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Der Hamburger Messe laufen die Besucher weg

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Ulrich Gassdorf
Das Messegelände
und der
Fernsehturm

Das Messegelände und der Fernsehturm

Foto: picture alliance

In zehn Jahren verlor allein die Hanseboot fast 50.000 Gäste. Politik fordert neue Konzepte, Messegesellschaft will sich nicht äußern.

St. Pauli.  Die Hanseboot, die Reisen Hamburg und die Internorga sind Eigenveranstaltungen der Hamburg Messe und Congress GmbH (HMC) und haben eines gemeinsam: Die Besucherzahlen sind stark zurückgegangen. Wer die Jahre 2005 und 2015 vergleicht, stellt fest, dass diese drei traditionsreichen Messen insgesamt fast 87.000 Besucher verloren haben.

Einen wahren Absturz hat die Wassersportmesse Hanseboot – einst ein Aushängeschild für den Messestandort Hamburg – in den vergangenen zehn Jahren erlebt. In diesem Jahr kamen noch rund 72.000 Besucher. Das sind fast 48.000 oder 40 Prozent weniger als noch 2005. Von damals 900 Ausstellern sind nur 550 geblieben.

Wer in diesem Jahr über die Hanseboot, die vom 31. Oktober bis 8. November veranstaltet wurde, schlenderte, entdeckte zwischen den Booten großzügige Lücken, die man mit Sitz­gelegenheiten kaschiert hatte. Auch war die Hanseboot nur noch auf die B-Hallen beschränkt.

Den Besucherrückgang auf der Hanseboot muss man aber wohl differenziert betrachten: Alle Wassersportmessen des Landes haben in den vergangenen Jahren abgespeckt. Manche wie Hamburg und Berlin viel; Düsseldorf mit der größten ihrer Art etwas weniger.

Die Internorga ist bereits 2012 unter die 100.000-Besucher-Marke gerutscht

Auch die Reisen Hamburg ist kein Publikumsmagnet mehr: 95.475 Besucher wurden noch 2005 gezählt, in diesem Jahr waren es 69.192. Selbst die Internorga, bei der sämtliche Hallen genutzt werden, hat mit Besucherrückgängen zu kämpfen und ist bereits seit 2012 unter die 100.000-Besucher-Marke gefallen. In diesem Jahr waren es noch 93.174 Besucher, 2005 immerhin 105.980 und 2007 sogar 116.744.

Auch die Besucherzahlen bei der Hansepferd sind im Vergleich zu 2006 rückläufig. Damals zählte die Publikumsmesse 54.790 Besucher, im vergangenen Jahr waren es 45.608.

Die Verbraucherausstellung „Du und Deine Welt“ wurde im vergangenen Jahr eingestellt. Sie war aufgrund der geringen Besucherzahlen offensichtlich unrentabel geworden.

Aber wie sieht die Messegesellschaft die Entwicklung? „Messen spiegeln die Märkte. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, ein geändertes Konsumverhalten, die demografische Entwicklung und neue Trends finden auf Messen ihren Niederschlag. Darauf reagieren wir als Unternehmen“, sagt Sprecher Karsten Broockmann.

Als Beispiel nennt Broockmann die WindEnergy Hamburg, die schon bei ihrer Premiere rund 33.000 neue internationale Besucher in die Hansestadt geführt habe. Bei anderen Messen greife die HMC vielversprechende Trends auf und integriere diese in die Veranstaltungen, so Broockmann weiter.

Bleibt die Frage: Macht die HMC bei den verbliebenen Messen Verluste? Das bleibt das Geheimnis des städtischen Unternehmens: „Wie in der Vergangenheit geben wir aus Wettbewerbsgründen keine detaillierten Zahlen zu einzelnen Messen in die Öffentlichkeit“, sagt Sprecher Karsten Broockmann.

Fakt ist: Die Hallenfläche des Messegeländes wurde für 370 Millionen Euro von rund 64.000 Quadratmetern auf rund 87.000 Quadratmeter erweitert und steht in seiner jetzigen Form seit 2008 zur Verfügung. Für die HMC ist die Erweiterung auch eine starke finanzielle Belastung, denn jedes Jahr muss eine Leasingrate in Höhe von etwa 22 Millionen Euro bezahlt werden.

Allerdings scheint die Auslastung noch ausbaufähig zu sein: 2008 gab es 48 Veranstaltungen auf dem Messegelände, im vergangenen Jahr 41, und das Gelände wurde damit an 123 von 365 Tagen bespielt. In diesem Jahr sind es 43 Messen – von Januar bis September wurde das Messegelände an 78 Tagen bespielt.

Ist die HMC zufrieden? „Ja, in geraden Jahren und bei den großen Messen stoßen wir zeitlich und räumlich an die Kapazitätsgrenzen“, sagte Broockmann. In den ungeraden Jahren gebe es noch Kapazitäten. Diese würden zunehmend vor allem durch die Gewinnung hochkarätiger Gastveranstaltungen ausgelastet, so Broockmann.

Aber das scheint nicht immer zu klappen. So hat der Münchner Veranstalter Easyfair Deutschland die für Februar 2016 auf dem Messegelände geplante „maintenance Hamburg“ abgesagt. Das Interesse war zu gering. Laut Veranstalter wären mindestens 60 bis 70 Aussteller notwendig gewesen, doch die Zahl sei deutlich niedriger gewesen. Das ist offensichtlich an den Standorten Dortmund und Stuttgart anders, hier wird es die „maintenance“, bei der es um Instandhaltung geht, im kommenden Jahr geben.

Die Politik sieht dringenden Handlungsbedarf: „Hamburg hat viel Geld in die Erweiterung seines Messegeländes investiert, aber offensichtlich schlägt sich das nicht in der Auslastung der Flächen nieder. Das muss sich ändern, denn mit leer stehenden Hallen werden keine Einnahmen generiert“, sagte David Erkalp.

Der CDU-Politiker ist Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft. Zudem liege es auf der Hand, dass HMC-Eigenveranstaltungen wie die Hanseboot oder die Reisen so nicht mehr funktionierten. Wenn diese von den Besuchern nicht mehr angenommen würden, dann müsse man diese Messen auf den Prüfstand stellen, so Erkalp weiter. Der FDP-Wirtschaftsexperte Michael Kruse fordert: „Hamburg muss vor allem seine Potenziale als Weltmetropole mehr nutzen, um mehr Besucher anzulocken. Der Wirtschaftssenator muss endlich ein Konzept erarbeiten, um die Stadt als Messe- und Handelsplatz international wieder attraktiver zu machen.“

Die Verluste der Hamburg Messe muss die Stadt Jahr für Jahr ausgleichen

Auch Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks, der sich seit Jahren mit der Entwicklung der Hamburg Messe beschäftigt, weiß um die Problematik: „Die rückläufigen Besucherzahlen bei den eigenveranstalteten Messen sind auffällig. Die HMC muss diesem Rückgang mit guten Konzepten entgegensteuern“, sagte Tjarks dem Abendblatt. Zukunftsweisende Messen seien hierbei der Schlüssel. Die neue WindEnergy habe beispielsweise das Potenzial, Leitmesse der Windenergie in Hamburg zu werden. Darauf müsse die Strategie der Hamburg Messe stärker ausgerichtet werden. Für Hamburg ist und bleibt die HMC – trotz steigender Umsatzergebnisse – ein Zuschussgeschäft. Im vergangenen Jahr musste die Stadt rund 3,9 Millionen Euro Verlustausgleich zahlen.

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