Im Gespräch

Familienleben zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben

Schauspielerin Barbara Auer in der Meßmer Tee-Lounge  Am Kaiserkai 10 in der HafenCity

Schauspielerin Barbara Auer in der Meßmer Tee-Lounge Am Kaiserkai 10 in der HafenCity

Foto: Roland Magunia

Schauspielerin Barbara Auer spricht dann aber doch offen über Nachteile und Vorzüge, wenn man in ihrem Metier Mitte 50 ist.

Es gibt Termine, um die Kollegen einen beneiden. In diesem Fall sind es die männlichen Kollegen, denn ich darf Barbara Auer treffen, diese unverschämt attraktive, alterslose, erfolgreiche, skandalfreie und hervorragende Schauspielerin, von der es jedoch heißt, sie sei manchmal etwas kompliziert. Nicht zickig, sondern kompliziert. Und zwar dann, wenn sie Interviews geben muss.

Als sie mir an diesem Vormittag auf dem zugigen Kaiserkai in der HafenCity entgegenkommt, finde ich sie auf den ersten Blick überhaupt nicht kompliziert. Sondern eher unauffällig, eine gut situierte Hamburgerin in den besten Jahren beim Einkaufen. Über ihrer linken Schulter hängt eine schlichte Lederhandtasche, ihre rechte Hand umfasst einen Shopper am Kordelgriff. Barbara Auer trägt einen schicken Wollmantel mit angedeutetem Pepitamuster, dazu schwarze Jeans und schwarze Stiefel. Sie ist kaum geschminkt, ihre halblangen, dunkelbraunen Haare glänzen, auf der Nase sitzt eine dünnrandige Hornbrille – der einzige sichtbare Tribut ans Älterwerden.

„Und genau darüber würde ich nur ungern mit Ihnen reden“, schlage ich ihr bei der Begrüßung vollmundig vor, „und über vergängliche Schönheit auch nicht.“ Denn darüber sprächen ja alle mit ihr. Barbara Auer lächelt spontan und ist einverstanden. Dabei ist es ein ziemlich dummer Vorschlag, aber das kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Vielleicht hätte ich Barbara Auers spontanes Lächeln nur richtig deuten sollen.

Dann öffnet die Meßmer Tee-Lounge, die sie als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Wir können ins Warme und Tee bestellen. Barbara Auer entscheidet sich für einen Matcha-Tee, grün, pulverig, japanisch. Dann kommt der Fotograf dazu, und sie bleibt weiterhin total unkompliziert, zeigt sofort die für ein gutes Foto professionelle Präsenz und spielt so lange geduldig mit dem roten Faden herum, bis ihr Tee kalt ist. Dann bestellt sie einen Sencha-Tee, ebenfalls grün und japanisch, nippt an der Porzellantasse und erwartet gelassen das Fragenfeuerwerk.

Ich überspringe die Parts „Kindheit und Jugend“ (geboren am 1. Februar 1959 in Konstanz, aufgewachsen mit drei Geschwistern in einem streng katholischen Elternhaus), „Ausbildung“ (Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg), „erste Schritte“ (1981 das erste Engagement am Stadttheater Mainz, 1983 Wechsel an die Städtischen Bühnen Osnabrück und später ans Schauspielhaus Wuppertal), „erstes Kind und erste Ehe“ (ihr Sohn Samuel wird 1987 geboren, Vater ist der Schauspieler May Maerten­s), „erste Filmrolle“ (1982 in Alexander Kluges „Macht der Gefühle“) und „Durchbruch“ – als Barbara Auer für ihre Rolle als plietsche Ostberliner Kranführerin in Vivian Naefes Drama „Der Boss aus dem Westen“ mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wird. Inzwischen hat sie weit über 100 Filme gedreht, von denen viele ausgezeichnet wurden. Einige – wie die Reihe „Nachtschicht“ im ZDF (Regie Lars Becker) – genießen Kultstatus. „Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen möchten, eine historische Figur vielleicht?“

Barbara Auer zuckt mit den Schultern. „Der Film ist mit dem Theater nicht vergleichbar, wo man sagen kann: ‚Ich möchte unbedingt noch gerne die oder die Shakespeare-Rolle haben.‘ Filmthemen entstehen aus der Zeit, ja, auch aus dem Alter, und manchmal sind sie plötzlich da, aus einem kollektiven Lebensgefühl oder Bedürfnis heraus. Was mich antreibt, ist, gute Geschichten zu erzählen und etwas dabei zu erfahren, über das Leben, über andere und natürlich über mich selbst.“

Das möchte ich auch. Über sie was erfahren. Was ganz Persönliches. Obwohl ihre natürliche Abneigung gegen das Wühlen in ihrer Privatsphäre beinahe schon legendär ist. „Ihr Lebenspartner Martin Langer ist ein bekannter Kameramann. Wie ist das, mit ihm zu arbeiten?“

„Wir haben erst zweimal zusammen gedreht, und das ist auch schon wieder ein paar Jahre her. Ich fand das sehr schön, entspannt, aber ich konzentriere mich bei der Arbeit natürlich mehr auf die Regie.“

„Sie sind noch einmal mit über 40 Mutter eines Sohnes geworden. Stimmt mein Eindruck, dass sie jetzt etwas weniger arbeiten, um Familienleben nachzuholen?“

Barbara Auer scheint verblüfft. „Nein, ich hatte immer ein intensives Familienleben, das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben, auch als mein erster Sohn Samuel kleiner war. Gleichzeitig hatte ich nie das Gefühl, aus familiären Gründen im Beruf zurückstecken zu müssen. Es gibt eher altersbedingt verschiedene Phasen, in denen man eben mehr oder weniger angeboten bekommt.“

Jetzt reden wir also doch übers Alter.

„Als ich jünger war, bekam ich schon mehr Drehbücher zugeschickt. Das dünnt sich dann mit dem Älter-werden aus, weil es einfach weniger Rollen gibt, hat aber wiederum den Vorteil, dass die Rollen häufig interessanter werden.“

„Wegen der Geschichten?“

„Nein, weil die Figuren brüchiger werden. Sie sind nicht mehr so plakativ und müssen auch nicht mehr heroischen Abziehbildern entsprechen.“ Es freut Barbara Auer, dass ihre Generation bei den Filmemachern zurzeit gerade entdeckt werde. „Für mich wird mein Beruf dadurch fast spannender als noch vor einigen Jahren. Ich weiß, dass ich immer noch eine gut aussehende Frau bin, aber ich bin nicht mehr jung. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, jemandem zu gefallen – es ist wurscht, und das ist sehr angenehm.“

Ob wir vielleicht doch noch einmal kurz zurück zu ihrer Familie ...?

Barbara Auer seufzt. „Als ich so spät noch zum zweiten Mal Mutter wurde, wollte ich erst mal viel Zeit für den Kleinen haben, doch jetzt, wo er älter ist, arbeite ich wieder mehr. Trotzdem hat die Familie immer Priorität.“

„Ihr jüngerer Sohn spielt begeistert Fußball. Begleiten Sie ihn zu seinen Spielen?“

„Ja, ich habe schon an einem nasskalten Sonntagmorgen um neun am Spielfeldrand gestanden, auch schon außerhalb von Hamburg. Aber mein Sohn (sie möchte nicht, dass sein Name veröffentlicht wird) will nicht, dass ich von ihm erzähle. Die Kinder ärgern sich verständlicherweise, wenn man öffentlich über sie spricht. Und natürlich habe ich auch schon die Tasche mit den Trikots zum Waschen mitgenommen. Aber wenn wir das jetzt vertiefen, dann meckern die Jungs zuhause wieder herum.“

Schade, denke ich und versuche mir vorzustellen, wie Barbara Auer im Fußballvereinsheim des SC Vier- und Marschlande einen Tee bestellt. „In früheren Interviews haben Sie schon über Ihre ‚Patchwork-Familie’ ...“

Barbara Auer hebt mahnend die linke Hand, gießt sich die letzte Tasse Sencha-Tee ein, trinkt einen Schluck. Ja, das letzte Weihnachtsfest im Wallis mit ihrer Patchwork-Familie sei sehr schön gewesen. Nein, sie sei als Einzige von vier Geschwistern niemals Ski gelaufen, weil sie nun mal ängstlich sei. Ja, sie hasse sogar Schlittenfahren. Das sind so kurze, knappe, glasklare Statements, die keine Nachfrage zulassen, nach dem Warum zum Beispiel. Daher lebt Barbara Auer mit ihrer Familie auch bloß „im Hamburger Osten“, so ungefähr zwischen Barsbüttel und St. Georg.

Jetzt wird es kompliziert. Aber Barbara Auer stellt dann sachlich fest, dass wir ja auch kein anlassbezogenes Gespräch führen, in dem zum Beispiel ein neues Filmprojekt im Fokus stehe. Ich spüre deutlich: Barbara Auer bedauert mich. Und zwar von ganzem Herzen. Dieser mitfühlende Blick kann nicht gespielt sein. Es ist schön, von Barbara Auer bedauert zu werden.

Letztlich hat sie in ihrer langen und erfolgreichen Karriere aber auch schon einige Male Lehrgeld bezahlen müssen. Wenn sie vor längerer Zeit Ansichten äußerte, mit denen sie bis zum heutigen Tag immer wieder konfrontiert wird. Was sie kolossal nervt – besonders wenn eines ihrer Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurde –, und was sie außerdem „entsetzlich fad“ findet. „Warum soll ich denn heute noch kommentieren, was ich vor 25 Jahren erzählt habe? Aber tatsächlich holt das ja einen immer wieder ein, obwohl sich inzwischen doch das gesamte Lebensgefühl total verändert hat.“ Nein, Interviews gehörten wirklich nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, obwohl sie selbstverständlich akzeptieren müsse, dass es ein Teil ihres Jobs sei.

Später schlendern wir gemeinsam zur Haltestelle Überseequartier, fahren mit der U 4 zum Jungfernstieg, wo sie aussteigt, um noch ein paar Besorgungen zu machen. Niemand erkennt die berühmte Barbara Auer. Sie verschwindet im Gewusel auf dem Bahnsteig. Sie ist die Unauffälligkeit in Person. Aber garantiert nur bis zu ihrem nächsten Film.