Interview

„Burkas dürfen wir in Schulen nicht dulden“

Ex-Grünen-Chef und Mitarbeiter des Insituts für Lehrerbildung, Kurt Edler

Ex-Grünen-Chef und Mitarbeiter des Insituts für Lehrerbildung, Kurt Edler

Foto: Marcelo Hernandez

Der Hamburger Pädagoge und Politiker Kurt Edler hat ein Buch über den richtigen Umgang der Schulen mit religiösem Extremismus geschrieben.

Hamburg.  Was können Schulen gegen eine der brutalsten Jugendbewegungen unserer Tage, den gewaltbereiten Islamismus, tun? Wie sollen Pädagogen mit Mädchen umgehen, die nicht am Schwimm- oder Sportunterricht teilnehmen wollen oder mit Jugendlichen, die IS-Propaganda verbreiten? Diesen hochaktuellen Fragen ist der Hamburger Pädagoge Kurt Edler in einem Buch nachgegangen. Edler war für Jahrzehnte Lehrer in Hamburg, leitete später das Referat Gesellschaft am Landesinstitut für Lehrerbildung – und war von 2000 bis 2001 Landesvorsitzender der Hamburger Grünen.

Hamburger Abendblatt: Was raten Sie Lehrern, wenn eine Schülerin plötzlich mit Burka in der Schule auftaucht?

Kurt Edler: Die Gesichtsverhüllung mit Niqab oder Burka dürfen Schulen nicht dulden. Keine europäische Schule tut das. Es gibt einschlägige Gerichtsurteile dazu. Menschen kommunizieren über das Gesicht miteinander. Beim normalen Kopftuch muss man differenzieren.

Inwiefern?

Edler: Das kommt darauf an, wie das Kleidungsstück beschaffen ist. Wenn das Tragen in bestimmten Unterrichtssituationen zu gefährlich ist, muss es abgenommen werden. Hier – beim Chemieexperiment oder beim Geräteturnen zum Beispiel – muss die Schule klar die Grenzen aufzeigen. Denn die Lehrperson ist persönlich für die Sicherheit verantwortlich. Und das muss auch funktionieren.

Und in anderen Situationen ist das Kopftuch als religiöses Bekenntnis an staatlichen Schulen in Ordnung?

Edler: Ja. Die nicht-muslimische Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren extrem dünnhäutig gegenüber dem Kopftuch geworden. Aber das bringt niemanden weiter. Da muss man auch sagen: Nee, Leute, es gibt in einer modernen Großstadt so viele Arten zu leben. Ihr könnt nicht in einer Schule, in der die heimliche Devise „Anything goes“ lautet, plötzlich anfangen, ein Kopftuch infrage zu stellen.

Was tun, wenn ein junger Mann Reden über den heiligen Krieg schwingt?

Edler: Dann muss man ihm klarmachen, dass es in der Trias Gott-Ich-Wir auch eine Verantwortung zwischen Ich und Wir gibt. Es geht also um die Frage an den jungen Menschen: Was machst du innerhalb einer Gemeinschaft von Anders- und Nicht-Gläubigen? Da nimmt dein Gott dir die Verantwortung nicht ab. Die trägst du selbst.

Und wenn er sagt: Mit Ungläubigen will ich nicht friedlich zusammenleben.

Edler: Dann kann man erstens fragen: Willst Du also alle anderen abschlachten? Passend ist auch die Frage: Ist dir etwas anderes heilig als das, woran du glaubst? Sagt er nein, kann man nachsetzen: Deine Eltern auch nicht? Solche Dialogtechniken kennen Fächer wie Religion oder Philosophie. Die Frage, was einem Menschen außerhalb seiner Religion heilig ist, führt meistens zu sehr fruchtbaren Diskussionen. Die Kunst als Pädagoge besteht darin, so gelassen, heiter und in sich gefestigt zu sein, dass man nicht ausrastet.

Wie sollen Lehrer reagieren, wenn muslimische Schülerinnen am Sport oder Schwimmen nicht teilnehmen wollen?

Edler:Die Teilnahme am Schulunterricht aller Fächer ist zwingend. Es gibt keine Ausnahmen von der Schulpflicht aus religiösem Vorbehalt. Wer die Teilnahme verweigert, riskiert ein „k.B.“, also: keine Bewertung, was die Versetzung gefährden kann. Es gibt aber zum Beispiel bei der Bekleidung durchaus Möglichkeiten für Mädchen, sich auch im Sport- und Schwimmunterricht religionskonform zu kleiden. Die Schule muss sowohl regelklar als auch fantasievoll bei der Suche nach Kompromissen sein.

Konflikte gibt es auch beim Thema Essen. Es soll Fälle geben, in denen ganze Klassenreisen wegen der muslimischen Schüler schweinefleischfrei sein sollen.

Edler: Wenn das vorkommt, halte ich das für fragwürdig. Damit würde ein fatales Zeichen gesetzt, denn keine Religionsgemeinschaft sollte anderen ihre Lebensweise aufzwingen. Man kann das auch pragmatischer handhaben – und darauf hinweisen, dass in den Unterkünften unterschiedliche Essen angeboten werden. Umgekehrt sollten Schulen in Sachen Religion aber von sich aus genügend Sensibilität an den Tag legen.

Fehlt manchen Schulen das Feingefühl?

Edler:Es gibt Schulen mit einem Anteil von 70 Prozent muslimischen Schülern, trotzdem wird viel Gewese ums Weihnachtsfest gemacht, der Ramadan spielt aber keine Rolle. Alles, was dazu führt, dass sich Kinder einer bestimmten kulturellen Herkunft fremd fühlen, ist Gift für das friedliche Zusammenleben.

Was sind die größten Fehler, die Lehrer in religiösen Konflikten machen können?

Edler: Hier gilt immer: Lehrer, hüte dich vor deiner persönlichen Spontaneität! Bei Religionsfragen brennen leicht die Sicherungen durch. Es muss das Prinzip gelten: Wir heilen die Krankheit, um den Patienten zu retten. Nicht: Wir erschlagen den Patienten. Dabei darf man nie vergessen: Junge Menschen grenzen sich ab und provozieren gern.

Ist Deutschland vielleicht nicht säkular oder laizistisch genug? Brauchen wir eine komplette Religionsfreiheit an Schulen: Kein Kruzifix, kein Weihnachten, kein Ramadan, kein Kopftuch? So wie etwa in Frankreich?

Edler: Gerade das französische Beispiel führt einem das Dilemma rigoroser Laizität vor Augen. Die französische Gesellschaft hat mit Gewalt, Dschihadismus und religiöser Radikalisierung ein viel größeres Problem als wir. Und Frankreich hat die präventive Auseinandersetzung mit dem Islamismus überhaupt noch nicht entdeckt. Islamismus ist dort ausschließlich eine polizeiliche Kategorie. In der Folge gibt es dort viel mehr Gewalt um Religion als bei uns.

Wenn religionsfreie Schule nicht die Lösung ist. Was dann?

Edler: Unsere Aufgabe etwa im Sinne des Hamburger Staatsvertrags ist es nicht, Religion aus der Schule herauszudrängen, sondern Religion in die Schule hineinzuholen. Natürlich auch die islamische Religion. Damit sie sich im hellen Licht einer aufgeklärten Schulbildung fortentwickelt – und sich nicht in der Dunkelkammer des religiösen Obskurantismus in Richtungen entwickelt, die wir nicht wollen können.

Was sind die größten aktuellen Herausforderungen bei diesem Thema?

Edler: Erstens brauchen wir eine flächendeckende Aufklärung über islamistische Propaganda und Rekrutierung unter Jugendlichen. Und zwar unter Jugendlichen selbst, also so, dass junge Menschen mit anderen jungen Menschen über das Thema reden. Denn ganz viele Jugendliche haben dazu ganz viele Fragen. Das erlebe ich bei Schulvorträgen vor Jugendlichen immer wieder. Wenn die junge Generation genügend instruiert ist, kann sie selbst die beste Präventionsarbeit gegenüber den Gleichaltrigen leisten. Zweitens brauchen wir eine intensive Lehrerfortbildung zum Thema Islamismus. Für Lehrer aller Fächer.

Auch der Kunst- oder Biolehrer soll sich in Sachen Islamismus fortbilden?

Edler: Natürlich. Die Verteidigung der Grundrechte muss eine Qualifikation sein, die der gesamte Lehrernachwuchs als Kompetenz erwerben muss. Die politische Bildung muss endlich aus ihrem Mauerblümchendasein erlöst werden.

Soll heißen?

Edler: Es kann nicht sein, dass ein Klassenlehrer, weil er Mathematiklehrer ist, oder eine Klassenlehrerin, weil sie Biologielehrerin ist, das Grundgesetz nicht verteidigen kann. Das wäre sonst ein Stachel im Fleisch der demokratischen Schule. Das müssen wir handhaben wie beim Rechtsextremismus, wo die Prävention ja gut funktioniert und es ganz viel Wissen gibt. Auch im Sinne der Muslime braucht es diese Klarheit ebenfalls beim Islamismus. Wir dürfen da keine Scheu haben, weil es um Religion geht. Wir müssen uns Wissen und Urteilskraft aneignen, pädagogisch professionell bleiben, immer auf Menschenrechten und Grundgesetz beharren und dabei heiter und gelassen bleiben. Dann kommen wir dem Präventionsziel näher.

Das Buch „Islamismus als pädagogische Herausforderung“ von Kurt Edler ist bei Kohlhammer erschienen, hat 114 Seiten und kostet 22,99 Euro.