Serie: 50 Meisterwerke

Kunstschätze der Weltkultur in der Kunsthalle

Die Hamburger Kunsthalle

Die Hamburger Kunsthalle

Foto: Michael Rauhe

Es sind Schätze der Weltkultur, die in Hamburger Museen bewahrt werden. Wir stellen die kostbarsten vor. Serie Teil 2: Die Kunsthalle.

Hamburg. Es sind Schätze der Weltkultur, die in unseren Museen bewahrt und gezeigt werden. Matthias Gretzschel stellt in dieser Abendblatt-Serie einige der kostbarsten Beispiele vor.

Philipp Otto Runge: "Der große Morgen" (1808)

Über Jahre hin hatte sich Philipp Otto Runge mit dem unvollendet gebliebenen „Zeiten“-Zyklus beschäftigt. Für das symbolgeladene Ölgemälde „Der große Morgen“ aus dem Jahr 1809 betrieb er umfangreiche Vorarbeiten, zum Beispiel zeichnerische Pflanzen- und Blumenstudien, bei denen er einerseits mit naturwissenschaftlichem Interesse den floralen Formen auf die Spur zu kommen suchte, andererseits aber nach einer geometrischen Ordnung, einem zugrunde liegenden Konstruktionsprozess gesucht hat, um die Formen dann mit völlig neuen Mythen, Symbolen und Inhalten zu füllen. Kunst trat für ihn an die Stelle des alten Glaubens, wurde zur neuen Religion. Im Zentrum des Gemäldes „Der große Morgen“ steht eine nackte weibliche Figur, die als Maria, aber auch Venus gedeutet werden kann. Die fantastische Bildkomposition ist von Jakob Böhmes Naturmystik beeinflusst und von dem romantischen Dichter Novalis.

Adolph Mezel: "Atelierwand" (1872)

Schon im 17. Jahrhundert gab es Atelierbilder, doch hier wirkt die Darstellung des Arbeitsumfeldes geradezu revolutionär. Denn Adolph Menzels „Atelierwand“, von der die Kunsthalle die spätere, 1872 entstandene Fassung besitzt, ist inhaltlich wie formal außergewöhnlich. Man sieht die geradezu gespenstisch von unten angeleuchteten Gipsabgüsse, die an der roten Wand von Menzels Berliner Atelier hängen, dabei aber ein geheimnisvolles Eigenleben zu führen scheinen. Die einzelnen Köpfe und Torsi lassen sich unterschiedlichen kunstgeschichtlichen Motiven und historischen Persönlichkeiten zuordnen. Es sind unbelebte Objekte, die gleichwohl nicht wie ein übliches Stillleben wirken, sondern schon eher wie eine surrealistische Komposition. Faszinierend ist die Wirkung von Licht und Schatten, die schon Alfred Lichtwark beeindruckte, der das Bild für die Kunsthalle erwarb.

Édouard Manet: "Nana" (1877)

Mit hochhackigen Schuhen, blauen Strümpfen, halb transparentem Spitzenunterrock und einem Mieder bekleidet, der mit Rüschen besetzt ist, steht eine junge Frau in ihrem Boudoir, das mit eleganten Möbeln ausgestattet ist. Eben noch hat sie in den Spiegel geblickt und sich geschminkt, doch nun blickt sie den Betrachter des Bildes unverwandt an.

Ist da eine Spur von Spott in diesem Blick, der doch eher anmutig als kokett anmutet? Dass ganz rechts ein mit schwarzem Frack und Zylinder bekleideter Mann halb angeschnitten zu sehen ist, scheint sie nicht zu stören. Sie ist sich ihrer Wirkung wohl bewusst, bestimmt die Situation, in der der Mann mit Schnauzbart mit seinem Spazierstock in der rechten Hand eher unbeholfen anmutet. Wahrscheinlich ist es ein wohlhabender Pariser Geschäftsmann, der hier zum Freier wird.

Als Édouard Manet seine „Nana“ im Jahr 1877 der Öffentlichkeit vorstellte, war der Skandal perfekt. Dass es sich bei der außerordentlich hübschen jungen Dame in Wahrheit um die Schauspielerin Henriette Hauser handelte, machte bald die Runde. Das Bild, das eine zwar verfängliche, aber eben doch ganz alltägliche Szene der Pariser Gesellschaft darstellt, durfte nicht auf dem Salon de Paris gezeigt werden. Doch der Maler fand einen Ausweg und stellte es im Schaufenster des am eleganten Boulevard des Capucines gelegenen luxuriösen Maison Alphonse Giroux aus. Dort drückten sich die Schaulustigen bald die Nasen platt, denn das großartige Gemälde zeigte eine Szene, die zwar allgemein bekannt war, aber in der Öffentlichkeit eben doch als Tabu galt. Verkauft hat Manet dieses impressionistische Meisterwerk übrigens Zeit seines Lebens nicht, erst ein Jahr nach seinem Tod wechselte es 1894 für 3000 Franc erstmals den Besitzer. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Preis bei mehreren Verkäufen enorm an. 1910 kam es durch Vermittlung des Berliner Kunsthändlers Paul Cassirer schließlich nach Hamburg, und zwar in die Sammlung von Theodor Behrens, der dafür 150.000 Mark bezahlte. Der kunstbegeisterte Bankier besaß noch zwei weitere Gemälde von Manet sowie zum Beispiel auch Bilder von Auguste Renoir und Paul Cézanne. 1924 konnte die Kunsthalle Édouard Manets „Nana“, ein großartiges Hauptwerk des Impressionisten, von der Witwe des Bankiers erwerben.

Rembrandt H. van Rijn: "Porträt des Maurits Huygens" (1632)

Es ist ein selbstbewusster Mann in den besten Jahren, der uns hier mit wachem Blick ansieht. Über dem dunklen Gewand trägt er einen kostbaren Spitzenkragen, der noch heller ist als das eher sparsam beleuchtete Gesicht dieses zweifellos einflussreichen Staat­s­beamten aus Den Haag, den Rembrandt 1632 porträtiert hat. Im Jahr 1870 kaufte der kunstsinnige Hamburger Geschäftsmann Nicolaus Hudtwalcker, der 1822 zu den Gründungsmitgliedern des Kunstvereins gehört hatte, dieses meisterhafte Porträt. 1888 konnte es die Hamburger Kunsthalle erwerben. Neben dem Porträt „Maurits Huygens. Sekretär des Staatsrats in Den Haag“ und einem beachtlichen Grafikbestand besitzt die Kunsthalle nur ein weiteres Rembrandt-Bild, nämlich das biblische Motiv „Simeon und Hanna im Tempel“ von 1627.

Max Beckmann: "Odysseus und Kalypso" (1943)

So zärtlich ihn die schöne Nackte auch berührt, ihr Partner scheint unbeeindruckt, mit den Gedanken offenbar ganz woanders zu sein. 1943, als sich Max Beckmann im Amsterdamer Exil aufhielt, hat er dieses Bild geschaffen, das er zunächst „Großes Liebespaar“ nannte, bevor er es mit dem Titel „Odysseus und Kalypso“ in der griechischen Mythologie verankerte. Odysseus hat Sehnsucht nach seiner Frau Penelope und nach Telemachos, dem gemeinsamen Sohn, doch die Halb­göttin Kalypso setzt alles daran, ihn als Geliebten bei sich zu halten. In dem Bild, das zu den Meisterwerken des deutschen Expressionismus gehört, schildert Max Beckmann, einer der „Hausgötter“ der Hamburger Kunsthalle, mit leuchtenden Farben und schwarz konturierten Formen das antike Drama von Verführung und Treue.

Hamburger Kunsthalle: Da die Kunsthalle umfassend modernisiert wird, ist zurzeit nur die Galerie der Gegenwart geöffnet. Dort sind alle abgebildeten Werke in der Sammlungspräsentation „Spot on“ bis zum 17. Januar zu sehen. Glockengießerwall, Di–So 10.00–18.00 Uhr, Do bis 21.00 Uhr, vor Feiertagen bis 18.00 Uhr.