Prozess der Woche

Rentnerin überführt falsche Fensterputzer als Diebe

Erst war ein Zwillingspaar freundlich und hilfsbereit, dann bestahl es Elke K. Vor Gericht zeigt sich die 89-Jährige blitzgescheit.

Neustadt.  Im ersten Moment war die ältere Dame noch äußerst zufrieden. Ja, die beiden Männer, die so überraschend in ihr Leben und wenig später auch in ihre Wohnung getreten waren, hatten ganze Arbeit geleistet. Solche Leute könnte man bei Gelegenheit wieder beschäftigen, fand sie, denn schließlich hatten die Fremden ihre Fenster wirklich gut geputzt.

Doch nur Augenblicke später beschloss die 89-Jährige, nie wieder Menschen ins Haus zu lassen, die ihr unbekannt sind. Denn die zwei Typen, die sich zunächst als gute Geister geriert hatten, meinten es in Wirklichkeit sehr böse mit ihr. Sie sind offenbar gewiefte, sogar besonders skrupellose Diebe. Solche, die sich wohl am liebsten ahnungslose und wehrlose Senioren als Opfer aussuchen, seit Langem schon.

Nun also sitzen diese beiden Männer nebeneinander auf der Anklagebank im Prozess vor dem Amtsgericht, wieder einmal im Schicksal vereint. Ihr Leben verlief schon immer im Gleichtakt, die Natur hat es so gewollt. Martin und Thorsten L. (alle Namen geändert) sind Zwillinge. Beinahe identisch sind nicht nur ihr Aussehen und ihre Körpersprache, die verkrampfte Haltung und die trotz der geheizten Gerichtsräume bis zum Hals zugeknöpften Mäntel, die den beiden 56-Jährigen eine steife Ausstrahlung verleihen. Sehr ähnlich ist auch ihre jeweilige Vita; von Karriere zu sprechen, macht nicht unbedingt Sinn, außer im kriminellen. Beide haben schon mehrere Jahre in Haft verbracht.

Elke K. ist das eine Opfer, bei dem ein Diebstahl gelang

„Wir können uns als Menschen ändern“, tönt Martin L., offenbar der Wortführer der beiden. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die Brüder hätten sich im Sommer 2014 immer wieder als Fensterputzer ausgegeben, um sich auf diese Weise Zutritt zu den Wohnungen älterer Menschen zu verschaffen und dort Wertgegenstände zu entwenden, weisen die weißblonden, schmalen Männer von sich.

Und vor allem wollen sie mit dem Diebstahl eines goldenen Armbands aus der Wohnung der eingangs erwähnten 89-Jährigen nichts zu tun haben. Laut Anklage scheiterten vier weitere Beutezüge nur deshalb, weil die Zwillinge während ihres Aufenthalts in den Wohnungen durchgehend beobachtet wurden.

Elke K. ist das eine Opfer, bei dem ein Diebstahl gelang. Schwer auf ihren Rollator gestützt, bewegt sie sich mühsam in den Gerichtssaal. Doch ihr Geist ist hellwach, die alte Dame strahlt Selbstbewusstsein aus. Detailliert schildert sie, wie sie auf der Straße von zwei Männern angesprochen wurde, die fragten, ob ihre Wohnung viele Fenster habe und sie die mal putzen sollten.

Elke K. sagte zu, weil die Glasflächen in der Tat mal gereinigt werden mussten, und nannte ihre Adresse. Nur Minuten später klingelten die Männer bei ihr und machten sich ans Werk. Nach getaner Arbeit „sind sie ziemlich schnell weg“. Sie habe anschließend kontrolliert, ob noch ihr gesamter Schmuck da ist. „Ein goldenes Armband fehlte.“

Elke K. lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Einer der Männer habe am nächsten Tag noch angerufen und gesagt, er habe bei ihr wohl seine Brille vergessen. „Ich sagte, ich wolle meinen Schmuck zurück. Da hat er schnell aufgelegt“, erzählt Elke K. Einige Tage später habe erneut ihr Telefon geklingelt. Derselbe Mann habe gefragt, ob er irgendwann noch mal zum Fensterputzen kommen könne. „Ich sagte, vielleicht, denn die Fenster waren wirklich gut geputzt. Aber nur, wenn er meinen Schmuck wiederbringt.“

Der Angeklagte Martin L. wendet sich mit flehender Stimme an die Zeugin: „Erinnern Sie sich nicht“, fragt er, „was wir mit Ihnen vereinbart hatten? Dass Sie sich nach Beendigen unserer Arbeit in Ruhe in Ihrer Wohnung umsehen, ob noch alles da ist?“

Elke K. lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Nein, so war das nicht.“ Als die Männer in ihrer Wohnung waren, habe sie noch überlegt, ob sie das Armband in Sicherheit bringen solle, ergänzt die Rentnerin. „Aber er stand daneben, da habe ich es lieber gelassen.“ Wochen später habe sie bemerkt, dass auch ein Brillantring fehlte und eine 10-Mark-Olympiamünze von 1972. Der Vorfall hat ihr Leben verändert: „Seitdem lasse ich keine Fremden mehr in meine Wohnung. Nur noch Verwandte.“

Vorstrafenregister reicht bis in die 80er-Jahre zurück

In etwa genau so lange sind die weißblonden Zwillingsbrüder Martin und Thorsten L. bei der Polizei bekannt. Ihre Vorstrafenregister reichen bis in die 80er-Jahre zurück; der eine hat 20 Eintragungen, der andere bringt es immerhin auf elf. Die Art von Diebstahl, die ihnen vorgeworfen wird, ist bei den Ermittlungsbehörden schon aktenkundig.

Und wenn Polizisten sie zusammen sehen, wissen sie, dass Obacht angesagt ist. So gingen bei einer Beamtin, die gesehen hatte, dass einer der beiden eine Weile im Geschäft eines Goldschmiedes verbracht hatte, sofort die Alarmglocken an. Als sie nachfragte, erfuhr sie: Der Kunde hatte Damenschmuck versetzt.

Jeweils sechs Monate Haft lautet das Urteil der Amtsrichterin. Die Zwillingsbrüder suchten sich offenbar gezielt ältere Opfer in der Hoffnung, „dass diese dann schon tüdelig sind“ und eine Zeugenaussage nicht mehr wirklich verwertbar, oder dass die Senioren bis zu einem Prozess sogar schon verstorben sind. „Es ist eine Schande, ältere Menschen so ausnutzen.“