Historie

Ottensen: Vom Industriegebiet zum Szeneviertel

In einem neuen Buch über die Bahrenfelder Straße in Ottensen dokumentieren Historiker in 75 Beiträgen den Wandel der quirligen Meile.

Hamburg.  Frau Otteni war eine mutige Frau. Und eine, die Mut machte. Trotzdem erinnert sich in Ottensen kaum noch jemand an ihren Namen. Auch die Spuren ihres Möbelgeschäfts sind längst verschwunden. 1934 hatten die Ottenis das Gebäude an der Bahrenfelder Straße 63 gekauft; sie wollten dort eine Gaststätte eröffnen. Aber als sie aufgefordert wurden, diese zu einem NSDAP-Parteilokal zu machen, verwarf das Ehepaar seine Pläne und verkaufte das gesamte Mobiliar.

Dafür eröffneten die beiden an der gleichen Adresse – politisch unauffällig – ein Geschäft für Gebrauchtmöbel. Unter diesem Deckmantel half Frau Otteni dann später jüdischen Familien, die Stadt vor der drohenden Deportation zu verlassen. Als die Gestapo ihr trotzdem auf die Spur kam, entging sie nur mit Glück ihrer Verhaftung.

Die 1300 Meter lange Bahrenfelder Straße hat von allem etwas

Die Geschichte von Frau Otteni und was aus dem Haus in der Bahrenfelder Straße wurde, ist nachzulesen in dem neuen Buch des Stadtteilarchivs Ottensen. „Mitten durch Ottensen: Die Bahrenfelder Straße“ erzählt in 75 Beiträgen und mit mehr als 300 Abbildungen die Entwicklung einer der wichtigsten Straßen des Stadtteils. Diese führt auf 1300 Metern vom Ottensener Marktplatz über den zentralen Spritzenplatz und die Barnerstraße bis zu einer S-Bahn-Unterführung.

Besonders schön ist die Straße nicht, dafür hat sie von allem etwas: Wohnungen, Geschäfte und ehemalige Industriebauten reihen sich aneinander; es ist ein bunter Mix aus verschiedenen Epochen, Formen und Stilen. Die Bahrenfelder, wie sie meist abgekürzt wird, eine der Hauptrouten durch den Stadtteil.

Das älteste Haus ist die Nummer 19, ein Wohnhaus im Landhausstil, gebaut Mitte der 1840erJahre, etwa 100 Jahre, nachdem der Straßenzug zum ersten Mal in historischen Karten auftauchte. Doch idyllisches Landleben gab es hier schon damals nicht mehr, wie das Buchkapitel über die geschichtsträchtige Adresse verrät. Direkt hinter dem zweistöckigen Gebäude hatte Tabakfabrikant Ernst August Wriedt eine große Zigarettenfabrik mit rauchendem Schornstein errichtet. Und das war nicht die einzige Indus­trieansiedlung in Ottensen. Maschinen wurden gebaut, es gab Glashütten und Fischwarenproduktion.

Eine Straße mit Hausnummernsalat – da folgt auch mal die 27 auf die 19

Die Bahrenfelder Straße wurde wegen günstiger Zollbedingungen zeitweilig sogar zu einem Schwerpunkt der Tabakverarbeitung: Neun Unternehmen siedelten sich an, 1882 arbeiteten mehr als 3200 Beschäftigte in dem Bereich. Auf dem Gelände der Wriedtschen Fabrik kam 1920 die Zeitenwende, als Adolf Sager anfing, dort Heizungsanlagen zu produzieren. Das Haus mit der Nummer 19 dient bis heute als Verwaltungsgebäude für das Familienunternehmen in inzwischen dritter Generation, und es ist – so die Stadtteilhistoriker – „ein Kleinod der Industriegeschichte Hamburgs“.

Zur 300-jährigen Entwicklung der Bahrenfelder Straße gehört auch eine Merkwürdigkeit, die man in einer deutschen Stadt eigentlich nicht erwarten würde: „Selten gibt es einen Hausnummernsalat wie in dieser Straße“, schreiben die Autoren des Buches. Zum Beispiel folge auf die Nummer 19 die Nummer 27, auf Nummer 27 dann Nummer 43. Die Zählung auf der geraden Seite beginnt mit der 8 statt mit der 2. Es gebe auch Häuser mit drei Nummern. Dies verursache „kuriose Fälle der Verwirrung“, so die Stadtteilhistoriker. „Lieferanten finden ihre Kunden nur nach Spurensuche.“

Langweile kommt da nicht auf. Auch die Mitarbeiter des Stadtteilarchivs, alle ehrenamtlich tätig, arbeiteten zwei Jahre, bis das Buch fertig war. „Wir sind seit 35 Jahren im Stadtteil unterwegs und das Buch ist unser Geschenk an die Ottenser“, sagt Michael Sandmann aus der Redaktionsgruppe, die von Anne Frühauf und Helmut Krumm koordiniert wurde.

Mit einem Anwohnerprotest retteten die Bewohner die Industriegebäude

Das geschichtliche Potenzial der Straße hatten die Aktivisten gleich nach der Gründung des Stadtteilarchivs erkannt und für Interessierte einen ersten Rundgang durch die Ottenser Magistrale angeboten. Aus der Broschüre von damals ist jetzt ein lesenswerter und fundierter Streifzug geworden, der den Wandel der Zeit im Quartier dokumentiert. Abzulesen etwa an der Buchhandlung Christiansen in dem Haus mit der Nummer 79, einem der wichtigsten Traditionsgeschäfte. 1943 wurde das stuckverzierte Gründerzeitgebäude durch eine Brandbombe zerstört. Aber der damalige Besitzer Theodor Christiansen ließ sich nicht unterkriegen. Zwar reichte das Geld in der Nachkriegszeit zunächst nur für einen pragmatischen Flachbau, wie die historischen Abbildungen in dem Band zeigen. Doch die Firma blieb erfolgreich.

Ein Schwerpunkt der Straßendokumentation ist auch die Zeit des politischen Erwachens in den 1970er-Jahren. Damals begannen die Ottenser, sich gegen die radikalen Abriss- und Umgestaltungspläne des Senats zu wehren. Die Proteste hatten Erfolg, die Industriegebäude blieben erhalten. Aus dem Arbeiterviertel, in dem es auch viel Elend gab, ist dann ein beliebtes Szenequartier geworden – mit teuren Wohnungen, schicken Boutiquen und edlen Restaurants.

Bei den Protesten spielte übrigens der Abriss eines Wohn- und Geschäftshauses an der Bahrenfelder Straße 61 eine besondere Rolle. Es war das Nachbarhaus der Ottenis, die damals in dritter Generation ihren Gebrauchtmöbel-Handel betrieben. 1973 verkauften sie es an die Stadt Hamburg, die einen Teil des Grundstücks für einen Straßendurchbruch brauchte. Die Hausnummer 63 blieb zwar stehen, der damalige Inhaber zog mit seinem Geschäft nach Eimsbüttel. Im Erdgeschoss befindet sich seitdem eine Spielhalle.

Der erste Eindruck täuscht: Welche Geschichten sich hinter der schmucklosen Fassade verbergen, kann man jetzt nachlesen.