Abendblatt-Serie

Helmut Schmidt war ein Heimkehrer mit Pfiff

Zwei Jahre vor
Kriegsende: das
frischvermählte
Ehepaar Loki und
Helmut Schmidt am
Strand von Kühlungsborn
1943

Zwei Jahre vor Kriegsende: das frischvermählte Ehepaar Loki und Helmut Schmidt am Strand von Kühlungsborn 1943

Foto: imago/Sven Simon

Als Schmidt 1945 aus der Gefangenschaft entlassen wird, „zerreißt es Loki fast das Herz“. Teil 4 der Abendblatt-Serie.

Wo steckt Helmut? Er ist an der Westfront, aber lebt er noch? Für Gefühlsregungen ist nach dem Tod des Erstgeborenen „Moritzelchen“ am 19. Februar 1945 keine Zeit. Die Sowjets rücken auf Berlin vor, nachts hört Loki die Panzer vor Bernau. Allerhöchste Zeit zur Flucht. Nur mit einem Beutel voller Habseligkeiten fährt sie mit dem Zug von Berlin nach Hamburg. Drei Tage dauert diese Strapaze, immer wieder unterbrochen von Fliegeralarm und anderen Stopps.

Spätabends trifft sie völlig er-schöpft in der Hansestadt ein und er-wischt noch einen Zug in Richtung Cuxhaven. Mitten in der Nacht er-reicht sie Neugraben und läuft in der Dunkelheit zu der Hütte, in der ihre Eltern und Geschwister untergekommen sind. Unerklärliches Phänomen: In der kargen Behausung hat Mutter Gertrud ein Talglicht entzündet – ausgerechnet an diesem Tag. „Warum?“, will Vater Hermann wissen. Die Antwort: „Weil Hannelore kommt, ich spüre es.“ Überglücklich schließen die Eltern ihre älteste Tochter in die Arme.

Bewegende Videos – so trauern die Hamburger

Es folgen Monate der Angst. Angst um das zerstörte Hamburg, um so viele Verletzte und Hungernde, um die Familie. Ob Lokis jüngerer Bruder Christoph irgendwo in einem Massengrab liegt oder das relative Glück hat, wie Hunderttausende andere deutsche Soldaten in einem Gefangenenlager gelandet zu sein, weiß die Familie nicht. Umso glücklicher wird eine erlösende Nachricht aufgenommen: Helmut lebt! Loki erreichte ein gefalteter Notizzettel, auf dem mit schwacher Schrift die Botschaft gekrickelt ist: „Gefangen genommen, aber ich lebe. Helmut.“

Dieser Schmierzettel gelangte auf Umwegen nach Neugraben. Er wird von einem Lkw geworfen, ein guter Mensch liest ihn von der Straße auf, gibt ihn weiter. Es sind Zeiten unfassbarer Gefühlswallungen. Loki hat plötzlich wieder Hoffnung. Sie wartet und wartet. Die meisten Hamburger hungern, doch jeder, der kann, packt irgendwo irgendwie an. Niemand weiß, was die Zukunft bringt.

Schlechter jedenfalls als in den Feuer- und Bombennächten kann es in diesem Sommer 1945 nicht werden. Das garantiert die britische Besatzungsmacht, die 1200 Kalorien pro Kopf verordnet. Zu wenig zum satten Leben, zu viel zum Sterben. In der Behausung der Familie Glaser in Neugraben, mehr Gartenlaube als Wohnung, leben mehrere Menschen unter erbarmungswürdigen Zuständen auf wenigen Quadratmetern ohne Strom und Wasser.

Über dem Hemd trägt der Heimkehrer einen Mantel mit Schusslöchern

Und dann folgt der 31. August 1945. Es ist ein Freitag. Loki ist gerade in der Hütte in Neugraben mit Hausarbeit beschäftigt, als sie ihren Ohren nicht traut. Von draußen hört sie einen Pfiff, einen höchst vertrauten Pfiff, den Familienpfiff: ditt­ditt­ditt­dütt­dütt­dütt. Ihm liegt ein volkstümliches Trinklied zugrunde: „Ich möcht’ mein Schnäpschen haben, ist das nicht fei­fei­fein, nur der Branntwein, nur der Schnaps.“ Passt in diesem Moment inhaltlich nicht, aber egal. Gepfiffen wurde die Melodie schon in guten, alten Zeiten.

Loki „zerreißt es fast das Herz“, wie sie später zu Protokoll gibt. Auf­geregt eilt sie vor die Tür, barfuß, so wie sie eben ist. Dort steht Helmut leibhaftig, unter Birken, die beiderseits des Weges vor der Bude stehen, nur Haut und Knochen, aber vergnügt. Was beide in diesem Augenblick empfunden haben, werden sie später immer wieder gefragt. Unisono lehnen sie die Antwort ab. In einem Interview im hohen Alter gibt Helmut Schmidt zu, lediglich zweimal in seinem Leben so richtig heftig geweint zu haben. Dieser letzte Augusttag wird dazugehört haben.

Viel später, seelisch wieder in Balance, amüsiert sich Loki immer noch über das Aussehen ihres Gatten. Er trägt eine Hose („ein Mittelding zwischen Badehose und Shorts“) aus festem, grünem Tarnstoff, mit grauer Strumpfwolle, im Gefangenenlager selbst zusammengenäht. Statt eines Reißverschlusses vorn wird das Kleidungsstück mit einem großen Knopf notdürftig zusammengehalten.

Über Hose und Hemd trägt der Heimkehrer einen abgetragenen Militärmantel aus Leder, in dem Schusslöcher zu erkennen sind. Ihn wird Helmut Schmidt auch zu einem weiteren markanten Zeitpunkt tragen: während der Sturmflut knapp 17 Jahre später.

Helmut Schmidt ist gerettet. Er wird von der Familie Glaser willkommen geheißen, erhält heißen Tee und eine große Stulle. Nie wieder in seinem Leben habe etwas so gut geschmeckt, verrät er später. Er erzählt die glücklichen Umstände seiner Heimkehr. 13 Feldpostbriefe mit der Hiobsbotschaft, dass ihr Sohn mit knapp acht Monaten an Meningitis starb, hatte Loki ihrem Helmut im Frühjahr 1945 geschickt, doch erst der letzte erreicht ihn. Helmut erhält von einem verständnisvollen Vorgesetzten Urlaub auf Ehrenwort, marschiert ostwärts gen Heimat. In einem Waldstück wird er von zwei britischen Soldaten entdeckt und festgenommen. Es ist der 24. April 1945, zwei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation. Schmidt wird in das britische Lager 2226 in Belgien gebracht. Gefangen, aber gerettet.

Die Befreiung aus diesem Lager in Jabbeke, etwa 15 Kilometer vor Osten-de, gelingt mit Köpfchen – und mit „Schnauze“. Denn unter Billigung und Aufsicht der Alliierten haben die internierten Soldaten so etwas wie eine „Lager-­Universität“ gegründet. Bei karger Kost, meist nur trocken Brot und dünner Kohlsuppe, sollen zumindest in Ansätzen demokratisches Verständnis und Bildung gefördert werden. Dazu zählen Vorträge in den eigenen Reihen. Drei ausgewählte Offiziere, unter ihnen der Hamburger Helmut Schmidt, halten Referate vor den Kameraden. Er ahnt nicht, dass es ein Schlüsselmoment seines politischen Lebens ist.

Am 29. August 1945 werden nur drei der Internierten in die Freiheit entlassen, unter ihnen Helmut Schmidt. Der Rest muss in ein französisches Bergwerk und wird erst zwei Jahre darauf freigelassen. Der Hanseat hat erneut Fortune – und die grausamste Zeit seines Lebens hinter sich.

Mit einem Militärtransporter wird er zum Entlassungslager nach Bad Segeberg nördlich seiner Heimatstadt gebracht. Für ihn ist der Zweite Welt-krieg vorbei. Er macht sich auf den Weg an die Elbe. Es ist ein anstrengender, jedoch von enormer Zuversicht geprägter Fußmarsch.

Abertausende Hamburger sind ohne feste Bleibe. Viele kommen in Blechbaracken unter. In der Kate der Familie Glaser in Neugraben, in der sich auch Loki und Helmut aufhalten, liegen Strohsäcke als Matratzen auf dem Bo-den. Die Toilette befindet sich vor der Tür. Um den Menschen zumindest ein wenig Intimität zu bescheren, werden Wolldecken, soweit vorhanden, mit Wäscheklammern an Seilen aufgehängt. Als Raumaufteiler.

Schmidt sammelt an den Bahngleisen die im Winter 1945 so begehrten Kohlen

Da die elterliche Hütte nun wirklich zu eng geworden ist, nimmt Loki Kontakt zu einem bekannten Ehepaar auf, das ein Zimmer zu vermieten hat. Kurz darauf ziehen Loki und Helmut Schmidt in die Rhenania­-Siedlung, ebenfalls in Neugraben. Dieses schlichte Bauprojekt ist zwischen 1936 und 1938 am Falkenbergsweg in der Fischbeker Heide gebaut worden. 1943 errichtet die Baubehörde auf dem Areal Baracken und Betonfertighäuser für Ausgebombte.

Der Raum des Ehepaars Schmidt bei Lokis Bekannten ist nur wenige Quadratmeter groß, doch er verfügt über vier stabile Wände und eine Tür zum Abschließen. Ungeheurer Luxus also. Zusammen mit Hermann Glaser zimmert Helmut ein Bettgestell aus alten Brettern. Irgendwo werden Tücher aufgetrieben, vernäht, mit Stroh gefüllt. Lokis Eltern spendieren einen Kochtopf und einen Teller. Das war’s als Grundausstattung. Erstmals nach der bei der „Operation Gomorrha“ zerstörten Wohnung an der Gluckstraße in Barmbek haben die Schmidts wieder ein eigenes Zuhause. Das Glück ist kaum zu fassen.

Mit diesem simplen Refugium als Basis können weitere Unternehmungen angepackt werden. Da es weder Bargeld noch andere Wertgegenstände als Tauschobjekte für den Schwarz-markt gibt, wird improvisiert. Auch Helmut ist aktiv, wenn es an den Bahngleisen die jetzt zum Winter 1945/46 so heiß begehrten Kohlen abzustauben gibt. Und nichts ist wichtiger als Brennstoff, um nicht noch erbärmlicher frieren zu müssen als ohnehin schon.

Da die Schulen seit dem Bombenhagel geschlossen sind, muss sich Lehrerin Loki Schmidt etwas einfallen lassen. In der Zeit der Entnazifizierung, die ein halbes Jahr dauert, arbeitet sie als Putzfrau und Näherin. Am Heiligen Abend 1945 erleidet sie eine von insgesamt sechs Fehlgeburten. Im Mai 1947 kommt mit Susanne ein gesundes Kind zur Welt. Endlich! Nach dem Tod ihrer Eltern ist Frau Dr. Susanne Schmidt-Kennedy heute die letzte lebende, direkte Nachfahrin.

Hunger müssen die Schmidts nach dem Krieg nicht leiden, auch wenn das Leben bescheiden verläuft. Helmut bessert die klamme Haushaltskasse auf, indem er für Vorträge kleines Honorar kassiert und Firmen beim Ausfüllen ihrer Steuerunterlagen hilft. Reden kann er – und rechnen auch. Inzwischen haben die Schmidts Neugraben verlassen und eine kleine Wohnung an der damaligen Lindenallee 22 nahe der Elbchaussee bezogen. Erstmals gehört eine eigene Küche dazu.

Morgen lesen Sie:
Auf dem Küchenfußboden ihrer Wohnung
malen Loki und Helmut SPD-Plakate.