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Schule 1946: „Hungern, frieren – und ein bisschen lernen“

Dieses nicht näher bezeichnete Foto zeigt eine Hamburger Schule 1946. Die täglich ausgeteilten Schulspeisungen umfassten einen Teller mit 300 Kalorien. Viele der Kinder hatten nicht einmal Schuhe

Dieses nicht näher bezeichnete Foto zeigt eine Hamburger Schule 1946. Die täglich ausgeteilten Schulspeisungen umfassten einen Teller mit 300 Kalorien. Viele der Kinder hatten nicht einmal Schuhe

Foto: bpk

Vor 70 Jahren lief der Schulbetrieb in Hamburg erstmals seit Kriegsende wieder regelmäßig – unter heute unvorstellbaren Bedingungen.

Anfang 1946. Die Stadt ist von den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs nach wie vor schwer gezeichnet. Ganze Stadtteile sind kaum bewohnbar – vor allem im Osten der Stadt. Unzählige Trümmerberge erheben sich dort bis zum Horizont über die verödeten Straßen. Mitten in dieser Wüste bemühen sich die Menschen darum, ihren Alltag wieder einigermaßen sinnvoll zu gestalten.

Anfang Mai 1945 hatte die britische Militärregierung alle Schulen schließen lassen, erst im Herbst konnten die meisten den Unterricht wieder aufnehmen: Am 1. August begannen die Volksschulen, die Ober- und Berufsschulen folgten am 1. Oktober.

Unterricht in verwüsteten Gebäuden

Seitdem versuchten die neu eingesetzten Schulleiterinnen und Schulleiter mit ihren eilig zusammengestellten Kollegien, den Unterricht wieder in Gang zu bekommen, von schulischer Arbeit konnte aber zunächst keine Rede sein. Von den 467 Schulgebäuden der Vorkriegszeit waren nur noch 341 halbwegs erhalten, aber viele davon wurden noch längere Zeit von der Militärregierung genutzt oder beherbergten Lazarette und Behörden.

Zunächst standen lediglich 60 Schulhäuser für den Unterricht zur Verfügung, nur langsam stieg die Zahl an. Die Schulgemeinschaften, die sich nach monatelanger Trennung wieder zusammenfanden, trafen sich vielfach in halb zerstörten, verwüsteten Gebäuden.

Die meisten Kinder waren erst kurz nach Kriegsende aus der Kinderlandverschickung (KLV) vor allem aus Süddeutschland wieder nach Hamburg zurückgekehrt – in eine für sie völlig veränderte Welt. „Die Vaterstadt holte uns heim“, schrieb Schauspielerin Helga Feddersen in ihren Lebenserinnerungen. „Mit Bussen zurück in eine gestorbene Welt, in der nichts mehr galt, in der alles verändert war. Was gestern galt – muss falsch sein für immer.“

Erst arbeiten, dann lernen

Die „Willkommenskultur“ sah damals so aus, dass die größeren Kinder sofort für Instandsetzungsarbeiten eingeteilt wurden. Da es überall in der Stadt an Baumaterialien mangelte und die Facharbeiter im Dauereinsatz waren, packten Schulleitung, Kollegien, Kinder und einige Eltern selbst mit an, um die vielen beschädigten Schulräume wiederherzurichten.

Das Wilhelm-Gymnasium war in den ersten Nachkriegsjahren „Untermieter“ beim Albrecht-Thaer-Gymnasium, das damals noch am Holstenglacis lag. Dort begann der Schulbetrieb am 3. Oktober 1945. Über den ersten Tag heißt es in der Schulchronik: „Die Aula (...) war stark beschädigt. So hörten die zahlreich erschienenen Schüler die Ansprache ihres neuen Schulleiters (...) in der Turnhalle stehend an. Dann ging es an die Arbeit, die zunächst mit dem Abdichten der Fenster begann. Die leeren Fensterrahmen wurden teils mit Pappe, teils (...) mit sogenanntem Rollglas abgedichtet.“

Auch am schwer zerstörten Gymnasium Lerchenfeld, in dem zuletzt französische Kriegsgefangene untergebracht waren, ging der Schulalltag mit wochenlangen Putz- und Aufräumarbeiten los. Und die ehemalige Schulleiterin des Altonaer Gymnasiums Allee erinnert sich an den Start 1945/46: „Das große Schulgebäude war nach der Kapitulation Kaserne für belgische Soldaten gewesen. Die hatten furchtbar darin gehaust. Bänke, Stühle, Tische, Tafeln waren verheizt worden (...).“

Was gestohlen wurde landete oft auf dem Schwarzmarkt

Die Instandsetzung war nur ein kleiner Teil der schier unendlichen Kette an Problemen. An geregelten, unbeschwerten Unterricht war noch lange nicht zu denken. Da es noch keine Lehrpläne gab, mussten Schulleitung und Lehrer improvisieren, und die ersten Unterrichtswochen verliefen chaotisch.

„Unterricht gab es auf irgendwelchen zusammengeschobenen Bänken in irgendeiner kalten Klasse“, so wiederum Helga Feddersen. „Aber (wir) lernten nicht. Das Alte ging nicht mehr, und Neues kannte niemand. So begannen wir aufs Neue mit ,Schönschreiben‘, aber dazu waren die Finger zu klamm.“

Und eine ehemalige Schülerin der Wandsbeker Charlotte-Paulsen-Schule (heute Gymnasium) erinnert sich in den „Hamburgischen Geschichts- und Heimatblättern“: „Zuerst hatten wir unten im Keller Unterricht; das Licht ging ständig aus, und wir saßen im Dunkeln. In den oberen Räumen, soweit sie heil waren, war anfangs noch Lazarett; später kamen Jungs vom Matthias-Claudius Gymnasium dorthin.“

Es fehlte überall an Möbeln und Materialien wie Papier oder Kreide. Hinzu kam, dass laufend Schrauben, Glühbirnen und sogar Ketten von Toiletten-Spülkästen gestohlen wurden, die auf dem Schwarzmarkt landeten.

„Mir taten auch meine Lehrkräfte leid“

Etliche Schulbücher waren von den Briten verboten worden, neben ideologisch geprägten Materialien sogar Geschichten wie „Münchhausen“ oder „Eulenspiegel“ (wegen der „Erziehung zur List“). In Geografie durften nur Karten benutzt werden, auf denen keine deutschen Grenzen eingezeichnet waren, beim Sport war „kommandoartiger“ Ton verboten.

Die wenigen nutzbaren Schulräume konnten die vielen Kinder, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge, gar nicht aufnehmen. Entsprechend teilten sich verschiedene Schulen Räumlichkeiten, und der Unterricht erfolgte in wechselnden Schichten den ganzen Tag lang. Am heute nicht mehr bestehenden Elise-Averdieck-Gymnasium an der Wartenau standen beispielsweise für 14 Klassen zunächst nur sechs Räume zur Verfügung, und im Gymnasium Allee wurde auf den Gängen mit unterrichtet.

Zur Raumnot kam massiver Personalmangel. Etliche Lehrer der mittleren Generation waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft, andere durften während der laufenden Entnazifizierungsverfahren längere Zeit nicht unterrichten. Entsprechend bestanden viele Kollegien vor allem aus ganz jungen, schnell eingestellten Lehrern und solchen, die aus der Pensionierung zurückgeholt worden waren – oft nach Jahren. Viele dieser Lehrer hatten ihr eigenes Paket zu tragen und waren selbst fix und fertig. „Mir taten auch meine Lehrkräfte leid“, so die ehemalige Altonaer Schulleiterin, „die selbst müde und abgekämpft (...) antreten mussten, um müde, schläfrige Kinder zu unterrichten.“

Durch Trümmerwüsten zum Unterricht

Am meisten hatten aber sicherlich die Kinder zu leiden. Man muss sich klarmachen: Beim Gang in die Kinderlandverschickung hatten sie ihre weitgehend intakten Elternhäuser in Eilbek, Altona oder Hamm verlassen, nun lebten viele in irgendwelchen Notunterkünften auf engstem Raum mit ihren Angehörigen, wobei sie noch Glück hatten, wenn ihre Eltern und Geschwister am Leben geblieben waren.

Die Plätze der Kinderzeit waren von Trümmern bedeckt, Spielzeug, Kleidung, Haustiere verbrannt. Häufig mussten die abgekämpften Mütter alleine versuchen, die Familien irgendwie durchzubringen – ein Alltag voller Kummer und Spannungen. Eine unbeschwerte Kindheit sieht anders aus.

Nun stand also wieder der tägliche Gang zur Schule an – oft ein stundenlanger Fußmarsch durch Trümmerwüsten, denn die Busse und Bahnen fuhren so gut wie gar nicht. „Und das bei einem Frühstückspaket, das aus einigen Scheiben Steckrüben bestand“, heißt es dazu in der Chronik des Gymnasiums Lerchenfeld. Überhaupt: der Hunger.

Viele Schüler und auch Lehrer waren völlig unterernährt und quälten sich, an Hungerödemen leidend, durch den beschwerlichen Tag. „Ich erinnere mich, dass wir auf der Moorweide am Dammtorbahnhof ,Wildgemüse‘ auf dem Rasen gepflückt haben, dass wir Vogelbeersuppe und Vogelbeermarmelade gekocht haben“, heißt es in einem Bericht.

Die Schulspeisung lief nur schleppend an, bevor sie ab Pfingsten 1946 einigermaßen etabliert war, aber längst nicht jedes Kind kam in ihren Genuss. Dazu wiederum die Chronik des Wilhelm-Gymnasiums: „Es gab aber Lehrer, die noch verhungerter waren als manche Schüler. Von denen nahmen Schüler diskret ein an der Ecke abgestelltes Kochgeschirr an.“

„Zum Aufwärmen wurde Gymnastik betrieben“

Im Winter vor 70 Jahren kam auch noch die beißende Kälte hinzu. Heizmaterial war kaum vorhanden – und nicht selten mussten die Kinder in Mänteln oder Jacken und mit Handschuhen dem Unterricht folgen. In einer Schulchronik heißt es dazu lapidar: „Zum Aufwärmen wurde Gymnastik betrieben – was wiederum den unerwünschten Effekt des erhöhten Kalorienverbrauchs mit sich brachte.“ Die Bilanz einer Zeitzeugin: „Hungern, frieren – und ein bisschen lernen, so war unser Alltag.“

Demoralisiert, hungrig, verfroren – das waren Hamburgs Schulkinder damals. Zweifellos waren viele von ihnen traumatisiert, ohne dass sich jemand darum kümmerte. Kann es verwundern, dass Menschen dieser Generation bis heute wütend sind, wenn Lebensmittel weggeworfen oder Möbel zerstört werden? Das anspruchsvolle Niveau heutiger Schulkantinen regis­trieren sie erstaunt, manchmal auch amüsiert, aber nie missgünstig.

Tapfer stellten sie sich als Kinder einst den Anforderungen der völlig veränderten Zeit. Was damals noch niemand ahnen konnte: Der Winter 1946/47 würde noch wesentlich kälter werden – und den Menschen in Hamburg noch viel mehr abverlangen.