Handel

Schwerer Stand für Wochenmärkte in Hamburg

Gemüse aus eigenem Anbau: Wilfried Thal verkauft seine Produkte aus den Vier- und Marschlanden auf verschiedenen Wochenmärkten in Hamburg

Gemüse aus eigenem Anbau: Wilfried Thal verkauft seine Produkte aus den Vier- und Marschlanden auf verschiedenen Wochenmärkten in Hamburg

Foto: Marcelo Hernandez

Der Umsatz in der Stadt ist seit 2005 um ein Drittel eingebrochen. Veränderte Essgewohnheiten und Billig-Konkurrenz als Gründe.

Hamburg.  Wilfried Thal steht hinter seinem Stand und redet mit einer älteren Frau. Fast wie nebenbei wiegt er für sie ein Kilo Tomaten ab. Der Gemüsebauer aus Tatenberg in den Vier- und Marschlanden kennt viele Kunden seit Jahren persönlich. Der 57-Jährige ist Markthändler mit Leib und Seele, führt zusätzlich seinen Gemüseanbaubetrieb und setzt sich darüber hinaus noch für andere Marktbeschicker ein. Denn Thal ist auch Präsident des Landesverbandes des ambulanten Gewerbes und der Schausteller in Hamburg. „Die Wochenmärkte der Stadt haben zu kämpfen“, sagt er. Thal schätzt, dass sie in den vergangenen zehn Jahren mehr als ein Drittel ihrer Umsätze verloren haben.

Der umtriebige Gemüsehändler führt das Minus vor allem auf veränderte Essgewohnheiten zurück: „An den Werktagen versorgen sich viele Menschen nur noch außer Haus. Hamburg hat 53 Prozent Single-Haushalte. Und auch die Familien ernähren sich heute anders. Früher haben zumindest die Mütter für ihre Kleinkinder gekocht, heute werden die Kleinen in den Kitas versorgt und die Frauen gehen arbeiten. Dort essen sie, wie ihre Männer, in Kantinen oder Bistros. So bekommen alle Familienmitglieder ihre warme Mahlzeit außerhalb, und die eigene Küche bleibt kalt.“ Für diese These spricht, dass die Wochenmärkte vor allem an Werktagen Umsatz verlieren. An Wochenenden ist die Nachfrage dagegen stabil. „Dann wird mit der Familie gekocht und gegessen“, sagt Thal.

Doch nicht nur Fast Food und Kantinenessen setzen den Wochenmärkten zu. Auch die Niedrigpreispolitik der Discounter und die Konkurrenz durch Supermärkte werden für die heute noch 68 Hamburger Wochenmärkte zum Problem. Einige Märkte, etwa auf der Veddel und in Borgfelde, mussten bereits aufgeben. Auf anderen Marktflächen gibt es immer weniger Stände. Gerade Wochenmärkte in einkommensschwachen Gegenden sind betroffen, während sie in wohlhabenden Stadtteilen wie Volksdorf, Sasel oder Blankenese weiter florieren.

Nach Studien der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kauft fast jeder der 40 Millionen deutschen Haushalte im Schnitt ein bis zwei Mal pro Woche beim Discounter ein. Aber lediglich jeder vierte besucht überhaupt noch einen Wochenmarkt – und das im Schnitt nur einmal im Monat. „Wochenmärkte werden traditionell für die Frischeeinkäufe genutzt“, sagt Wolfgang Adlwarth von der GfK. „Früher kaufte man im Lebensmittelladen und ging danach zum Metzger und Bäcker. Heute wird immer seltener noch mehr als eine Einkaufsstelle angesteuert.“ Die Menschen kaufen seltener ein, aber dafür eine größere Menge. So stieg die durchschnittliche Summe des Kassenbons von 14,49 Euro im Jahr 2007 auf mittlerweile 17,36 Euro.

Auch der Mangel an Parkplätzen wird für die Märkte zum Problem

Dazu passt, dass Lebensmittel meist mit dem Auto transportiert werden. Und genau damit haben viele Wochenmärkte ein Problem. Denn meist herrscht in ihrer Umgebung ein großer Parkplatzmangel. „Unsere Märkte haben einen Einzugsbereich von gut einem Kilometer“, sagt Thal. „Das ist die Fahrraddistanz.“ Und Fußgänger kämen gewöhnlich aus nicht mehr als 300 Meter Entfernung.

„Die Vorteile des Wochenmarktes werden nicht mehr so geschätzt“, bedauert Thal. „Bei uns findet man noch Produkte, die traditionell handwerklich hergestellt sind. Die gesamte Kette von der Erzeugung bis zum Endverbraucher liegt in einer Hand. Landwirte, Schlachter, Käsemacher und andere Produzenten können zudem qualifiziert Auskunft geben über das, was auf Ständen und in Verkaufswagen angeboten wird.“ Allerdings seien gerade junge Leute mit dieser kommunikativen Art des Einkaufs nicht mehr vertraut. „Sie legen ihre Lebensmittel lieber in den Einkaufswagen und zahlen wortlos an der Kasse den geforderten Betrag.“ Thal hat dagegen immer ein Ohr für seine Kunden, ob sie nach einer bestimmten Kartoffelsorte fragen oder etwas Persönliches erzählen wollen.

Sein Betrieb in Tatenberg ist zu klein für Großabnehmer. Seit Jahrzehnten gilt in Hamburgs gewerblichem „Gemüsegarten“ eigentlich das Motto: Wachse oder weiche! Thal hat dagegen eine Betriebsgröße, die nur für Wochenmärkte taugt, nicht aber für Discounter: Damit ist er wohl einer der letzten in den Vier- und Marschlanden. Und diese Tatsache wird auch zum Nachfolgeproblem. Seine beiden Kinder, 21 und 25 Jahre alt, haben bereits abgewunken, als es um die Hofnachfolge ging. „Die haben gesagt: Das Geld kann ich wesentlich leichter verdienen.“ Wer Thals Arbeitswoche kennt, kann diese Entscheidung durchaus nachvollziehen.

An vier Tagen, von Mittwoch bis Sonnabend, steht der Gemüsebauer auf Hamburger Wochenmärkten: mittwochs und freitags in Fuhlsbüttel, donnerstags am Turmweg, sonnabends in Langenhorn. Ein Markttag beginnt für ihn bereits gegen vier Uhr morgens. Am Vorabend hat er sein eigenes Sortiment geerntet, dann fährt er zum Großmarkt, um Ware von anderen regionalen Erzeugern zuzukaufen. Schließlich verlangt die Kundschaft, anders als vor Jahrzehnten, eine große Produktvielfalt – und die kann ein einzelner kleiner Hof nicht wirtschaftlich herstellen. Gegen sieben Uhr erreicht Thal dann den Markt und baut seinen Stand auf. Um 8.30 Uhr beginnt der Verkauf mit seinen drei Mitarbeitern. „Nach dem Abbau bin ich gegen 16 oder 17 Uhr wieder im Betrieb“, erzählt Thal. Dann folgt die Büroarbeit: Kasse kontrollieren, Buchhaltung machen und zahlreiche Dokumentationspflichten erfüllen: über den Gemüseanbau, seine Mitarbeiter, den Transport, die Verpackungen und die Abfallentsorgung. „Die Gesetzeslage ist nicht darauf ausgerichtet, Kleinbetriebe wirklich zu fördern“, umschreibt Thal die bürokratischen Auflagen. Wohl ein weiterer Todesstoß für kleine Erzeugerbetriebe.

Aber genau für sie sind die Wochenmärkte eigentlich eine ideale Verkaufsplattform. Übrigens nicht nur für Obst und Gemüse: Nicht wenige Frauen bieten auf Wochenmärkten Strickwaren oder Kunsthandwerk an. Denn ein eigenes Ladengeschäft könnten sie sich wegen der hohen Mieten in Hamburg gar nicht leisten. Der Wochenmarkt ist dagegen für sie erschwinglich: Hier zahlt man für den laufenden Meter Verkaufsfläche zwischen drei und vier Euro. So findet man zum Beispiel auf dem Markt am Eimsbütteler Turmweg heutzutage auch Wagen mit Spezialitäten aus Frankreich oder Portugal, einen Honigverkäufer und einen Anbieter von Stickschablonen, mit denen sich Initialien auf Textilien zaubern lassen. Das Hauptgeschäft besteht aber nach wie vor aus Lebensmitteln. Produkte direkt vom Erzeuger sind die Regel, doch es gibt auch Überschneidungen mit der Ware, die identisch in Supermärkten und Discountern erhältlich sind. Das gilt zum Beispiel für zugekaufte Südfrüchte und anderes Obst und Gemüse, das in hiesigen Breiten gerade nicht angebaut werden kann.

Das Angebot auf den Wochenmärkten wird vielfältiger und skurriler

Im Kampf um ihre Existenz versuchen die Wochenmärkte vieles: Zu den reinen Verkaufsständen gesellen sich immer mehr Wagen, die Kaffee und Kuchen, Bratwürste oder einfache Nudelgerichte anbieten. Fischhändler verkaufen nebenbei belegte Brötchen, Schlachter heiße Suppen. Dieses Gastro-Angebot soll die Märkte quasi zu Ausflugszielen machen. „Ein Wochenmarkt sollte zum Verweilen einladen“, sagt Alexa Buba-Lill von der Firma Borco-Höhns, die in Rotenburg (Wümme) Marktfahrzeuge baut und deren Besitzer im Verkauf schult. „Die Aufenthaltsqualität muss stimmen“, sagt die Marketing-Fachfrau.

Der Verkauf von fertigen Gerichten sei auf Wochenmärkten allerdings vom Gesetzgeber nicht so gerne gesehen, weiß Wilfried Thal. Er verweist auf Paragrafen 67 der Gewerbeordnung. Danach dienen die Märkte dem Handel mit Gebrauchs- und Verbrauchsgütern. Gastronomische Angebote sind aber streng genommen Dienstleistungen, und die werden von der Stadt deshalb auch nur begrenzt geduldet. Erlebnismärkte sind sogar strikt verboten. Das wären Sonderveranstaltungen, für welche die Stadt deutlich höhere Gebühren verlangen müsste.

Zu viele Imbisse wurden bereits dem Hopfenmarkt am Mahnmal St. Nikolai zum Verhängnis, einem der einst traditionsreichsten Märkte der Stadt. Geschäftsleute, Polizisten, Touristen, Einkaufsbummler und Anwohner versorgten sich dort mit Hausmannskost, Currywurst, Kuchen und anderen kleinen Mahlzeiten. Zum 30. Juni 2014 hat das Bezirksamt Mitte die „Sondergenehmigung zur Nutzung des Straßenraumes“ auslaufen lassen. Die Begründung: Das Angebot entspräche nicht dem eines klassischen Wochenmarktes.

Thal nutzt derweil eine kurze Pause beim Verkauf und trinkt eine Tasse Kaffee – am Stand gegenüber.