Hamburger Onlinehändler

Otto schafft 300 Jobs und kündigt Millionen-Investitionen an

Alexander Birken verantwortet das
Kerngeschäft des Konzerns

Alexander Birken verantwortet das Kerngeschäft des Konzerns

Foto: Andreas Laible / HA

Das Unternehmen wächst im Kerngeschäft um sieben Prozent. Doch Probleme in der gesamten Gruppe bleiben.

Hamburg.  Alexander Birken, 51, sitzt auf einem roten Filzhocker im Mitarbeiter-Café des Otto-Konzerns und wirkt recht zufrieden. Monatelang haben sich die Manager des Hamburger Handelsunternehmens anhören müssen, dass sie bei Umsatz und Ergebnis nicht so recht vorankommen und immer mehr Boden gegenüber den großen Konkurrenten im Internethandel verlieren. Sogar in die roten Zahlen ist die gesamte Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr abgerutscht.

Nun aber hat zumindest der Chef der Kerngesellschaft Otto, der den Online- und Versandhandel für die Hauptmarke verantwortet, wieder bessere Zahlen zu verkünden. Um sieben Prozent auf 1,3 Milliarden Euro hat die Kernmarke ihren Umsatz in den ersten sieben Monaten des laufenden Geschäftsjahres (Februar bis September) steigern können. Das Ergebnis ist nach Birkens Worten sogar noch stärker gewachsen als der Umsatz. Die Rendite bewege sich klar im Zielkorridor von drei bis fünf Prozent, sagt er.

Kommentar: Otto muss mutiger werden

Dass der weltweit zweitgrößte Onlinehändler hinter Amazon in seinem deutschen Kerngeschäft wieder besser vorankommt, hat vor allem mit dem Fokus auf bisher vernachlässigte Produktkategorien zu tun. Stand bislang vor allem der Bereich Mode im Zen­trum, so haben die Hamburger in den vergangenen Monaten insbesondere das Möbelgeschäft kräftig ausgebaut. Das Sortiment sei verbreitert und vertieft worden, man habe zahlreiche neue Marken hinzugenommen, sagt Birken. „Im Möbelbereich ist das Wachstum deutlich zweistellig.“ Mit einem Umsatz von rund 600 Millionen Euro jährlich ist Otto nach eigenen Angaben schon jetzt der größte deutsche Möbelhändler im Netz, weit vor dem zweitgrößten Konkurrenten Ikea und anderen Wettbewerbern wie Home 24.

Trotz der aktuellen Erfolge steckt das Unternehmen allerdings weiter in einem tiefgreifenden Wandel durch die Digitalisierung, der viel Geld kostet und nach immer neuen Lösungen verlangt. „Die digitale Disruption, der Abbruch bislang erfolgreicher Geschäftsmodelle, ist überall spürbar“, sagt Birken. Kataloge spielten zum Beispiel nur noch eine untergeordnete Rolle, die Entwicklung eigener Software dagegen eine große.

Von den rund 4700 Beschäftigten der Kernmarke arbeiten allein 1000 in der Informationstechnik. „Wir wollen der beste und persönlichste Anbieter im Netz sein“, erklärt der Vorstandssprecher. „Wir müssen althergebrachte Zöpfe abschneiden und ein intelligentes Echtzeit-Unternehmen werden.“ Der Schwerpunkt liege im Service.

Um mit der Konkurrenz Schritt zu halten, werde Otto auch in diesem Jahr auf dem Gaspedal bleiben und dreistellige Millionenbeträge investieren. In diesem Zusammenhang sollen auch zusätzliche Stellen geschaffen werden. „Jährlich stellen wir etwa 300 neue Mitarbeiter ein“, sagt Birken. Gesucht würden vor allem Fachleute aus den Bereichen IT und E-Commerce.

Am Montag präsentierte Otto zwei Innovationen, die den Anspruch auf die führende Rolle im Onlinehandel deutlich machen sollen. So können die Kunden künftig bei der Auslieferung von Speditionsartikeln, also größeren und schweren Bestellungen, bereits bei der Order den Liefertermin vereinbaren und bekommen auf der Webseite mehrere Zeitfenster vorgeschlagen. Und mit einem kleinen Aufkleber, den der Kunde mit seinem Smartphone mithilfe der Near Field Communica­tion (NFC) auslesen kann, zeigen Elektrogeräte nicht nur ihre eigene Bedienungsanleitung an, sondern auch Ersatzteile und Zusatzgeräte.

Bei Weitem nicht so gut wie in der Kerngesellschaft sieht es in der gesamten Otto-Gruppe aus, zu der unter anderem der Logistiker Hermes, Einzelhandelsketten wie Sport Scheck sowie zahlreiche Auslandsaktivitäten gehören. Zwar konnte auch der Konzern beim Umsatz im ersten Halbjahr um 4,2 Prozent zulegen. Doch ob der zuletzt erzielte Vorsteuerverlust von 125 Millionen Euro wieder in einen Gewinn umgewandelt werden kann, steht noch nicht fest. Zu groß sind die Unwägbarkeiten im schwierigen Russlandgeschäft, sowie in Frankreich. Konzernchef Hans-Otto Schrader hatte daher Mitte Oktober nur erklärt, er sei optimistisch, am Ende des Geschäftsjahres eine schwarze null zu erreichen.

Von der Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr dürfte auch das Schicksal von Schrader als Chef der Gruppe abhängen, er selbst hatte eine Vertragsverlängerung bei der Vorstellung der Bilanzzahlen indirekt mit einer Rückkehr in die Gewinnzone verknüpft. Sollte Schraders Vertrag, der Ende 2016 ausläuft, nicht verlängert werden, dann könnte Alexander Birken sein Nachfolger werden. Otto-intern gilt er schon seit Längerem als eine Art Kronprinz. Eine Entscheidung sollte ursprünglich schon in diesem Monat fallen, nun aber wird sich der Aufsichtsrat erst im Mai kommenden Jahres mit dem Thema Führungswechsel befassen.

In jedem Fall werden Birkens Auftritte derzeit sehr genau beobachtet. Die Vorlage der guten Zahlen für die Kerngesellschaft könnte schon eine Art Bewerbung für den obersten Vorstandsposten gewesen sein.