St. Georg

Visionen aus Lego: Die bunte Stadt von übermorgen

Schülerinnen und Schüler der Klosterschule basteln mit Lego: Emma Mächler (v. l.), Emilia Chindamo, Desmond Owusu und Maxima Alvani

Schülerinnen und Schüler der Klosterschule basteln mit Lego: Emma Mächler (v. l.), Emilia Chindamo, Desmond Owusu und Maxima Alvani

Foto: Klaus Bodig / HA

Schüler und Flüchtlingskinder haben mit Lego ihre Vorstellungen gebaut: viel Platz für Fußgänger, viel Polizei, viel Miteinander.

Hamburg.  Es dauert nicht lange und sie sitzen wieder über den bunten Steinen. Eigentlich waren Emilia, Maxima, Emma und Desmond gekommen, um über ihr Projekt zu reden, doch jetzt knien sie am Boden und bauen. Stecken Teile ineinander, überlegen und tüfteln. Zusammen, ohne viele Worte. Die Faszination Lego, sie wirkt. Bisweilen werden ganze Städte ent­worfen.

Die Stadt von übermorgen – wie soll sie aussehen? Diese Frage haben jetzt Fünft- und Sechstklässler der Klosterschule mit 15 Flüchtlingskindern aus der Erstaufnahme in Kirchdorf-Süd beantwortet. Und zwar mit Legosteinen. Bauen, was Sprache nicht erklären kann. Machen, was Pläne nicht zeigen. Lego, wo Begriffe fehlen. Wie sieht Heimat aus? Was ist das eigentlich? Und welche Form des Zusammenlebens wünschen sich Kinder? Mit dem Künstlerkollektiv „Die Azubis“ und Arabischlehrerin Afoua Zouaghi wurden die Antworten nicht verbal, sondern im dänischen Baukastensystem geliefert. Ein Legohaus sagt manchmal mehr als 1000 Worte.

In dieser ganz eigenen Miniaturwelt, das zeigen die entstandenen Gebilde aus Bausteinen, gibt es auf jeden Fall sehr viel Grün. Und viele Tiere. Und viele Polizisten. Und viele Spielplätze. Und ganz sicher weniger Grau. Denn Kinder in der Stadtplanung, das bedeutet anscheinend vor allem: Alles wird bunter. „Ein großer Spielplatz, auf dem jeder machen darf, was er will“, sagt Emma Mächler. Das klingt nach einer Zukunft mit Zukunft. Formuliert von einer Elfjährigen.

Die Klosterschule, mit dem Deutschen Schulpreis 2015 ausgezeichnetes Ganztagsgymnasium, setzt sich seit Jahren für kulturelle Vielfalt ein. Ein Projekt, bei dem sich Flüchtlinge und Schüler spielerisch begegnen, passt da wunderbar ins Bild, meint Schulleiter Ruben Herzberg: „Es war sehr bewegend zu sehen, wie schnell die Barrieren bei den Kindern, die einerseits in Hamburg, andererseits in einer vom Krieg zerstörten Welt aufgewachsen sind, fallen können.“ Allein den Kontakt herzustellen sei ein Wert an sich. Dass die Klosterschule der Ort dieser Begegnung ist, mache ihn stolz.

Bei den Kindern war das Bauen mit Lego Zukunftsvision und Vergangenheitsbewältigung in einem: „Ich habe eine Straße mit ganz viel Platz für Fußgänger gebaut“, sagt etwa Maxima Alvani. Weniger Autos, dafür mehr Terrassen mit Sonnenschirmen und Fahrradgaragen – so sieht die Stadtutopie einer Elfjährigen aus Hamburg aus. Und deckt sich fast mit den Vorstellungen des Senats. In den Legobauwerken der Flüchtlingskinder, alle zwischen sieben und zwölf Jahre alt, tauchte dagegen häufig ein Bösewicht oder gar der Tod auf. Voll besetzte Boote mit Waffen wurden gebaut, intakte Häuser kaum. Da braucht es wenig Worte, um zu verstehen. Manchen Flüchtlingskindern fiel zum Thema Heimat kaum etwas ein. Ein Junge aus Aleppo erklärte: „Meine Heimat? Ich kenne nur eine zerstörte Stadt.“ Emma Mächler und Emilia Chindamo fassten diese Eindrücke über das gemeinsame Basteln so zusammen: „Wenn man überlegt, was die Kinder alles erlebt haben, hat man sehr viel Respekt vor ihnen, davor, dass sie ihren Lebensmut nicht verloren haben.

Die Idee hinter dem Legoprojekt „Übermorgen-Stadt“ sei eben nicht nur, eine Utopie von urbaner Fläche zu gestalten. „Wir wollen Schüler und Flüchtlinge auch spielerisch, ohne Vorurteile und Sprachbarrieren, zusammenbringen“, sagt Kai Fischer, eine Hälfte der Künstlergruppe Die Azubis. Denn Kinder seien Experten, wenn es darum geht, Fragen zum künftigen Zusammenleben ohne Angst und Ressentiments zu besprechen. Frei nach der Kanzlerin „Die schaffen das.“

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich viele Schüler – egal, ob aus Hamburg oder Syrien – ihre Zukunft als eine Art bewachten Garten Eden vorstellen. Kai Fischer: „Die Lego-Utopie der Kinder ist oft eine heile Welt, Freizeitparks und gern mit einer Sicherheitsinstanz in Form von Polizisten.“ Denn Heimat muss in den Augen der Kinder künftig geschützt werden, sie ist etwas Wertvolles. Das Erfreuliche daran: Die Polizeiwachen in der Legowelt sind die buntesten Orte überhaupt.

„Und wir hatten ganz viel Mobilität – fliegende Autos, fahrende Häuser“, sagt Fischer. Einerseits Ausdruck der Fluchtgeschichten, andererseits das Bedürfnis aller, ihre Heimat überall mit hinnehmen zu können. Unterwegs sein, das spielt für viele in Zukunft eine Rolle. Ebenso wie die Sehnsucht nach der großen Gemeinschaft – etliche Lego-Bauwerke waren voll mit Menschen. „Die Kinder wollen sich austauschen, wollen mit vielen Leuten zusammen sein, da spiegelt sich ganz viel Alltags­leben in der Großstadt“, sagt Fischer. Natürlich gehören dazu auch Annehmlichkeiten: Desmond Owusu würde sich in Zukunft mehr Maschinen wünschen, die lästige Pflichten übernehmen. Lässt sich mit Lego und ein wenig Fantasie locker umsetzen.

Nachhaltig ist das Projekt, das im Rahmen der Kulturnacht der Klosterschule präsentiert wurde, auch noch. Die gesammelten Legosteine – Schüler, Lehrer und Eltern hatten zuvor ihre Altbestände in einer beachtlich großen Box gesammelt – werden der Erstaufnahme in Wilhelmsburg zur Verfügung gestellt. Etwas Farbe und Anregung zum Gestalten wird derzeit wohl nirgendwo mehr gebraucht.