Terrorismus

Schießerei in Winterhude: Die Spuren der RAF in Hamburg

Margrit Schiller (l.) beim Verlassen des Untersuchungsgefängnisses im Fe­bruar 1972. Später verurteilte das Hamburger Landgericht sie zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug

Margrit Schiller (l.) beim Verlassen des Untersuchungsgefängnisses im Fe­bruar 1972. Später verurteilte das Hamburger Landgericht sie zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug

Foto: dpa Picture-Alliance / dpa / picture-alliance / dpa

Bomben, Morde, Hafenstraße: Das „rote“ Hamburg galt als Hochburg des RAF-Terrors. Ein Experte korrigiert jetzt dieses Bild.

Hamburg.  Die Nachricht irritierte viele Hamburger, manchen machte sie auch Angst: Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Überfall auf einen Geldtransporter im vergangenen Sommer in Stuhr bei Bremen offenbar auf das Konto von drei gesuchten RAF-Terroristen geht. Diese Erkenntnis sorgte gerade in der Hansestadt für Aufsehen, weil die drei Täter, Daniela Klette, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Burkhard Garweg, zeitweise in Hamburg gelebt hatten. Böse Erinnerungen werden wach.

Denn vor allem in den frühen 1970er-Jahren galt Hamburg als eine der Hochburgen der Rote-Armee-Fraktion (RAF), als logistischer Stützpunkt mit konspirativen Wohnungen und einer relativ großen Unterstützerszene.

Eine viel zitierte Umfrage aus den 70er-Jahren zeigte ein deutliches Bild

In Hamburg hatte Ulrike Meinhof, deren Name für immer mit dem RAF-Vorläufer Baader-Meinhof-Gruppe verbunden ist, ein umfangreiches links-intellektuelles Netzwerk geknüpft. Am Jungfernstieg wurde die Terroristin Gudrun Ensslin im Juni 1972 in einer Boutique verhaftet, und in Hamburg erfolgte im November 1974 auch die spektakuläre Beisetzung des an den Folgen eines Hungerstreiks gestorbenen Holger Meins, der auch hier geboren war. Drei Beispiele von vielen, die damals das Image der Stadt in der bundesweiten Wahrnehmung mitprägten.

Seit den späten 1960er-Jahren galt es in linken Kreisen zeitweise als schick, sich mit den gesuchten Terroristen zu solidarisieren – bis hinauf ins linke Bürgertum. Laut einer immer wieder zitierten Umfrage aus dem Jahr 1971 gaben damals zehn Prozent der Befragten an, sie seien bereit, gesuchte Terroristen zu verstecken. Doch je brutaler die einstige Baader-Meinhof-Gruppe, umgangssprachlich auch als Bande bezeichnet, vorging, desto schneller schwand diese skurrile „Solidarität“. Und brutal agierten die Terroristen – auch und gerade in Hamburg.

„Irritiert verfolgen die Bürger die dramatische Fortsetzungs-Story einer Gruppe von Menschen, die auf eine verstandesgemäß nicht mehr begreifbare Weise Politik und Kriminalität zu einem gordischen Knoten verknüpft hat und nun immer schrecklichere Stationen der Verzweiflung anzulaufen scheint“, schrieb das „Hamburger Abendblatt“ bereits im Juli 1971.

Damals war die 20-jährige Petra Schelm bei einer Kontrolle an der Stresemannstraße erschossen worden, nachdem sie mehrmals auf Polizisten gefeuert hatte. Ihren Begleiter Werner Hoppe überwältigten die Beamten nach einer dramatischen Verfolgungsjagd. Die „Irritation“ der Bürger wich bald einem anderen, stärkeren Gefühl: der Angst.

Im Oktober desselben Jahres erschütterte ein äußerst brutaler Mord die Stadt: Der Polizist Norbert Schmid, Vater von zwei Kindern, wurde am Poppenbütteler Heegbarg erschossen, als er drei Verdächtige überprüfen wollte. Die in der Nähe verhaftete Bonner Studentin Margrit Schiller entpuppte sich als Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe, und später wurde in dem weitläufigen Hochhaus über dem Alstertal Einkaufszentrum eine Wohnung entdeckt, die den Tätern als Unterschlupf gedient hatte. Spätestens jetzt war es überdeutlich: Der Terrorismus hatte Hamburg erreicht. Nach dem erschossenen Polizisten wurde übrigens der Norbert-Schmid-Ring in Hummelsbüttel benannt.

Bei einer Explosion im Axel Springer Verlag wurden 17 Personen verletzt

Viele Hamburger erinnern sich auch heute noch gut an die eigentümliche Stimmung, die Hamburg damals prägte. Fahrzeugkontrollen und die Suche nach verdächtigen Wohnungen gehörten monatelang zum Alltag – genau wie die vielen alarmierenden Schlagzeilen auf den Titelseiten der Tageszeitungen. Einige Schlaglichter:

Im März 1972 wurde der Leiter der SOKO „Baader/Meinhof“, Hans Eckhardt, vom RAF-Mitglied Manfred Grashof an der Heimhuder Straße erschossen. Fünf Polizeibeamte hatten Grashof und Wolfgang Grundmann, ebenfalls RAF-Mitglied, in einer von der RAF als Fälscherwerkstatt eingerichteten Wohnung gestellt.

Am 19. Mai 1972 explodieren drei Sprengsätze im Hamburger Verlagsgebäude des Axel-Springer-Verlags. Drei weitere Bomben konnten später entschärft werden. 17 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. Kurz vor der ersten Explosion hatte ein Mann in der Telefonzentrale des Verlagsgebäudes angerufen und die Tat angekündigt, das Gebäude konnte allerdings nicht rechtzeitig geräumt werden.

Im Zusammenhang mit der Verhaftung Gudrun Ensslins entdecken Fahnder im Juni 1972 in einem Appartementhaus an der Ohlsdorfer Straße eine Bomben-Werkstatt. Aus sicher gestellten Unterlagen ging hervor, dass die Entführung mehrerer namhafter Hamburger geplant war.

Die Unterstützer der RAF fanden sich vor allem in den deutschen Städten

Nach einem Brandanschlag auf das Büro eines Rechtsanwalts im Sommer 1976 an den Colonnaden brach eine Sekretärin in den verqualmten Räumen zusammen. Drei Tage später starb sie im Krankenhaus.

Im Januar 1978 wurde die Terroristin Christine Kuby am Winterhuder Markt von Polizisten niedergeschossen. Zuvor hatte sie auf einen Polizeibeamten gefeuert

Doch trotz dieser Blutspur fanden sich in der Stadt immer noch zahlreiche Unterstützer der Terroristen, die gerne über den „Kampf“ ihrer Idole schwadronierten, aber nur wenig und gelegentlich sogar abfällig von den Opfern sprachen. Auch die Behauptung, dass die kriminellen Aktionen letztlich politisch motiviert seien, wurde bereitwillig ständig wiederholt.

Trotzdem: Über die immer wieder aufgestellte These, dass es eine spezielle Affinität der RAF-Mitglieder für das „rote“ Hamburg gab, verweist der Leiter der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Prof. Axel Schildt, ins Reich der Legenden. Stattdessen ließen sich solche Nachweise auch für zahlreiche andere deutsche Städte erbringen, darunter Frankfurt am Main, Berlin oder München. Das Umfeld mit politisch linken Cafés und Jugendzen­tren, aus dem letztlich das subkulturelle Milieu erwächst, gab es zur Hochzeit der RAF fast ausschließlich in Städten. Dazu gehörte die Hausbesetzerszene in Frankfurt oder auch in der Hamburger Hafenstraße, in der die jetzt identifizierten Terroristen offenbar zeitweise gelebt hatten. Die Selbststilisierung der Terroristen zu „Stadtguerillas“ unterstreicht das deutlich. Auch diejenigen RAF-Mitglieder bzw. -Unterstützer, die eigentlich aus dem ländlichen Raum kamen, seien in den Städten „spätsozialisiert“ worden, so Schildt.

Laut Schildt sei die Unterstützung für die Baader-Meinhof -Gruppe beziehungsweise die RAF hier letztlich auch nicht wesentlich größer gewesen als beispielsweise in Berlin oder Frankfurt. Dass Ulrike Meinhof in Hamburg zeitweise Teil einer linken Schickeria war, widerspricht dem nicht, so Schildt. „Ulrike Meinhof war zunächst eine links-intellektuelle Journalistin, deren Gang in den Untergrund sich erst später vollzog“, so Schildt. Im Übrigen habe es außer Meinhof und Gudrun Ensslin kaum namhafte RAF-Mitglieder gegeben, die überhaupt einem intellektuellen Milieu entstammten.

Die jetzt identifizierten Terroristen stammen aus der sogenannten dritten Generation der RAF, auf deren Konto insgesamt fünf Morde an Diplomaten und Wirtschaftschefs gehen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Trio im vergangenen Dezember auch einen Geldtransporter in Wolfsburg überfallen hat.

Die drei sind mittlerweile um die 50 Jahre alt oder älter. Sie sind seit vielen Jahren untergetaucht. Und sie sind immer noch gefährlich.