Doku-Film

David Helfgott: Der Pianist, der mich küsste

Bei der Begegnung mit ihm ist nichts normal. Ein Dokumentarfilm porträtiert den furiosen Pianisten David Helfgott. Eine Begegnung.

Hamburg.  Ich wusste es. Er tut es mit allen. Wo David Helfgott hinkommt, umarmt er die Menschen, küsst sie, fragt sie, wo sie herkommen. Ich wusste es vorher und fragte mich, wie das wohl wäre, von einem Wildfremden umarmt und geküsst zu werden. Und warum es mir so bevorstand.

Was ich nicht wusste: Es ist so einfach. Er öffnet die Tür seines Hotelzimmers, sieht mich und umgibt mich im selben Augenblick von allen Seiten wie ein Schwarm Kolibris. Vollkommen unbefangen empfängt er mich in seidener Schlafanzughose und Unterhemd. Die Augen hinter der Nickelbrille strahlen, seine Hände untersuchen die Hornknöpfe meiner Jacke, und dabei murmelt er unentwegt. „Was für interessante Knöpfe... Also du bist Verena, woher kommst du, Verena, ach, aus Hamburg, ich habe hier gestern Abend Klavier gespielt, du warst nicht da? Das macht nichts...“

Es klingt fast, als spräche er zu sich selbst, und doch kommentiert er in diesen paar Sekunden alles, was ich sage, paraphrasiert es, entwickelt es fort. Ich muss lachen, so überrascht bin ich von diesem freundlichen Flattern, so bezaubert. Schwer zu sagen, wie groß er sein mag, dieser Herr von 68 Jahren. Sein oberer Rücken beschreibt einen Viertelkreis, deshalb kommt sein Kopf beim Umarmen auf meinem Schlüsselbein zu liegen.

Der Film „Shine“ machte ihn zum Weltstar

Ganz leicht sind diese Berührungen, diskret. Es ist David Helfgotts Art, mit Menschen Kontakt aufzunehmen: hingebungsvoll und unbekümmert um jede Konvention. Er kann nicht anders; er scheint nicht einmal wahrzunehmen, dass er sich anders verhält als andere.

Als Pianist hat Helfgott die seltsamste Karriere gemacht, die sich denken lässt. Er ist ein Weltstar. Nicht weil er als Pianist jedes Jahr von Australien aus mehrere Monate tourt und von der New Yorker Carnegie Hall bis zum Musikverein Wien in den bedeutendsten Sälen konzertiert. Sondern weil er ist, wie er ist. Scott Hicks hat über sein Leben den Film „Shine“ gedreht. Es wurde ein Welterfolg. Die Hauptrolle spielte Geoffrey Rush und bekam dafür 1996 einen Oscar.

Nun tritt Helfgott selbst im Film auf. Cosima Lange hat ihn durch Europa begleitet, nach Örebro und Wien, Dortmund und Göttingen. Seit gestern läuft das Porträt in den Kinos. „Hello I am David“ heißt es, eben nach dem Satz, den David womöglich am häufigsten sagt, -zigmal am Tag.

David. Undenkbar, ihn zu siezen, dazu ist seine Art der Kontaktaufnahme viel zu persönlich. Ohnehin nennen die Menschen einander in der englischsprachigen Welt einander sehr viel bereitwilliger beim Vornamen. David ist Australier. Mit seiner Frau lebt er in der Nähe von Melbourne. Gillian, Astrologin und Mutter eines erwachsenen Sohnes, traf 1984 auf einen labilen Mann, der sich gerade erst mühsam aus einer Jahre währenden Krise emporkämpfte. Jahre, in denen er nicht so Musik machen konnte, wie es seiner Begabung entsprochen hätte.

Fast elf Jahre lang wurde er in psychiatrischen Anstalten behandelt

David ist in Melbourne als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer aufgewachsen. In den ersten Jahren unterrichtete ihn der Vater, er erzog ihn zum Wunderkind. Der große Geiger Isaac Stern hörte den 14-Jährigen und empfahl ihn an das renommierte Curtis Institute in Philadelphia, USA – doch der Vater verbot es. Peter Helfgott war viel zu stark davon geprägt, dass ein Großteil seiner Familie in der Schoah ermordet worden war, als dass er ein Kind so weit weg hätte gehen lassen.

Für David zerbrach ein Traum. Fünf Jahre brauchte er, um sich durchzusetzen; mit 19 ging er schließlich, immer noch gegen den Willen des Vaters, nach London an das Royal College of Music. Gewann Preise, wurde mit Vladimir Horowitz verglichen, spielte in der ausverkauften Royal Albert Hall das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow – und erlitt wenig später einen Nervenzusammenbruch.

Fast elf Jahre lang wurde er in Australien in wechselnden psychiatrischen Anstalten behandelt, fern der Musik. Anfang der 80er-Jahre begann er wieder öffentlich zu spielen: als Pianist in einer Weinbar in Perth.

„Ich bin der Drache, der über ihn wacht“

Dass er und Gillian einander begegnet sind, hat beider Leben auf wundersame Weise verändert. Sie stabilisiert ihn. „Ich bin der Drache, der über ihn wacht“, nennt sie es beim Gespräch in Hamburg, und in ihren Augenwinkeln erkenne ich den Anflug eines Lächelns. Diese Frau strahlt eine heitere Gelassenheit aus, als wäre das Leben mit 83 Jahren ein Kinderspiel.

Während wir uns unterhalten, richtet sie immer mal das Wort an David. Der hat sich unterdessen auf den Sessel hinter mich gekauert. Gillians und meine Unterhaltung flankiert er mit seinen gurrenden Halbsätzen und streichelt hin und wieder meine Schulter, legt einen sonnengebräunten, schmalen Arm um mich, bekräftigt, was wir sagen: „Gute Idee... Freunde zu sein ist das Wichtigste...“

Halb verdeckt von einem Wust gelesener Zeitungen entdecke ich einen Band Klavieretüden von Liszt. Das Deckblatt ist mit handgeschriebenen Notensystemen übersät: fünf Linien und ein Notenschlüssel, dazu ein, zwei Takte Musik. „Schnipsel“, streut David in seinen Redefluss ein, aber nein, Komponist sei er nicht. Diese Schnipsel schießen eben so durch seinen Kopf, jeden Tag, immerzu. „Sein Gehirn ist überaktiv“, erklärt Gillian. „Das kann er nicht abstellen.“

Klavierspiel, geprägt von urwüchsiger Musikalität

Auch beim Klavierspielen, selbst bei den abenteuerlichsten Läufen des Rachmaninow-Konzerts redet er unaufhörlich. „Im Zusammenspiel mit dem Orchester ist er manchmal etwas abgelenkt vor Begeisterung, weil er sich so freut, dass die Flöte mit ihm spielt oder das Horn oder die Celli“, sagt der Dirigent Matthias Foremny. „Es ist ein tolles Klavierspiel dahinter. Das ist nicht geprägt von Perfektion, es ist geprägt von urwüchsiger Musikalität, vom Drive, von Verträumtsein und von vielen Extremen. Aber so soll Musik sein!“

Foremny hat mit Helfgott und den Stuttgarter Symphonikern 2012 eine Europatournee gemacht hat, im Gepäck das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow. Das Werk gehört zum Soundtrack des Films, so wie es Davids Leben begleitet hat. Dass es höllisch schwer zu spielen ist, scheint für ihn unerheblich. „Er weiß es nicht, wie schwer die Stücke sind, die er spielt. Wenn er es gewusst hätte, hätte er sie nicht spielen können“, erzählt der Däne Nils Ruben, der David als jungen Pianisten kennengelernt hat.

Was es genau ist, das David von anderen Menschen unterscheidet, dafür hat niemand einen Fachbegriff parat. Sein Persönlichkeitsbild passt in keine Schublade. Der Heidelberger Psychiater Rolf Verres, seit Langem mit den Helfgotts befreundet, formuliert es so: „Die Welt braucht Außenseiter, die nicht im Gleichschritt funktionieren.“ Eine Diagnose hat er nie gestellt. Wer wollte sagen, ob David im klinischen Sinne krank ist? Er nehme Medikamente, erzählt Gillian, da sei er sehr zuverlässig.

„Meine Liebe zu ihm ist in diesen Jahren gereift und tiefer geworden"

Dass es anstrengend sein muss, immerzu achtzugeben, ist ihr kaum anzumerken. Urkomisch, wie die beiden einander im Film kurz darüber in die Haare geraten, ob er, wenn er bei Freunden zu Besuch ist, einen Becher Sahne unterm Flügel bunkern oder die Küche nach Teebeuteln durchsuchen darf. Und selbst wenn Gillian hin und wieder „puh“ macht, leuchtet ihr lakonischer Humor hindurch. „Meine Liebe zu ihm ist in diesen Jahren gereift und tiefer geworden. Wir sagen uns jeden Tag, was wir für ein Glück haben“, sagt sie ohne eine Spur von Pathos.

Auch im Hamburger Hotelzimmer schwingt leises Amüsement mit, als sie ihn zur Ordnung ruft. „Nein, David, lass das Unterhemd an. Wir haben Besuch!“ – „Aber es ist so heiß hier drinnen“, protestiert er kurz, fügt sich dann wie ein Kind und beginnt wieder: „Kann ich ins Bad?“ Zeit zu gehen. David verabschiedet mich geschäftig murmelnd. Und küsst mich mal eben auf den Mund.

Kino-Termin: „Hello I am David“ läuft ab dem
21. Januar im Abaton und Zeise; Infos im Internet: www.davidhelfgott.com und www.helloiamdavid.de