Prozess der Woche

Liebe, Hass und ein Verbrecher, der zum Opfer wurde

ARCHIV - Ein Richter rückt sich am 14.01.2014 zum Auftakt eines Mordprozesses in einem Verhandlungssaal in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) seinen Stuhl zurecht. Foto: Jens Wolf/dpa (zu lrs "Robbers: Justiz bekommt drei zusätzliche Richterstellen" vom 18.12.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

ARCHIV - Ein Richter rückt sich am 14.01.2014 zum Auftakt eines Mordprozesses in einem Verhandlungssaal in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) seinen Stuhl zurecht. Foto: Jens Wolf/dpa (zu lrs "Robbers: Justiz bekommt drei zusätzliche Richterstellen" vom 18.12.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Jens Wolf / dpa

Er soll seine Lebensgefährtin missbraucht haben. Als es zum letzten Streit kam, wurde er wenig später selbst zum Opfer.

Neustadt.  Nicht lange, bevor es zur Katastrophe kam, zu einem Verbrechen, das das Leben dreier Menschen nachhaltig verändern sollte, hatten sie noch einträchtig zusammen auf einem Sofa gesessen. Lächelnd und scheinbar unbeschwert, Arm in Arm ließen sie sich fotografieren, mehrfach. Nichts deutete darauf hin, dass sie, die junge Frau, nicht ebenso selig war wie er, der Mann, der sich wie im siebten Himmel fühlte und von einer baldigen Heirat träumte.

Einige Stunden später indes war das vermeintlich glückliche Paar zutiefst verfeindet, war sie zum Opfer geworden und er zum Täter. Und in der Rückschau versucht der Mann eine Erklärung dafür zu finden, wieso er Gewalt gegen seine Traumfrau anwendete, was schiefgelaufen sein muss, wo die Missverständnisse anfingen und zu tiefen, unüberwindlichen Gräben wurden. „Ich kann nicht verstehen, was in mich gefahren ist“, ist jetzt vor Gericht der etwas hilflose Versuch seinerseits, sich für seinen gewaltsamen Übergriff zu entschuldigen. „Ich war verliebt und enttäuscht und wütend.“ Kurz nach dem Verbrechen war er selber es, der nun auch zum Opfer und sogar lebensgefährlich verletzt wurde. War es ein Bekannter der Frau, der mehrfach auf ihn eingestochen hat – womöglich auf ihre Initiative hin und aus Rache?

Immer wieder wirft Hamid H. (alle Namen geändert) im Prozess vor dem Landgericht der Frau, von der der 34-Jährige einst glaubte, mit ihr verlobt zu sein, durchdringende Blicke zu. Doch Leyla M. scheint durch ihn hindurchzusehen, reglos wirkt sie und unnahbar. Kein Wunder, hat ihr Bekannter die 28-Jährige doch laut Anklage vor gut sechs Monaten in deren Wohnung zunächst geschlagen, sie sexuell missbraucht und sie schließlich massiv bedroht. Den Ermittlungen zufolge holte er aus ihrer Küche ein Messer und fragte sie, ob er sie umbringen oder ihr die Brüste abschneiden solle.

Er glaubte an eine Beziehung und wollte eine Familie gründen

„Ich möchte mich für die Tat entschuldigen“, beginnt der blasse, bekümmert wirkende Angeklagte seine Einlassung, die von seinem Verteidiger verlesen wird. Leyla M. und er seien „nach meinem Verständnis ein Paar gewesen. Wir waren spazieren, einkaufen und essen.“ Sie hätten auch mehrfach Sex gehabt, und er kenne ihre Wohnung und ihren kleinen Sohn. „Für seinen Geburtstag habe ich eine Torte anfertigen lassen“, erzählt der kräftige Mann mit der hohen Stirn. Zwar habe es zwischen ihm und der Frau manchmal Streit gegeben, „aber für mich waren wir die ganze Zeit zusammen. Ich wollte eine Familie gründen.“ Man habe sogar über eine Verlobung geredet. „Das war wunderschön. Ich habe leider vor Freude viel zu viel getrunken.“

Sie seien dann zu seinen Verwandten gefahren und hätten dort erzählt, dass sie heiraten wollten. In der Wohnung von Onkel und Tante sind auch die Fotos entstanden, die Hamid H. und Leyla M. Hand in Hand auf dem Sofa zeigen. Wenig später, nun in der Wohnung der 28-Jährigen, habe er mit ihr schlafen wollen. „Sie wollte aber, dass ich gehe. Sie wollte mich doch nicht heiraten.“ Da müsse er wohl, auch bedingt durch den vielen Alkohol, ausgerastet sein. Dass er betrunken war, hat Leyla M. in ihrer Aussage bestätigt.

Eine Bedrohung mit einem Messer bestreitet der Angeklagte nicht

An Details seiner Tat erinnere er sich nicht. Doch der Missbrauch und die Bedrohung seien wohl so geschehen, wie das Opfer es geschildert habe, so der Angeklagte. „Ich will nicht bestreiten, dass ich an ihr gezerrt und sie ausgezogen habe. Und es mag sein, dass ich bei der Bedrohung ein Messer hatte. Ich war verzweifelt, weil ich merkte, dass sie mich wirklich nicht heiraten wollte. Alles drehte sich in mir.“ Gemeinsam fuhren er und die Frau dann zu seinem Onkel, wo er einschlief.

Wenige Stunden später sei er davon aufgewacht, dass die 28-Jährige einem Bekannten die Tür öffnete. „Der griff mich sofort mit einem Gegenstand an, wahrscheinlich einem Messer.“ Kurz darauf sei er wegen seiner schweren Verletzungen zusammengebrochen und erst im Krankenhaus, nach einer Operation, wieder aufgewacht.

Aus der Klinik kam Hamid H. direkt in die Untersuchungshaft. Dort sitzt er seitdem ebenso wie ein 60-Jähriger, der sich zurzeit wegen des Angriffs auf ihn in einem Prozess vor dem Schwurgericht wegen versuchten Totschlags verantworten muss. Dieser Mann ist angeklagt, Hamid H. gezielt vier wuchtige Stiche in den Kopf-, Hals- und Brustbereich versetzt zu haben. Das Opfer schwebte in Lebensgefahr. Nach dem Verbrechen sei der Täter in einem Taxi geflüchtet, im Beisein von Leyla M. Dieser Prozess wird voraussichtlich noch bis Februar dauern.

Anders das Strafverfahren gegen Hamid H., das nach drei Verhandlungstagen abgeschlossen werden kann. Am Ende verurteilt das Landgericht den Angeklagten zu 21 Monaten Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden. „Wir sind überzeugt, dass irgendwann einmal die Idee einer Heirat im Raum gestanden hat“, begründet der Kammervorsitzende das Urteil. „Aber sie wollte nicht.“ Bei dem Strafmaß sei erheblich zu berücksichtigen gewesen, dass der Angeklagte wenig später selber Opfer eines Angriffs wurde, „der bei etwas anderem Verlauf auch tödlich hätte ausgehen können“. Entscheidend sei aber auch, dass seine eigene Tat schwer wiege. Auch die Bedrohung müsse bei dem Opfer „ganz erhebliche Angst ausgelöst haben. Die Frau war Ihnen ausgeliefert.“