Asyl in Hamburg

Frau entbindet Kind mit Hilfe des Wachpersonals im Zeltlager

Wie in dieser Unterkunft in Jenfeld sind die Flüchtlinge in Bahrenfeld teils in Zelten untergebracht. Die schwangere Frau wurde erst im neunten Monat aus einem Zelt in den vorderen Teil der Einrichtung verlegt

Wie in dieser Unterkunft in Jenfeld sind die Flüchtlinge in Bahrenfeld teils in Zelten untergebracht. Die schwangere Frau wurde erst im neunten Monat aus einem Zelt in den vorderen Teil der Einrichtung verlegt

Foto: picture alliance

Gesundheitliche Situation der Flüchtlinge wird immer prekärer. Auch die Sicherheitslage spitzt sich zu - bislang 1050 Polizeieinsätze.

Hamburg. Der Fehler des 26 Jahre alten Afghanen war, sich in der angeblich falschen Toilette zu erleichtern. In Sekundenschnelle formierte sich im Sanitärbereich des Camps an der Oktaviostraße (Marienthal) in der Nacht zu Mittwoch ein Pulk aus Albanern. Auf Beschimpfungen folgten bald wilde Prügel mit Stahlrohren gegen den Afghanen. 14 Streifenwagen der Polizei eilten zu der Flüchtlingsunterkunft. Der Afghane erlitt eine Knieverletzung, ein Mann kam in Polizeigewahrsam. Das war nur der jüngste Vorfall einer Serie von Gewaltvorfällen in Unterkünften, in denen sich die Lage weiter zuspitzt.

Vom 1. Januar bis zum 3. Oktober verzeichnete die Polizei nach Senatsangaben bereits 1057 Einsätze in Flüchtlingsunterkünften, davon 80 wegen Schlägereien. Insgesamt waren dabei 2052 Streifenwagen vor Ort. Das ergab eine Kleine Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator an den Senat. Zuvor hatte die „Welt“ über die Statistik berichtet. Bei den Einsätzen dürften etwa 4000 Beamte gebunden gewesen sein.

Macht Ihnen die zunehmende Gewalt in den Flüchtlingsunterkünften Sorgen?

Für den CDU-Mann Gladiator zeigen die Zahlen, „dass es angesichts der Flüchtlingskrise erst recht einer deutlichen Aufstockung des Polizeipersonals“ bedarf. Die häufigsten Zwischenfälle gab es dem Senat zufolge an der Unterkunft in der Schnackenburgallee in Bahrenfeld (190 Einsätze), der Registrierungsstelle mit vorübergehenden Schlafplätzen an der Harburger Poststraße (186 Einsätze) und in der Dratelnstraße in Wilhelmsburg (120 Einsätze).

CDU wirft Polizei Vertuschung vor

In die Statistik wurden dabei neben Gewaltvorfällen und Diebstählen auch Einsätze wegen Fundsachen, Sachbeschädigung und Suizidversuchen aufgenommen. Zuletzt häuften sich aber vor allem Massenschlägereien – etwa in einem ehemaligen Baumarkt in der Kurt-A.-Körber-Chaussee in Bergedorf, wo es in den ersten 14 Tagen nach Einzug der Flüchtlinge bereits zu 21 Einsätzen der Polizei kam.

Nach offizieller Auskunft der Polizei ist die Lage in den Flüchtlingsunterkünften mit polizeilichen Mitteln gut beherrschbar. Im Bezirk Harburg hat CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer dagegen den Verdacht, dass Probleme in und um Flüchtlingsunterkünfte heruntergespielt werden sollen. In der Bezirksversammlung fordert die CDU deshalb nun, alle Vorkommnisse in und um Unterkünfte im Bezirk offenzulegen.

Senat hält Vorwurf für „sehr gefährlich“

In dem Antrag wird der Vorwurf erhoben, „dass bei polizeilichen Anzeigen versucht worden ist, von einer förmlichen Anzeigenerstattung abzusehen“. Dies sei auch einem seiner Anwaltskollegen von ihm passiert, sagt Fischer. Der habe darauf bestehen müssen, dass eine Anzeige wegen sexueller Belästigung seiner Frau auch aufgenommen wird.

Fischer hat den Verdacht, dass hinter dem Verhalten der Polizei ein von oben angeordnetes System steckt. Dass die Einsatzlage – wie von Senatsvertretern angegeben – auch bei großen Unterkünften unauffällig sei, müsse bezweifelt werden. Aus dem Senatsumfeld heißt es dagegen, der Vorwurf einer Vertuschung sei nicht nur abwegig, sondern „sehr gefährlich“.

Schwangere gebärt Kind im Zeltlager – Hunderte in Bahrenfeld schwer erkrankt

Die Situation in den Flüchtlingsunterkünften spitzt sich unterdessen immer weiter zu. Nach Abendblatt-Informationen sind an der Schnackenburgallee in Bahrenfeld bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt derzeit noch 80 Familien mit 265 Personen, darunter viele Kinder, in den größtenteils unbeheizten Zelten untergebracht. Etwa 100 bis 120 von ihnen sind nach offiziellen Angaben bereits erkrankt, viele an einer durch Viren verursachten Bronchitis, die derzeit in der Erstaufnahme kursiert.

Freiwillige erzählten von Kleinkindern, die an der Schnackenburgallee „bläulich angelaufen“ aufgefunden und medizinisch versorgt worden seien. Eine Frau wurde erst im neunten Schwangerschaftsmonat aus einem Zelt in den vorderen Teil der Einrichtung verlegt. Sie brachte ihr Kind wenig später mit Hilfe von Wachpersonal der Unterkunft zur Welt, bevor ein Rettungswagen eintraf.

Die Stadt reagiert auf die prekäre Situation mit dem Aufbau weiterer Heizstrahler in Bahrenfeld und der Dratelnstraße in Wilhelmsburg. Dort haben alle 60 Zelte einen Holzfußboden, die Hälfte der provisorischen Schlafplätze wird laut Ausländerbehörde „am Ende nächster Woche beheizt sein“. Vor Monatsende sollen die Zelte gegen Holzhäuser ausgetauscht werden. Die städtische Gesellschaft „Fördern & Wohnen“ arbeitet intensiv daran, bis dahin bereits alle Familien aus den Zelten zu verlegen.

Die Ehrenamtlichen hoffen indes auf weitere Spenden von Hamburgern. Es fehle insbesondere an warmer Kleidung für junge Männer, sagte eine Sprecherin der Kleiderkammer in den Messehallen. Gefragt sei Kleidung in den Größen S und M. Mangelware seien auch Decken, Schlafsäcke und Thermosflaschen.