Hamburger Musikverlag

Nachfolge: Sohn soll Edel-Chef Michael Haentjes beerben

| Lesedauer: 7 Minuten
Bob Geisler
Edel-Chef
Michael
Haentjes, 59, mit
Schallplatten aus
der eigenen
Produktion. Seine
erste Single kaufte
er als Zwölfjähriger.
Es war „Hey Jude“
von den Beatles.
„Eigentlich wollte
ich das Weiße
Album haben, aber
das fand meine
Mutter zu teuer.“

Edel-Chef Michael Haentjes, 59, mit Schallplatten aus der eigenen Produktion. Seine erste Single kaufte er als Zwölfjähriger. Es war „Hey Jude“ von den Beatles. „Eigentlich wollte ich das Weiße Album haben, aber das fand meine Mutter zu teuer.“

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Kopf hinter dem Hamburger Musikverlag holt den 30-Jährigen ins Unternehmen und leitet so seine Nachfolge ein.

Hamburg.  So recht kann Michael Haentjes die Entscheidung selbst noch nicht glauben, die er vor Kurzem getroffen hat. „Ich dachte eigentlich immer, dass ich hier arbeite, bis ich tot umfalle“, sagt der 59-Jährige nachdenklich, während er im verglasten Konferenzraum der Edel AG in Neumühlen sitzt und auf die Elbe blickt. Haentjes trägt ein offenes Hemd und einen struppigen Bart, ganz der burschikose Macher, umtriebig wie immer. Gerade noch hat er über den weltweiten Schallplattenboom gesprochen, der dem Hamburger Unternehmen prall gefüllte Auftragsbücher beschert. Er hat von analogen Schätzen geschwärmt und über die Billigstrategie des einen oder anderen Majorlabels geschimpft.

Doch nun lässt Hamburgs wichtigster Musikmanager im Gespräch mit dem Abendblatt fast wie nebenbei eine Bombe platzen und erzählt von der wichtigsten Weichenstellung, die er für sein weiteres Leben vorgenommen hat. „In den kommenden fünf Jahren werde ich die Führung der Edel AG an meinen Sohn Jonas übergeben“, sagt er. Der 30-Jährige werde im kommenden Frühjahr zunächst als Director of Corporate Development, also als Verantwortlicher für die Unternehmensentwicklung, zu Edel kommen. „Doch wir sind uns darüber einig, dass er langfristig meinen Posten übernimmt.“

Für das Hamburger Unternehmen stellt die Entscheidung Haentjes eine tiefe Zäsur dar. Er ist der Kopf hinter Edel, Gründer, Hauptaktionär und Alleinvorstand in Personalunion. Im Alleingang hat der studierte Gymnasiallehrer und einstige Musikjournalist die Firma im Jahr 1986 aufgebaut. Hat aus einem Postversand für Soundtracks erst eine Schallplattenfirma und dann eines der größten unabhängigen Musikunternehmen in Europa gemacht. Während des Börsenhypes um die Jahrtausendwende setzte Haentjes erst zum Höhenflug an, ging dann fast pleite und musste das Unternehmen gesundschrumpfen. Heute setzt die Hamburger Edel AG 168,3 Millionen Euro jährlich mit der Pressung von CDs und Schallplatten, aber auch mit dem Druck von Büchern und dem Vertrieb von digitalen Inhalten um.

Die Überlegung, sich nun Stück für Stück aus dem Musik- und Entertainmentgeschäft zurückzuziehen, ist bei Haentjes in den vergangenen Monaten gereift. „Ich habe mich mit vielen Familienunternehmern unterhalten, die sich alle mit dem Thema Nachfolge beschäftigt haben“, sagt er. Danach habe er mit seinem Sohn Jonas gesprochen und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, bei Edel einzusteigen. „Das war keine von langer Hand geplante Entscheidung. Es passierte eher spontan.“ Umso glücklicher sei er jetzt, dass sein Sohn zugesagt habe. Der Edel-Chef hat noch zwei weitere leibliche Kinder, die sich nach seinen Worten aber beide in andere berufliche Richtungen orientiert haben.

Jonas Haentjes hat als Schüler mal ein Praktikum bei Edel absolviert, dann aber ebenfalls erst einmal einen ganz anderen Lebensweg als sein Vater eingeschlagen. Der promovierte Mediziner hat seine Dissertation über ein kardiologisches Thema geschrieben, sich aber schon kurz nach dem Studium dazu entschlossen, nicht als Arzt zu praktizieren, sondern in den Bereich Unternehmensberatung zu wechseln. Bei Roland Berger kümmerte er sich vor allem um Projekte in der Pharma- und Medizintechnikindustrie. Mittlerweile ist er für Deloitte in Berlin tätig.

Mit seinem Vater versteht sich Jonas Haentjes hervorragend, die beiden fahren gemeinsam in den Urlaub, nehmen regelmäßig an Oldtimer-Rennen in Italien teil. „Jonas ist strukturierter als ich“, sagt Michael Haentjes. „Und er ist aufgrund seines Alters viel stärker mit den digitalen Medien vertraut.“ Der Edel-Chef hingegen räumt ein, privat weder mit Apples Onlinemusikgeschäft iTunes, noch mit Streamingdiensten wie Spotify viel anfangen zu können, obwohl sein Unternehmen über die Tochtergesellschaft Kontor New Media zu den größten Dienstleistern für digitale Inhalte gehört. Sein Smartphone benutzt er im Wesentlichen zum Telefonieren, erst kürzlich hat er bemerkt, welche Zusatzfunktionen darin stecken. „Es wird Zeit für einen Generationswechsel“, sagt Michael Haentjes.

Wirtschaftlich steht Edel heute solide da. Nach vorläufigen Zahlen ist der Umsatz im Geschäftsjahr 2015, das im September endete, um fünf Prozent gestiegen. Der Gewinn sank allerdings von 3,6 auf 2,8 Millionen Euro. Für das laufende Jahr erwartet der Vorstand einen Umsatz von 170 Millionen Euro und ein Konzernergebnis von 3,4 Millionen Euro.

Zu den am stärksten wachsenden Bereichen bei Edel, wenn auch absolut auf kleinem Niveau, zählt das Geschäft mit den klassischen Schallplatten, die bei der Tochtergesellschaft Optimal in Röbel (Mecklenburg-Vorpommern) gepresst werden. „Der Vinyl-Boom hat uns im abgelaufenen Geschäftsjahr noch einmal einen deutlichen Zuwachs um 30 Prozent in diesem Bereich beschert“, sagt Haentjes. Das größte Presswerk der Republik ist derzeit bis an die Oberkante ausgelastet, allein von der aktuellen Scheibe „25“ von Adele wurden in Röbel 170.000 Stück hergestellt. Angesichts der hohen Nachfrage in diesem Bereich kann es sich Edel sogar leisten, die Anfragen großer Musikkonzerne nach noch mehr Pressungen abzulehnen und stattdessen auf einen ausgewogenen Mix kleiner und großer Labels zu setzen.

„Im laufenden Geschäftsjahr wollen wir die Kapazität von 17 auf 22 Millionen Platten pro Jahr erhöhen“, kündigt Haentjes an. Einfach mal so ein paar neue Maschinen kann er dafür aber nicht bestellen. Diese werden nämlich nicht mehr gebaut, weshalb nun noch weitere, bislang ausrangierte Modelle in Röbel wieder flottgemacht werden sollen. „Insgesamt investieren wir bei Optimal Media rund 20 Millionen Euro in die Ausweitung der Vinyl-Fertigung sowie in die Erweiterung unserer Buchdruckkapazitäten.“

Das Thema Vinyl liegt dem Musikliebhaber und Blues-Fan am Herzen. „Schallplatten bieten einfach ein ganz anderes klangliches und sinnliches Erlebnis als CDs. Es ist schön zu beobachten, wie sich die Nadel in die Rille senkt. Auch das Knacken und Knistern gehört für mich dazu.“ Diese Vorliebe teilt der Edel-Chef auch mit seinem Sohn. Ein Großteil von Haentjes einstiger Plattensammlung ist mittlerweile bei Jonas gelandet.

Wie sein Leben nach der Edel AG aussehen könnte, darüber will Michael Haentjes noch nicht allzu viel verraten. „Ich möchte noch ein paar verrückte Dinge ausprobieren und neue Projekte starten“, sagt er. Es könnte gut sein, dass der bekennende Genussmensch, der unter anderem Gewürze auf Sansibar anbaut, irgendwo im kulinarischen Bereich tätig wird.

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