Kriminalität

Sorge um die Flüchtlingsfrauen in Hamburg

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Christoph Heinemann, Oliver Schirg und André Zand-Vakili
In der Zentralen Erstaufnahme an der Schnackenburgallee leben derzeit mehr als 3000 Flüchtlinge

In der Zentralen Erstaufnahme an der Schnackenburgallee leben derzeit mehr als 3000 Flüchtlinge

Foto: dpa Picture-Alliance / Bodo Marks / picture alliance / dpa

Mitarbeiter berichten von Prostitution und Gewalt in der Unterkunft an der Schnackenburgallee. Gruppen bedrohten Sicherheit in Camps.

Hamburg. Den Treffpunkt erfahre sie wenige Stunden im Voraus, erzählte die Albanerin einer Betreuerin. Die Männer sagten ihr eine Uhrzeit, die Nummer eines Zeltes im Flüchtlingsdorf Schnackenburgallee mit 3500 Bewohnern. Es werde leer sein. Dann kämen die Kunden, andere Bewohner. Manchmal nur einer, manchmal mehrere hintereinander. Für den Sex bekomme sie etwas Geld. Und die Männer schützten sie, „bis es zurück nach Hause geht“.

Trotz einiger Schutzzelte und Bemühungen der Stadt bleibt die Lage von Flüchtlingsfrauen in Hamburg teilweise prekär. „Uns haben deutliche Hinweise auf Prostitution in mehreren Unterkünften erreicht“, sagt Tanja Chawla von der Hilfsinitiative „Refugees Welcome“ im Karolinenviertel. Einzelne Fälle sind auch den städtischen Stellen bekannt. „Wir haben die Entwicklung in diesem Bereich im Blick, aber bislang keine Hinweise auf Zwangsprostitution“, heißt es auf Anfrage aus dem Senatsumfeld.

An der Schnackenburgallee sprechen mehrere Mitarbeiter von zwei fliegenden „Bordellen“ – mehrere Frauen prostituierten sich unter Anleitung einer Gruppe von Bewohnern an wechselnden Standorten. „Es gibt eine Art ,Gang‘ unter den Bewohnern, die richtige Strukturen dafür geschaffen hat“, sagt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will. „Die haben ihre eigenen Kommunikationswege.“

Große Nachfrage nach Schwangerschaftstests

Mehrere Frauen offenbarten sich demnach Mitarbeiterinnen, hätten aber um Vertraulichkeit gebeten. „Die Mediziner hatten in den Sprechstunden einige Fälle von Frauen, die offensichtlich jüngst sexuelle Gewalt erleben mussten. Die Bereitschaft zum Sprechen ist aber sehr gering“, sagt ein Insider. Die Belegschaft mache Hilfsangebote und achte so stark wie möglich auf die Frauen, mehr sei in vielen Fällen nicht zu leisten. „Es gibt eine große Nachfrage nach Schwangerschaftstests, im Zuge dessen wird auch Aufklärung betrieben“, sagt eine Mitarbeiterin.

Die Betreibergesellschaft „Fördern & Wohnen“ hat von organisierter Prostitution an der Schnackenburgallee nach eigenen Angaben bisher keine Kenntnis. Jeder bekannte Fall von sexueller Gewalt werde gemeldet, die Auswertung in der Zentrale von „Fördern & Wohnen“ hängt jedoch Monate hinter der Aktualität zurück. „Die zuständige Abteilung hat derzeit alle Fälle bis Ende Juli ausgewertet“, sagt Sprecherin Susanne Schwendtke.

Einzelne Banden gefährden friedliche Mehrheit

Insgesamt, so berichten Mitarbeiter und Behörden, hat sich die Sicherheitslage für alle Bewohner in den vergangenen Wochen verbessert. „Das große Problem war die Benachteiligung und Kälte in den Zelten, die aber gelindert wurde“, heißt es aus der Verwaltung. Die Bildung kleinerer Gruppen mit kriminellen Absichten stellt den Senat aber weiter vor Probleme.

„Es gibt in einigen Unterkünften Menschen, die dort das Recht des Stärkeren durchsetzen wollen oder meinen, bestimmte Regeln nicht befolgen zu müssen“, hatte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) im Abendblatt-Interview gesagt. „Kristallisationspunkt“ sei manchmal die Nationalität, manchmal auch das gemeinsame Alter.

An der Schnackenburgallee sind es laut Mitarbeitern Albaner und Serben, die mit ihren Aktivitäten in den vergangenen Monaten auch die große Mehrheit der friedlichen Flüchtlinge gefährdeten. In einem internen Lagepapier, das dem Abendblatt vorliegt, sprach die Polizei im Oktober davon, dass sich auch fremde Albaner immer wieder im Flüchtlingsdorf aufhielten und dort teilweise übernachteten.

Sorge um Verbindungen zwischen den Camps

Strukturen im Sinne von organisierter Kriminalität erkennen die Beamten bislang nicht. Zusammenschlüsse als Gruppen schon. „Eine Einzelperson hat gar nicht das Drohpotenzial für illegale Geschäfte in den Unterkünften, ohne in Gefahr zu laufen, selbst Opfer von Gewalt zu werden“, so ein Beamter.

Was der Polizei zudem Sorge bereitet: Es gibt offensichtliche Verbindungen zwischen den Unterkünften. So wurde bei einer Durchsuchung am 8. Oktober an der Schnackenburgallee eine Schreckschusspistole gefunden, mit der zuvor in der Unterkunft an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg mutmaßlich weitere Flüchtlinge bedroht wurden. Bei der Aktion wurden auch ein Messer, 131 Gramm Haschisch, diverse Handys und ein Laptop sicher­gestellt. Drei Bewohner wurden festgenommen. Bei einer weiteren Aktion fanden die Beamten kürzlich zwei Beile unter einem Container. „Wir waren schon schockiert, auch die meisten Balkanflüchtlinge schämen sich für diese Landsleute“, sagt eine Mitarbeiterin.

Für mafiöse Strukturen oder Zwangsprostitution in den Unterkünften hat die Polizei bislang keine Hinweise. Eher sei die Kriminalität niedrigschwellig: So meldeten die Anwohner der Kleingartenkolonie 202 in direkter Nachbarschaft zur Schnackenburgallee mehrere Vorfälle. Unbekannte hätten Obst und Gemüse sowie ein Fahrrad gestohlen, in einem Fall wurde eine Laube aufgebrochen und durchsucht. Laut Polizei besteht aber kein eindeutiger Zusammenhang zum Flüchtlingsdorf. „Was in der Unterkunft passiert, liegt selten im Hellfeld und ist ohne V-Leute schwierig zu ermitteln“, sagt ein Beamter.

Helfer können Frauen wieder besser schützen 

Seit Oktober zeigt die Polizei mit zwei Beamten an der Schnackenburg­allee ständige Präsenz. Aus der Belegschaft heißt es, mit straffälligen Bewohnern werde nun „viel schneller Ernst“ gemacht. Mehr als zwei Dutzend verdächtige oder straffällig gewordene Bewohner seien in den vergangenen Wochen in andere Unterkünfte gebracht worden. „In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration wird bei straffällig gewordenen Personen aus sicheren Herkunftsländern das Asyl­verfahren beschleunigt“, sagt ein Sprecher der Ausländerbehörde. Dies bedeutet sehr häufig eine Abschiebung.

Die Mitarbeiter an der Schnackenburgallee haben nach eigener Aussage inzwischen wieder mehr Möglichkeiten, auch Übergriffen gegen Frauen besser nachzugehen. „Bis vor einigen Wochen war die Situation wegen der unbeheizten Zelte so schlimm, dass wir auch um unsere Sicherheit bangen mussten“, sagt eine Mitarbeiterin. „Mittlerweile können wir uns wieder etwas mehr Zeit für Einzelne nehmen.“ Aus den Frauenhäusern heißt es, dass der Zulauf von schutzbedürftigen Frauen „unverändert hoch“ sei – am häufigsten erlitten sie häusliche Gewalt. Die Prostitution sei in den Griff zu bekommen, sagen Insider der Schnackenburgallee. „Wir werden nicht zulassen, dass Frauen herabgewürdigt werden.“

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