Kirchwerder

Wie ein Bauernhof seit Jahrhunderten überlebt

Machten den Hof Eggers fit für die Zukunft: Christine und Georg Eggers (M.) stehen mit ihrem Neffen Henning Beeken vor einem Schweinestall

Machten den Hof Eggers fit für die Zukunft: Christine und Georg Eggers (M.) stehen mit ihrem Neffen Henning Beeken vor einem Schweinestall

Foto: Andreas Laible / HA

Viele Hamburger Landwirte mussten in den vergangenen Jahren aufgeben. Der 1628 gegründete Vierländer Biobetrieb Eggers floriert.

Ein Bauernhof wie aus dem Bilderbuch – dieser Gedanke kommt Besuchern, die sich über den unbefestigten Zufahrtsweg dem Hof Eggers in Kirchwerder (Vierlande) nähern. Das älteste Gebäude des Hofensembles, ein stillgelegter Kornspeicher, stammt aus dem Jahr 1535. Auf den ersten Blick sieht es bei Eggers aus wie im Freilichtmuseum. Doch hier wirtschaftet ein florierender Biobetrieb, der mit viel Engagement und Kreativität eine traditionsreiche Landwirtschaft ins 21. Jahrhundert gerettet hat. Der Hofbetrieb der Familie Eggers geht bis auf das Jahr 1628 zurück. Seniorchef Georg Eggers, 74, hat die Geschichte seiner Vorgänger erkundet und selbst seit 1967 dafür gesorgt, dass der Betrieb nicht in alten Zeiten verharrte, sondern immer wieder Pionier in dem konservativ geprägten Landstrich war. „Unsere Familie ist zwar konservativ, aber gegenüber Neuheiten durchaus aufgeschlossen“, sagt Eggers.

Als Georg Eggers den Betrieb übernahm, hatte er 61 Hektar Land zur Verfügung. „Das war relativ viel, die meisten Höfe lagen bei 40 Hektar“, sagt er im Rückblick. Die größere Fläche war schon damals ein wirtschaftlicher Vorteil. Aber der Betrieb habe wenig Maschinen und „einen miserablen Viehbestand“ gehabt, erzählt der Senior, der den Hof 2012 an seinen Neffen Henning Beeken übergeben hat, aber nicht wirklich im Ruhestand ist.

1968 baute Eggers den alten Schweinestall um und setzte die anderen alten Gebäude nach und nach instand. Er ging mit der Zeit und vergrößerte sich, pachtete immer mehr Fläche hinzu. Er folgte damit den Ideen von Sicco Leendert Mansholt, dem Vater der europäischen Agrarordnung. Der präsentierte nämlich im selben Jahr seinen Plan zur Rationalisierung der Landwirtschaft. Seit 1962 hatte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zuvor recht wahllos ihre Subventionen an ihre Bauern verteilt.

Der Mansholt-Plan sah unter anderem vor, dass bis zum Jahr 1980 die Hälfte der rund zehn Millionen Bauern der EWG ihre Höfe verlassen sollten. Der Agrarkommissar wollte den damaligen Flickenteppich aus kleinen Höfen mit einer Durchschnittsgröße von elf Hektar umwandeln in effizienter arbeitende Strukturen von Großbetrieben mit 80 bis 100 Hektar – heute liegt der Bundesdurchschnitt knapp unter 60 Hektar. Dies war das Startsignal für den Leitsatz: Wachsen oder weichen.

Auch Georg Eggers setzte damals auf Wachstum. Ende der 1970er Jahre hatte sein Hof eine Fläche von 130 Hektar. Der gelernte Landwirt war dem Credo zur Betriebsvereinfachung gefolgt. Statt kleinbäuerlicher Vielfalt galt es, sich auf wenige Betriebszweige zu konzentrieren. Bei Eggers in Kirchwerder wuchsen Raps und Getreide, die teils vermarktet wurden, teils als Schweinefutter dienten.

Bis Ende der 1980er Jahre produzierten Georg Eggers und seine Frau Christine nach den gängigen Leitlinien, unterwarfen sich dem Zeitgeist, pro Hektar immer mehr Menge erzeugen zu wollen. „Ich war zu diesem Zeitpunkt längst nachdenklich geworden“, erzählt Eggers heute. „Die Bücher ,Grenzen des Wachstums‘ vom Club of Rome und ,Der stumme Frühling‘, das die Folgen des intensiven Pestizideinsatzes beschreibt, hatten mich sehr beeindruckt.“

Auch in seiner Umgebung beobachtete der sensible Bauer Veränderungen: Hasen, Rebhühner und Fasane ließen sich seltener blicken. Wiesen und Weiden wurden zu Ackerland, so dass den Störchen weniger Raum zur Nahrungssuche blieb. Auf seinem Trecker sitzend habe er über die Zukunft nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass die Menschheit auf keinem guten Weg ist.

Mit anderen Landwirten sei er in dieser Zeit auch nach Brüssel gefahren, um für höhere Preise und damit für höhere Einkommen der Bauern zu demonstrieren. Eggers: „Durch landwirtschaftliche Produkte aus dem Ausland war das Angebot immer zu groß. Das drückte das Preisniveau. Wir Bauern mussten mehr produzieren, damit das Einkommen wieder stimmt.“

Sein Getreide konnte Eggers in den 1980er Jahren längst nicht mehr in den Vierlanden verkaufen, dafür fehlten entsprechende Vermarktungsstrukturen. Er belieferte eine Ratzeburger Mühle. Auch Landmaschinen waren in seinem näheren Umfeld nicht zu haben oder zu reparieren. Eggers musste dafür nach Winsen (Luhe) oder Mölln fahren. Ferkel und schlachtreife Schweine gingen an die Erzeugergemeinschaften Nordfleisch und Nordferkel, den damals bundesweit größten Schweineschlachter, der 2003 von der niederländischen Bestmeat Company übernommen wurde.

In den Vier- und Marschlanden gaben im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Höfe auf. Einige pachteten weiteres Land hinzu, andere nutzten ihre kleinen Flächen intensiver, bauten Gemüse oder Blumen an, im Freiland und in Treibhäusern. Oft wurde und wird die Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerb zu einem anderen Job betrieben oder um weitere Einkommensquellen wie Gästepension oder Pferdehaltung ergänzt.

Auch die Familie Eggers nutzte die Stadtnähe und öffnete ihren Hof für die Öffentlichkeit. „Wir tranken auf der Diele mit Besuchergruppen Kaffee und Kuchen“, erinnert sich Christine Eggers, die heute vor allem Hofbesuche von Schulklassen managt. „Damals waren wir damit recht alleine und wurden belächelt“, erzählen die Eggers bei einem Kaffee und einem Stück Zwetschgenkuchen. Aber inzwischen hat sich der Besucherstrom zu einem dritten Standbein neben Ackerbau und Viehhaltung entwickelt.

1991 folgte der Schritt, der eine Herzensangelegenheit der Eggers ist und dem Hof eine bessere wirtschaftliche Basis verschaffte: Georg Eggers stellte auf biologischen Landbau um – zunächst im Anbauverband Naturland, heute bei Bioland. In den Jahren zuvor hatte er bereits auf einzelnen Parzellen nach ökologischen Richtlinien gearbeitet, um zu schauen, wie etwa Weizen ohne Chemie und künstlichem Stickstoffdünger gedeiht. Ergebnis: Die Ernte fiel zwar geringer aus, ließ sich aber zu höheren Preisen vermarkten.

Der rege Publikumsverkehr und der ökologische Landbau gehen nun eine fruchtbare Verbindung ein. Um den Kindern etwas zu bieten, schafften die Eggers eine Mutterkuhherde an. Sie wuchs auf 55 Tiere inklusive Mastrinder: Kühe, Kälber, ein Bulle und einige Jungbullen. 20 Gänse und ein paar Schafe runden das Idealbild vom Bauernhof ab. „Die Biogänse sind ein Verkaufsschlager“, sagt Eggers. „Mein Neffe hat ihre Zahl auf 150 aufgestockt.“

1993 eröffnete Christine Eggers zudem einen kleinen Hofladen. Seit 2010 residiert in der „Neuen Scheune“ von 1835 ein Hofladencafé unter der Regie der Nichte Christine Beeken. Es hat von April bis Oktober an Wochenenden und Feiertagen von 12 bis 18 Uhr geöffnet und soll noch ausgebaut werden. Einmal im Monat wird ein Rind geschlachtet und das Fleisch auf dem Hof direkt vermarktet. Vor allem in den Sommermonaten locken Hoffeste, Führungen, Seminare und Aktionstage zahlreiche Städter an.

Anno 2008 kam die erste Ferienwohnung dazu, fünf weitere sind derzeit in Bau. Sie werden in das knapp 44 Meter lange Hufnerhaus aus dem Jahr 1834 integriert. „Bei uns übernachten gerne Familien, die Hamburg besuchen wollen. Sie kommen aus ganz Deutschland, zum Beispiel aus München oder dem Ruhrgebiet“, erzählt Eggers.

Längst ist der Hof, der heute 86 Hektar Land bewirtschaftet, zu einem sogenannten Demonstrationsbetrieb des ökologischen Landbaus geworden. Gerade wurde er vom Bundeslandwirtschaftsministerium zum sechsten Mal zum Öko-Vorzeigebetrieb gekürt. Er ist damit Teil eines Netzwerkes von 242 handverlesenen Betrieben, die mit zahlreichen Veranstaltungen über ihre Arbeit informieren.

1994 wurde der Hof ausgezeichnet weil er „unter denkmalpflegerischer Bewahrung des historischen Gebäudeensembles und des natürlichen Umfeldes“ beispielhaft wirtschaftet. Zum Erhalt der Gebäude trägt seit 1997 der „Freundeskreis Hof Eggers in der Ohe“ bei. Viele der 70 Mitglieder sind Hobbyhandwerker. Sie helfen, die historischen Gebäude sowie die Zäune in Schuss zu halten, haben ein Backhaus und einen Schafstall gebaut. Für sein Umweltengagement erhielt das Ehepaar Eggers 1999 den Hanse-Umweltpreis des Naturschutzbundes.

Der heutige Hofbetreiber Henning Beeken will die lohnenswerte Direktvermarktung von Fleisch ausbauen und hat die Rinderherde auf gut 80 Tiere vergrößert – demnächst werden monatlich zwei Rinder geschlachtet. Er lässt auch die zusätzlichen Ferienwohnungen bauen. „Allein mit unserer Landwirtschaft könnten wir nicht überleben“, sagt er, „Gastronomie und Tourismus sind wichtige Einkommensquellen geworden.“

„Das A und O für uns ist es, Menschen auf den Hof zu holen“, sagt auch der Seniorchef. An schönen Wochenenden, wenn Hunderte von Menschen kommen und seinen Hof besuchen, wird es Georg Eggers manchmal etwas zu viel. Dann zieht er sich in sein Wohnzimmer zurück, das abseits der Besucherwege liegt.