“ einer mittelständischen Exportwirtschaft gerät zudem von drei Seiten unter Druck: Viele Unternehmen können noch zu wenig mit der zunehmenden Digitalisierung anfangen. Der demografische Wandel führt dazu, dass Fachkräfte – vor allem im Mittelstand – fehlen. Hinzu kommt die Abschwächung des globalen Wachstums.

Welche Note würden Sie der Hamburger Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre geben?

Vöpel: Mit Schulnoten habe ich mich schon immer schwergetan. Ich glaube, dass die Hamburger Politik die Zukunftsthemen erkannt hat. Aber Hamburg ist kein ausgeprägter Technologie- und Wissenschaftsstandort und hat einige dominante Strukturen. Beides lässt sich nicht innerhalb von wenigen Jahren drehen. Aber wir müssen erkennen, dass neue Formen der Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft immens wichtig für den Fortschritt eines Standorts sind. Hamburg ist mir oft zu satt. Der Stadt fehlt es zum Beispiel im Vergleich zu München oder Stuttgart an bundesweit bedeutenden Leitprojekten.

Was soll Hamburg hier konkret machen?

Vöpel: Ich könnte mir ein weiteres Standbein wie Life Sciences vorstellen – speziell die Medizintechnik bietet Chancen für technologiegetriebenes Wachstum. Denn hier hat Hamburg bereits Strukturen, auf die es aufsetzen kann. Zudem müsste man den Strukturwandel im Hamburger Hafen viel aktiver gestalten. Der Hafen in seiner heutigen Form ist nicht mehr der Wachstumstreiber für die Stadt. Man könnte dort zum Beispiel ein Zentrum für 3-D-Druck aufbauen. An den Kaimauern kommen schließlich wichtige Rohstoffe wie Eisenerz an – und diese könnte man für den 3-D-Druck von Industrieteilen oder ähnlichen Produkte nutzen. Gerade durch den 3-D-Druck wird in Zukunft deutlich weniger Standardproduktion und viel mehr Spezialisierung gefragt sein – die Verbindung von Industrie, wissensintensiven Dienstleistungen und Logistik ist eine Riesenchance für Hamburg. Es wäre sehr gefährlich, auf den Hafen als reinen Umschlagplatz für Waren zu vertrauen. Denn die Integration großer Schwellenländer in die Weltwirtschaft – einhergehend mit stark steigenden Warenströmen – liegt hinter uns.

Das hört sich dramatisch an.

Vöpel: Der Umbruch zumindest ist fundamental. Die Weltwirtschaft steht vor bedeutenden technologischen und geopolitischen Veränderungen. Die Welt wird gerade neu vermessen: Grenzen verschieben sich, Städte transformieren sich zu Smart Citys. Auch für den alten Wohlstand in Hamburg gibt es keine Ewigkeitsgarantie. München liegt technologisch vor uns. Und Berlin lockt immer mehr innovative Firmen aus der digitalen Welt an. Hamburg hat als Hafenstadt von den weltwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte profitiert. Diese Trends ändern sich aber gerade grundlegend ...

Aber die Hafenstadt lockt immerhin mehr Kreuzfahrtgäste und Musicalbe­sucher an ...

Vöpel: Aber es reicht nicht aus, wenn unsere Wirtschaft vor allem auf Kreuzfahrer und Musicalbesucher setzt. Wir brauchen technologisch anspruchsvolle, innovationsstarke Wirtschaftszweige. Hamburg ist ein leistungsfähiger Standort, aber er muss aus der Position dieser Stärke heraus die Grundlagen für den Wohlstand von morgen legen.

Mit Blick auf die Hamburger Wirtschaft: Welchen Berufsweg sollte ein Schulabgänger in der Stadt einschlagen, damit er gute Jobaussichten hat?

Vöpel: Wirtschaft wird sich in Zukunft viel stärker entlang von Wissenschaft und Forschung organisieren. Mehr denn je ist vernetztes Denken gefragt – gerade vor dem Hintergrund der neuen Gründerzeit, die jetzt anbricht. Es sind aber nicht nur akademische Berufe, sondern auch Fachkräfte im Bereich des Handwerks und technischer Berufe, denen sich heute wieder interessante Möglichkeiten bieten. Vor allem aber wird im Berufsleben lebenslanges Lernen immer wichtiger. Denn die technologischen Veränderungen in der Wirtschaft finden in immer kürzeren Abständen statt, die Beschäftigten der Zukunft müssen extrem lernfähig sein.