Oper

Heinz Gürtler lädt zur Kultur aus dem Koffer

Opernkenner Heinz Gürtler besucht Senioren zu Hause oder im Heim mit seinem prall gefüllten Kulturkoffer

Opernkenner Heinz Gürtler besucht Senioren zu Hause oder im Heim mit seinem prall gefüllten Kulturkoffer

Foto: Andreas Laible

Eine Hamburger Initiative ermöglicht auch alten Menschen den Zugang etwa zur Oper. Und das in heimischer Umgebung.

Hamburg.  Heute ist Heinz Gürtler zu einem Seniorentreff in Billstedt eingeladen. Der 70-Jährige erscheint mit Hut, rotem Schal und seinem Koffer. In diesem Koffer, der eigentlich ein umfunktionierter Picknickkorb ist, hat der bärtige Herr mit den freundlichen Augen jede Menge CDs, mit denen er seinem Publikum das Thema „Schöne Stimmen des vergangenen Jahrhunderts aus Oper, Operette und Tonfilmschlager“ näherbringen möchte. Gürtler ist Botschafter der Initiative „Kultur im Koffer“, die älteren Menschen, „die nicht mehr die Chance haben, ins Museum zu gehen, in die Oper oder ins Theater“, kostenlos die Möglichkeit geben möchte, sich trotzdem noch mit einem Gebiet, das sie interessiert, beschäftigen zu können. Die Kulturbotschafter besuchen jedoch nicht nur einzelne Menschen daheim, sondern werden auch für Seniorentreffs oder für Altenheime gebucht.

Der persönliche Bezug macht es für die Zuhörer besonders

In Billstedt hat man sich im Vorfeld „etwas Musikalisches“ gewünscht. Doch als Gürtler beginnt, den sechs Damen und einem Herrn mit seiner enthusiastischen Art Lieder und Biografien vorzustellen, ist zu merken, dass man sich unter „musikalisch“ offenbar etwas anderes als Oper und Operette vorgestellt hat: Bald kommt die Frage, ob er denn nicht auch Weihnachtslieder habe, und die Bitte, die Musik doch nicht so laut zu machen, damit man sich unterhalten könne.

Im Vorfeld hatte Gürtler gemutmaßt: „Vielleicht ist bei der Gruppe heute überhaupt niemand dabei, der sich für die Oper interessiert.“ Damit hat er nicht unrecht gehabt. Gürtler lässt sich davon jedoch nicht beirren: „Dass ich sie trotzdem kriege und dass sie anschließend denken ‚Mensch, das war ein netter Nachmittag, und Oper ist ja doch ganz spannend‘ – das ist der Anspruch, den ich an mich stelle.“ Und so beginnt er zu erzählen aus dem Leben von Pavarotti, Wunderlich und Domingo und gibt immer wieder Hörproben. Währenddessen vernimmt man immer häufiger aus dem kleinen Publikum ein leises Mitsummen und Mitsingen. Die Zuhörer werden aufmerksamer, während die Musik läuft, lauschen gespannt, anschließend stellen sie Fragen und kommen ins Gespräch über die eigenen Bezüge zur Musik. Der menschliche Aspekt spricht die Zuhörer besonders an, „das ist was ganz anderes, wenn man weiß, was da für ein Mensch hinter der Stimme steht.“

„Kultur im Koffer“ ist eine Initiative der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg, die sich durch Spenden finanziert und vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde. „Kultur ist dabei ein weitgefasster Begriff“, erzählt Gürtler, und so findet man neben Astrid Lindgren, Heinz Erhardt und Karl May auch etwas über Barcelona, Brasilien, Ägypten oder auch zur Fußball-Weltmeisterschaft in den Koffern.

Jeder Kulturbotschafter hat ein ganz eigenes Spezialgebiet. „Das sind die Steckenpferde der Leute.“

Gürtler gefällt die Mischung des Publikums und die Vermittlung seines Wissens

Seit einem Jahr besucht der ehemalige Journalist Heinz Gürtler, der lange Zeit in München bei der „Abendzeitung“ und dem Bayerischen Rundfunk tätig war, etwa einmal im Monat Menschen mit seinem Koffer. Zehn der zurzeit angebotenen 40 Koffer sind von Heinz Gürtler, alle drehen sich um das Thema Oper. „Ich bin so ein Opernverrückter, Sie können mich alles fragen, und ich kann Ihnen da auf alles eine Antwort geben.“

Um Botschafter zu werden, braucht es eine zweitägige Schulung. Gürtler betont, dass Vertrauen sehr wichtig für die Arbeit der Kulturbotschafter sei und dass auch sie einen Kodex hätten. Er zeigt seinen Kulturbotschafter-Ausweis und erklärt: „Für Ängstliche haben wir den bei uns, damit man sicher sein kann, dass ich auch der Richtige bin.“

Wer Interesse an einem Besuch hat, ruft die Koordinatorin Heidrun Wörle an und wird von ihr an den jeweiligen Botschafter weitervermittelt. Mit diesem kann dann ganz individuell besprochen werden, was man sich zum Thema wünscht. Heinz Gürtler berichtet dazu: „Ich hatte eine alte Dame, die hatte sich für Fritz Wunderlich gemeldet – das ist eines meiner Themen. Und als ich dann mit dieser Dame telefoniert habe, hat sie mir gestanden, dass ihr allergrößter Liebling eigentlich Luciano Pavarotti ist. Und da habe ich ihr gesagt: ‚Ja, den kenne ich ganz gut persönlich‘, er war ja ein Kollege von meiner ersten Frau damals, die war Opernsängerin. Und dann wurde das eine ganz persönliche Geschichte über Pavarotti.“

Seine Leidenschaft, unabhängig vom Vorwissen der Zuhörer vermitteln zu können, ist Gürtler wichtig, er freut sich, wenn er die Menschen anregen kann. Ihm gefalle die Herausforderung bei Veranstaltungen, mit einem gemischten Publikum zu tun zu haben, sagt er. Begriffe, die dem opernfernen Zuhörer nicht geläufig sind, möchte er so erklären, dass auch der Opernfan nicht gelangweilt ist. „Das ist unheimlich bunt, auch für mich. Und das macht mir Spaß.“ Wie sagt man neudeutsch so schön? Eine klare Win-win-Situation.

Alle „Koffer“ unter: www.kultur-im-koffer-hamburg.deT. 040/519 00 08 27