Der rote Faden

Daniel Husten setzt alles auf eine Karte

Die Schallplatten hat ihm sein Vater geschenkt: Daniel Husten, Schlagzeuger der Band Pool, im heimischen Studio

Die Schallplatten hat ihm sein Vater geschenkt: Daniel Husten, Schlagzeuger der Band Pool, im heimischen Studio

Foto: Andreas Laible

Bei der Indie-Pop-Band Pool sitzt Daniel Husten am Schlagzeug. Ohne Ausbildung vertraut er ganz auf seine Leidenschaft für die Musik.

Nach dem Klingeln passiert erst einmal nichts. Im Fenster neben der Eingangstür ist ein älterer Mann zu sehen. Er sitzt am Küchentisch und raucht eine Zigarre. Leere Bierflaschen, Aschenbecher, Tassen und Teller inmitten von Krümeln ergeben ein aussagefähiges Stillleben: Männerwirtschaft. Verwirrung macht sich breit. In dem von außen bürgerlich anmutenden Eckreihenhaus in Klein-Flottbek sollen eigentlich drei junge Männer wohnen. Musiker, um genau zu sein. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt der Mann durchs offene Fenster. Aber da wird schon die Tür geöffnet. Die Adresse ist richtig. David Stoltzenberg, Bassist und Sänger der Band Pool und als einziger Brillenträger der Gruppe sofort identifizierbar, bittet herein.

„Der Daniel kommt gleich. Er steht noch unter der Dusche. Einen Kaffee währenddessen?“ Der Nachbar geht, eine Viertelstunde später betritt Daniel Husten, 23, die Küche mit dem inzwischen abgeräumten und nass abgewischten Tisch. Wie Mitbewohner David läuft er barfuß, trägt zur Jeans ein verwaschenes Trägerhemd, das trainierte Oberarme betont. „Sorry, ich habe mich etwas verspätet.“ Die Tür zum Flur wird geschlossen. „Der Nils pennt noch. Er musste gestern lange arbeiten.“ Nils Hansen, Gitarrist und ebenfalls Sänger des Trios, jobbt in einer Bar. Die beiden anderen arbeiten für einen befreundeten Immobilienverwalter. „Von unserer Musik können wir noch nicht leben“, sagt Husten, der Schlagzeuger der Gruppe. „Leider.“

Zwar hat sich die Indie-Pop-Gruppe Pool als Newcomer bereits einen Namen erspielt. Ein erstes Album im April dieses Jahres sowie Auftritte beim Southwest Festival im amerikanischen Austin und beim Reeperbahn Festival haben ihren Bekanntheitsgrad erhöht. Aber um Fuß zu fassen in der schwierigen Musikindustrie, braucht es einen langen Atem und vielleicht auch das Glück, zur richtigen Zeit den richtigen Produzenten zu treffen. Gerade eben waren sie drei Wochen in Hannover im angesagten Tonstudio Peppermint Park, um an ihrem zweiten Album zu arbeiten. „Wir hoffen, dass wir es kommenden März herausbringen können“, sagt Husten.

Dass er an diesem Tag allein im Mittelpunkt der Nachfrage steht, findet er ebenso selbstverständlich wie seine beiden Freunde, die sich während des Gesprächs von der Küche weitgehend fernhalten. Neid oder andere beziehungszerstörerische Strömungen scheint es im Zusammenleben dieser Männer nicht zu geben. Seit ein paar Jahren leben sie sogar in einer Wohngemeinschaft. Problematisch sei das nicht, erklärt Husten. „Wir sind Freunde. Wir akzeptieren uns so, wie wir sind. Und wir haben einen Plan.“ Gemeint ist damit nicht nur die Karriere, sondern auch die Regeln des Alltags. „Jeder hat eine Aufgabe.“ Nils sei der Künstler, David habe den Überblick. Und er? „Ich bin zuständig für den Rhythmus.“

Angefangen hat alles in der Raucherecke des Gymnasiums Othmarschen. Die damals 13-Jährigen gingen zwar nicht in dieselbe Klasse, fanden aber schnell heraus, dass sie eines eint: die Sehnsucht danach, selbst einmal Musik zu machen. Sie gründeten ihre erste Band, ließen die Haare wachsen, fanden sich cool. Zum Proben traf man sich im Fischers Park in Altona in Toilettenräumen. Erste Auftritte folgten, Mädchen kreischten, Nächte wurden zum Tag gemacht. Über Themen wie Drogen oder Alkohol will Husten aber nicht reden. Nur so viel: „Selbstkon­trolle ist mir wichtig. Aber ich versuche, sie nicht unter Kontrolle zu halten. Zu viel Hirn ist kontraproduktiv für den kreativen Prozess.“

Dennoch macht er sich so seine Gedanken. „He, das ist jetzt aber echt Psychologie“, sagt er irgendwann, als es um die Sozialisation im Elternhaus geht. „Mein großer Bruder Niklas studiert VWL in Göttingen“, erzählt er. „Derzeit ist er in Spanien auf Wanderschaft. Dazu hätte ich auch Lust, einfach um mal über das Leben im Allgemeinen und Besonderen nachzudenken.“

Wenn nicht das Leben mit der Band gerade so spannend wäre. Für ihr Album „Snack & Supplies“ haben sie sich stylisch in pastellfarbenen Anzügen auf nackter Haut und in entspannter Pose in einem Meer von babybunten Marshmallows fotografieren lassen. Ist das nicht kitschig? „Warum?“, fragt Husten. Auf jeden Fall ist es ein krasser Gegensatz zum Alltags-Äußeren dieser Musiker. „Das Projekt Pool ist ein Kunstprojekt“, doziert er. „Bei aller Authentizität macht es total viel Spaß, in Rollen zu schlüpfen und zu zeigen, was wir auch sein können.“ Zudem geht es um Auffallen im Chor der Konkurrenz auf YouTube, Instagram und Co. „Wenn man erfolgreich sein will, muss man ein Grundrauschen erzeugen. Die Leute sollen über uns reden.“ Für ein professionelles Umfeld mit Manager und Buchungsagentur ist gesorgt, ein Label für die Promo wird noch gesucht. Sein Traum sind Auftritte in Stadien.

Sich ohne Ausbildung als Musiker durchzuschlagen ist immer schon mutig gewesen. Auch in dieser Generation? „Klar gibt es zu Hause hin und wieder Diskussionen darüber, ob ein Studium oder eine Ausbildung nicht sinnvoll wären“, sagt Husten. „Aber im Prinzip unterstützen mich meine Eltern.“ Das Haus gehört Vater Marc, einem Unternehmensberater, die Miete ist dem Einkommen der Bewohner angepasst, und wenn es finanziell mal eng wird, sind die seit Jahren getrennt lebenden Eltern natürlich für ihren Jüngsten da. „Ich bin mir bewusst, wie privilegiert das ist“, sagt er. „Außerdem ist es ein Glück, dass in uns so wahnsinnig viel Vertrauen gelegt wird.“

Dass der Sohn wenig Ambitionen zeigt, angepasst zu leben, überrascht indes nicht. Die Familie hat ihre Wurzeln in Australien. 1997 gingen die Eltern mit den beiden Söhnen nach Sydney, 2000 für ein paar Jahre in die Schweiz nach Zürich. „So eine Schule, wie die, die wir dort besuchten, gibt es in Deutschland nicht.“ Mehr noch: „Ich glaube, ich wäre niemals Musiker geworden ohne diesen Unterricht.“ Der richtete sich nach den Bedürfnissen und Begabungen der Schüler. Im Musikraum stand jedes nur erdenkliche Instrument zum Ausprobieren, und auch im Sport fehlte von Downhill bis Ballett kein Angebot. „Ich entdeckte das Schlagzeug und das Basketballspielen für mich. Die Leidenschaften meiner Jugend.“ Zurück in Hamburg machte er zweigleisig weiter, schaffte es beim SC Ottensen als Angriffsspieler sogar in die Auswahl. Nebenbei machte er mit seinen Freunden Musik und – ein ordentliches Abitur. Irgendwann musste er sich entscheiden. „Ich wählte die Musik.“

Die Eltern waren anfangs noch nicht beunruhigt, als er weder studieren noch eine Ausbildung beginnen wollte. „Ich habe gemacht, was ihnen in ihrer Jugend wohl nicht vergönnt war, nämlich ihre künstlerischen Neigungen konsequent ausleben zu dürfen“, mutmaßt der Sohn. „Meine Mum hat schon immer gern und gut gesungen, außerdem spielt sie Klavier. Mein Vater kennt sich in Musiksachen wahnsinnig gut aus und ist total kreativ.“

Wenn sich Vater und Sohn früher sahen, bauten sie Skulpturen aus gefundenen Steinen am Elbufer, sammelten Holzteile und bauten sie zusammen. „Eine geile Zeit.“ Dann aber zog der Sohn bei der Mutter aus und beim Vater ein, und es war vorbei mit dem harmonischen Miteinander. Statt Chillen war Stress angesagt. Der Junior zog vorübergehend „zu einem Kumpel in eine Kaschemme in Altona“. Inzwischen sind die Wogen wieder geglättet.

Geholfen hat dabei auch der Sport. Seit einem Jahr boxt er. „Kampfsport hat mich schon lange gereizt. Es verlangt mir Besonnenheit ab und gibt mir mentale Power. Außerdem ist es ganz gut, ab und zu mal etwas auf die Glocke zu kriegen.“ Dann zitiert Husten ein Mantra aus dem Kultfilm „Fight Club“: „Was kannst du über dich wissen, wenn du nie gekämpft hast?“ Gute Frage ...