Ein Jahr vor Eröffnung

30 wichtige Fragen und Antworten zur Elbphilharmonie

In einem Jahr eröffnet sie : Die Elbphilharmonie Hamburg

In einem Jahr eröffnet sie : Die Elbphilharmonie Hamburg

Foto: obs/Hamburg Marketing GmbH/Thies Raetzke / obs

In einem Jahr soll die Elbphilharmonie eröffnet werden. Als Vorgeschmack darauf beantworten wir 30 wichtige Fragen.

Wer in diesen Tagen Christoph Lieben-Seutter auf das Thema Eröffnungskonzert und Kartenwünsche anspricht, bekommt von dem Generalintendanten die diplomatische Antwort: Es gibt Dutzende Eröffnungskonzerte. Kann man so sehen. Doch es gibt nur einen geplanten Eröffnungstermin für die Elbphilharmonie, den 11. Januar 2017, auch wenn das Programm am Abend danach identisch sein wird. Der Countdown läuft, und was fest steht, steht hier.

1 Ab wann bekomme ich Karten, was kosten die billigste und die teuerste? Wird es Ermäßigungen geben?

Im April stellt Generalintendant Christoph Lieben-Seutter die Spielzeit 2016/17 vor, der Vorverkauf startet im Juni. Dann beginnt der Run, erst recht auf die ersten Termine. Die günstigsten Karten sollen laut Kulturbehörde nicht teurer sein als ein Kinobesuch, dafür sind die Subventionen – rund sechs Millionen Euro pro Spielzeit – ja ­gedacht. Die Preise der besten Plätze sollen sich im Rahmen des Branchenüblichen bewegen. Ermäßigungen gibt es weiterhin.

2 Was wird zur Eröffnung gespielt?

Das wird noch nicht verraten. Traditionell werden neue Konzerthäuser gern mit der Uraufführung einer Auftragskomposition eröffnet. Anno 2008 bestellten die Philharmoniker und Simone Young bei Matthias Pintscher ein Stück. Das hatte sich irgendwann erledigt. Wahrscheinlichster Lieferant ist jetzt Wolfgang Rihm („Die Eroberung von Mexico“). Ansonsten könnte es auf eine Mischung aus repräsentativen Großwerken und Kleinerem hinauslaufen, um die Vielseitigkeit der Akustik des Großen Saals vorzuführen. Oder klassische Hamburgensien von Brahms, Mendelssohn oder Mahler. Das Recht der ersten Nacht hat das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Chefdirigent Thomas Hengelbrock, denn esist das Residenzorchester dort.

3 Wie komme ich auf die Plaza und was kostet das?

Entweder mit der Rolltreppe oder mit einem der Fahrstühle. Aber nur mit einem Ticket, für spontane Besuche sollen sie vielleicht bis Sommer 2018 kostenlos sein, auch, um Kartenhökerern den grauen Markt zu verderben. Vorab-Tickets mit fester Uhrzeit wird man im Ticketcenter, am Kartenautomaten oder online vorbuchen können. Bislang lautet die Preis-Ansage: 2 Euro. Ob es so kommt oder bleibt oder auch nicht, ist eine offene Frage. Schließlich wurde immer gesagt, man wolle „ein Haus für alle“.

4 Gibt es noch Besichtigungen des Gebäudes vor der Eröffnung?

Allerhöchstwahrscheinlich nein. Alle Beteiligten wollen endlich fertig werden. Es wird aber sicher nach der Übergabe des Gebäudes im Spätsommer Termine geben, bei denen Menschen Teile des Gebäudes besuchen, um den Normalbetrieb zu simulieren. Die ­Öffentlichmachung der Plaza im ­November soll das Trostpflaster sein.

5 Ist der 11.1.2017 als Eröffnungstermin sicher oder kann er sich noch verschieben?

Radio Eriwan würde jetzt antworten: Im Prinzip ist er sicher. Die Baumaßnahmen machen zügige Fortschritte, alle offiziell Beteiligten sagen offiziell: Wir schaffen das. Eine Verschiebung wäre als Symbol der Blamage und Prestigeverlust ebenso katastrophal wie als Organisationsgrundlage, weil alles am pünktlichen Start hängt. Die Stars der Eröffnungsphase muss man jahrelang vorher verpflichten, die können nicht einfach mal eben drei Wochen später kommen. Die Kulturbehörde jedenfalls sagt: Sicher. Mit Ausrufezeichen.

6 Sind wir dann Musikstadt?

Wenn das mal so einfach wäre. Musikstadt wird man nicht, nachdem man es sich für eine bestimmten Zeitraum vorgenommen hat. Traditionen müssen wachsen, Begeisterung und Kompetenz müssen sich entwickeln. Das dauert, das kostet. Das lohnt sich. Aber im Vergleich zum Beginn des Jahrtausends, als Hamburg für den Rest der Musikwelt nur eine regionale Größe war, steht die Geburtsstadt von Brahms jetzt dramatisch besser da.

7 Was kostet das neue Wahrzeichen?

Kommt drauf an, wie man rechnet. Insgesamt 865,65 Millionen Euro. Spenden und weitere Einnahmen verringern den Anteil der Stadt auf 789,05 Millionen Euro. Anders als die geplatzten Vorgänger gilt dieser Preis seit Ende 2012. Fehlt noch das Geld für den Spielbetrieb: Bislang rechnet die Behörde mit rund sechs Millionen Euro pro Jahr – im internationalen Konzerthaus-Vergleich keine Unsumme. Dazu kommen fünf Millionen Einmal-Bonus für die Eröffnungszeit. Für 20 Jahre Facility Management sind etwa sieben Millionen Euro jährlich fällig.

8 Wie komme ich auf die Aussichtsterrasse im Dach?

Es würde wahrscheinlich helfen, ein guter Freund des Mäzens Klaus ­Michael Kühne zu sein, denn der Hochgebirgsbalkon heißt nicht ohne Grund „Kühne Sky Lounge“. Spendabel zu sein könnte ebenfalls helfen, das Türchen zu Events dort zu öffnen. ­Ansonsten gilt: Sie soll im Rahmen von Führungen zu besichtigen sein.

9 Habe ich überhaupt eine Chance, eine Karte für die Eröffnungsabende zu ­bekommen?

Macht Lottospielen sofort reich? Es wird jedenfalls nicht nur Karten für geladene Gäste geben. Abonnent zu sein, könnte helfen. Gottvertrauen ebenfalls.

10 Wie viele Konzerte wird es in der ersten Saison voraussichtlich geben?

Im Eröffnungshalbjahr über 200 im Großen Saal und über 100 im Kleinen. Insgesamt rund 450.000 Karten kommen auf den Markt. Der Normal­zustand danach: etwa 260 Veranstaltungen jährlich im Großen Saal und rund 200 im Kleinen Saal.

11 Wird nur Klassik gespielt?

Nein. Es soll auch Jazz, Weltmusik und andere Genres geben. Doch der Große Saal mit seinem Weinberg-Design ist auf Klassik-Bespielung hin optimiert. Je kleiner die Spielstätte, desto größer die mögliche stilistische Bandbreite.

12 Wird man erst nach dem ersten Konzerten wissen, wie gut die Akustik ist?

Grundsätzlich sicher nicht. Die Hamburger Orchester, die die Akustik der Laeiszhalle verinnerlicht haben, werden sich allerdings umstellen müssen. Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, sagt dazu: „Ein Konzertsaal ist das Instrument, das das Orchester spielt.“ Die Lernphase wird hart, denn die neue Akustik ist auch eine große Herausforderung, weil alle alles anders hören werden als in der Schuhschachtel am Brahms-Platz. Zum Vergleich: In der Philharmonie de Paris, die im letzten Januar unfertig startete, spielte das Orchestre de Paris zwei ­Tage vor der Premiere zum ersten Mal. Blindflug nix dagegen.

13 Wird es die beste Akustik in Deutschland beziehungsweise Europa sein?

Das hoffen alle. Kein Saal ist für alles ideal, denn manche sind für übergroße Orchesterbesetzungen aus der Spät­romantik schlicht zu klein. Andere wiederum sind eigentlich zu groß für Kammermusik oder barocke Ensembles, die mit wenigen Musikern auskommen.

14 Ist die Klassikwelt neidisch auf ­Hamburg?

Auf die Kostenexplosionen, die Planungsdesaster und die jahrelange ­Häme garantiert nicht, auf den Ehrgeiz der Kulturpolitik und die anfängliche millionenschwere Unterstützung durch Spender garantiert. In München zieht sich die Konzerthausbau-Debatte seit Jahren, als Mitglieder des BR-Symphonieorchesters die Baustelle besuchten, wären sie am liebsten geblieben.

15 Was ist das Außergewöhnlichste?

Einfacher wäre die Antwort, was ­gewöhnlich ist. Theoretisch gibt es kaum einen dümmeren Ort, um einen Konzertsaal zu bauen in fast 40 Meter Höhe, auf einem anderen Gebäude, an drei Seiten von Wasser umgeben. Die Glasfassade ist ebenso eine Weltpremiere wie die Form des Großen Saals und die gebogene Rolltreppe.

16 Steht die Laeiszhalle leer, sobald die Elbphilharmonie eröffnet ist?

Nein. Generalintendant Christoph Lieben-Seutter soll beide Gebäude programmatisch klug und sinnvoll verknüpfen. Bislang musste alles in der Laeiszhalle passieren. Jetzt kann je nach Repertoire die geeignetere Bühne bespielt werden. Der Auslastungsdruck steigt, ist aber in der historisch wertvollen Laeiszhalle Baujahr 1908 ein anderer, denn im Rampenlicht der Aufmerksamkeit wird vor allem der Neubau stehen. Doch das ist allen Verantwortlichen seit etlichen Jahren bekannt und es wird hoffentlich keine A- und B-Halle geben.

17 Ist die Gastronomie den ganzen Tag geöffnet oder nur vor und nach Konzerten?

Die Gastronomie im Kaispeicher, auf der Plaza und im Hotel tischen unabhängig vom Konzertprogramm auf.

18 Wird es einen Dresscode geben?

Warum sollte das so sein? Den gibt es auch nicht in der Oper, im Theater, Museum oder im Musical. Das würde jenen Dünkel stärken, den man abbauen will.

19 Wo parke ich, wenn die 500 Plätze des Parkhauses im Kaispeicher belegt sind?

Theoretisch in den Parkhäusern der näheren Nachbarschaft.

20 Was, wenn ich die Plaza verlassen will, aber die Rolltreppe aufwärts fährt?

Es gibt zwei, in aller Regel für jede Richtung eine. Für die Menschenmassen nach Konzert­ende im Großen Saal fahren womöglich beide abwärts. Dann käme man mit den Fahrstühlen auf die Plaza.

21 Wie viel Miete muss mein Freizeit-Gospelchor für den Großen Saal zahlen?

Die Monate bis zur Sommerpause 2017 sind weitgehend durchgeplant. Die erste Chance kommt erst von Herbst 2017 an. Die Saalmiete richtet sich nach der Höhe des Kartenpreises. Bei bis zu 25 Euro beträgt sie 8200 Euro, bei bis zu 200 Euro 28.200 Euro.

22 Kann auch der Pudel Club dort gastieren, wie bereits im Schauspielhaus ­geschehen?

Die salomonische Antwort der Kulturbehörde: „Solange die Qualität stimmt, wird es solche Kooperationen geben.“

23 Wie soll der Verkehr geregelt werden? ­Also: die Enge an der Brücke, den Mix aus Taxis, Bussen und PKWs.

Die Fototapete-Variante wäre die Anfahrt mit der Fähre. Als Stau-Gegenmittel setzt die Kulturbehörde vor allem auf die verbreiterte Brücke, die zum Konzerthaus führt. Taxis und Privat-Pkw sollen vorfahren können, wo genau die Taxis halten, werde derzeit noch abgestimmt, heißt es.

24 Wann eröffnet das Hotel? Es soll ja angeblich baulich längst fertig sein.

Im November, wenn die Plaza eröffnet, soll es losgehen, für Januar 2017 ist eine „Grand Opening Party“ geplant.

Leitartikel: Eröffnung der Elbphilharmonie 2017: Schaffen wir das?

25 Kommen Gäste ohne Umweg in den ­Konzertsaal?

Alle Wege führen nach Rom. In der Elbphilharmonie führen so ziemlich alle über die Plaza. Dort werden die Konzertkarten kontrolliert, über den Aufgang zum Großen Saal ist die Garderobe erreichbar. Direkt in die Säle geht es über die Treppen oder per Fahrstuhl.

26 Ist das Ding sturmflutsicher?

Ja. Das umgebende Gelände ist wie der Rest der HafenCity erhöht worden.

27 Was wird die Elbphilharmonie der Eimsbütteler Familie mit zwei Kindern bieten, die mit Klassik bislang nichts zu tun hat?

Da solche Familien eine Lieblingskundschaft sein werden – hoffentlich eine Menge mehr als jetzt. Vor allem im ­Bereich der Musikvermittlung wird viel mehr passieren.

28 Reißen sich die besten Dirigenten schon um einen Auftritt dort?

Auf jeden Fall sind viele sehr gespannt, ob der Saal hält, was sein Anblick verspricht. Die Mundpropaganda in der Branche darf man nicht unterschätzen. Als Leonard Bernstein wegen der schlechten Akustik über den Münchner Gasteig fluchte „Burn it!“, hatte der Saal seinen miesen Ruf weg.

29 Wer wird kommen?

Anfangs wahrscheinlich fast alle, die Rang und Namen haben. Einige waren bereits zu früh da: Mariss Jansons und seine Orchester Amsterdam, BR und Wien spielten 2010/11 in der Laeisz­halle, weil sie für einen Saal gebucht waren, den es dann noch gar nicht gab.

30 Werden andere Kultureinrichtungen unter der Elbphilharmonie leiden?

Der O-Ton aus der Kulturbehörde: „Nein. Es gilt das Versprechen, dass diese Kosten nicht zulasten anderer getragen werden.“

Weitere Infos: www.abendblatt.de/elbphilharmonie