Felix Scheinberger

Mit den Augen eines Berliners – Liebeserklärung an Hamburg

Zeichenprofessor Felix Scheinberger hat 20 Jahre in Hamburg gelebt. Nun widmet er 156 Seiten seiner alten Liebe Hamburg

Zeichenprofessor Felix Scheinberger hat 20 Jahre in Hamburg gelebt. Nun widmet er 156 Seiten seiner alten Liebe Hamburg

Foto: Christine Steen

Er hat vor 20 Jahren in Hamburg gelebt, ist heute Professor für Illustration. Nun hat er die Hansestadt in Illustrationen festgehalten.

Hamburg.  Endlich sagt’s mal einer: Verglichen mit Berlin ist Hamburg „schöner“, „visuell spannender“, einfach „catchy“, griffig, einprägsam, hintergründig und herrschaftlich zugleich. Kurzum: Im Gegensatz zum Moloch an der Spree erscheint Hamburg um einiges vielseitiger, ist einfach malerischer. Und das sagt einer, der es wissen muss. Denn Felix Scheinberger ist nicht bloß Professor für Zeichnung und Illustration an der Fachhochschule Münster, bringt also ein gewisses Verständnis für Ästhetik und komplexe Fragestellungen mit. Der Mann wohnt auch noch in Berlin.

Trotzdem hat er mit seinem nun vorliegenden Werk „Hamburg – ein Skizzenbuch“ seiner alten Liebe Danke sagen wollen. Der Stadt, in der er Anfang der 90er-Jahre gelebt hat – damals unter anderem in einer Wohngemeinschaft mit dem unkaputtbaren Musiker Bernd Begemann. Der Stadt, die ihm die Bands der Hamburger Schule geschenkt hat. Und der Stadt, in die er jetzt zurückgekehrt ist, um sie und ihre Bewohner zu zeichnen.

Von Blankenese bis Bergedorf: „Wenn man so will: eine Liebeserklärung“

Danke, Hamburg! Auf diese schlichte Formel lässt sich das Opus des 46 Jahre alten Zeichners auch bringen, ganz ohne Seitenhiebe auf die Hauptstadt. Die bunten 156 Seiten von Blankenese bis Bergedorf seien ihm einfach ein Bedürfnis gewesen. „Wenn man so will: eine Liebeserklärung“, sagt Felix Scheinberger. Dabei wollte ihm sein Verlag eigentlich ein Buch über Berlin „aufschwatzen“. „Ich wollte aber unbedingt Hamburg zeichnen, noch mal neu entdecken.“ Es sollte sein persönlicher Blick auf die Stadt werden. Sein Blick von der Veddel auf die Elbphilharmonie oder auf die Gestalten vor der Roten Flora oder das schemenhafte Publikum vorm Café Gnosa.

Im Buch selbst wirkt dann vieles krumm und schief, manchmal halb fertig, etwas entfremdet, teilweise getuscht, teilweise nicht. Naive Kunst? „Ich hätte das natürlich besser und ordentlicher zeichnen können“, sagt Scheinberger. „Aber dann wäre es weniger direkt, nicht so echt geworden.“ In Zeiten schneller Selfies wollte er Menschen und Orte auf seine Weise in Bezug setzen, händisch, ohne Computer, roh und unverstellt. Dafür besuchte er über einen längeren Zeitraum seine Lieblingsplätze, unterhielt sich während des Zeichnens mit Leuten und Passanten, ließ sie in die Bilder einfließen. „Das ist ein fast physischer Prozess“, sagt er. Stimmung, Geruch und Gespräche prägten das Ergebnis. Bewusst seien keine Abbilder der Wirklichkeit entstanden. Die bekomme man heute mit jeder Handykamera, ohne sich wirklich auf den Ort eingelassen zu haben.

Das Städtezeichnen ist zu einer weltweiten Bewegung geworden

Der Stil von Felix Scheinberger nennt sich „Urban Sketching“. Es gibt eine ganze Bewegung dazu. 2007 in Seatt­le von Gabriel Campanario ins Leben gerufen, gehören den Städtezeichnern weltweit inzwischen Tausende Künstler an. Sie malen, statt zu fotografieren, interpretieren, statt stumpf abzubilden, führen einen künstlerischen Kampf gegen beliebige Reproduzierbarkeit. Motto: „Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung!“ Als Mitglied dieser Bewegung will sich Scheinberger nicht bezeichnen, aber er setzt sich mit ihr auseinander. Im Urban Sketching stecke auch die gesamt­gesellschaftlich gewachsene Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, nach Handgemachtem. „Im Zweifel ist ,echt‘ heute besser als ,perfekt‘“, sagt er. Anfangs seien die Leute mit Zeichenblöcken in Kneipen belächelt worden. Mittler­weile hält der Professor Vorträge zum Thema in Tel Aviv oder zuletzt in Barcelona.

Was Hamburg angeht, sei es für den Skizzenzeichner interessant gewesen, altbekannte Orte und neue Ecken aufzusuchen. Gut 20 Jahre später. „Rothenburgsort oder Wilhelmsburg zum Beispiel bieten völlig neue, nicht uninteressante Perspektiven.“ Die Oldtimer-Tankstelle am Brandshof etwa fand Eingang ins Buch. Und als Tourist müsse er sagen: Die Elbphilharmonie ist „echt super“. Nur ein bisschen teuer. Aber aus ästhetischen Gesichtspunkten war es ihm ein Vergnügen, diesen Bau zu zeichnen.

Im Grund habe Scheinberger ein Buch für sich gemacht

Früher sei Scheinberger viel in Altona und auf der Reeperbahn unterwegs gewesen, weshalb auch viele Motive wie die Fabrik, Harrys Hafenbasar oder die Hafenstraße im Skizzenbuch auftauchen. Von der Entwicklung in der Schanze ist er erstaunlicherweise positiv überrascht, „weil die Kluft zwischen ganz Arm und ganz reichem Werber eher kleiner geworden ist“. Enttäuscht zeigt sich Scheinberger von der Reeperbahn: „Die ist mit der Zeit an vielen Stellen ein übler Amüsierbetrieb geworden – wie der Ballermann, nur mit mehr Busladungen.“ Gezeichnet hat er sie trotzdem – mit Prostituierten, Bourlesque-Tänzerinnen und der Davidwache. Oft ergab sich der Kontakt beim Zeichnen – sieht man ja eher selten, einen Typen mit Stift und Block. Da wird erst einmal Interesse geweckt. Bei jedem und jeder.

Überhaupt arbeitet sich Scheinberger sowohl an den Klischees (Landungsbrücken, Binnenalster, Michel) als auch an Abseitigem (Lobuschhaus, Alte Schmiede Moorburg, Kraftwerk Tiefstack) ab. Dadurch lässt er ein ganz eigenes, individuelles Hamburg-Bild mit subkulturellem Einschlag entstehen. „Ich habe gezeichnet, was mir interessant erscheint“, sagt Scheinberger. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder fremde Erwartungen.

Denn nachdem er viele Bücher über andere Zeichnungen und Stile gemacht hat, sollte das nun ein Werk mit seinen Bildern werden: „Im Grunde habe ich ein Buch für mich gemacht“, sagt er. Den geplanten Band über Berlin jedenfalls soll mal schön ein anderer zeichnen.