Handeloh

Massenrausch der Heilpraktiker war eine Therapie-Idee

Rettungskräfte versorgen die Teilnehmer des Seminars in Handeloh am 4. September. 29 Menschen waren dabei verletzt worden

Rettungskräfte versorgen die Teilnehmer des Seminars in Handeloh am 4. September. 29 Menschen waren dabei verletzt worden

Foto: dpa

Drogenexperiment brachte Anfang September 29 Heilpraktiker in Klinik. Hintergrund war höchst umstrittene Psycholyse.

Handeloh. Die Szenen, die sich im idyllischen Garten abspielten, wirkten auf Stefka Weiland, die Geschäftsführerin des Tagungshotels „Tanzheimat Inzmühlen“, so surreal und abstoßend, dass sie noch heute mit Schaudern an den 4. September zurückdenkt. Sie habe seit dem Vorfall „nicht eine Nacht durchgeschlafen“, sagt sie. Vor wenigen Wochen, als Folge eines gescheiterten Drogenexperiments, mussten alle 29 Teilnehmer eines Heilpraktiker-Seminars in dem Tagungszentrum mit zum Teil lebensbedrohlichen Vergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Wie jetzt bekannt wurde, soll es sich bei den Seminarleitern um eine Heilpraktikerin und einen Psychologen aus der Region Aachen handeln. Beide befassen sich mit der sogenannten Psycholyse, dabei soll mit Hilfe von Drogen eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Bei Experten steht die Methode als unseriös und gefährlich in Verruf. „Mit Psychotherapie und Medizin hat die sogenannte Psycholyse nichts zu tun“, sagt Dr. Iris Hauth von der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Nervenheilkunde. „Wenn jemand zu diesem Zweck illegale Drogen verabreicht, ist das eine Straftat. Außerdem wird dabei dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor geöffnet.“

Dass eine solche „Behandlung“ sogar tödlich enden kann, zeigt ein Fall aus Berlin. Im September 2009 verabreichte der Mediziner und Psychotherapeut Garri R. zwölf Teilnehmern einer „Therapiesitzung“ halluzinogene Substanzen; zwei von ihnen starben. Innerhalb der Psycholyse-Szene ist die Ansicht verbreitet, dass eine „Öffnung der Seele“ mit Hilfe von Drogen schneller erzielt werden kann als durch Tanz und Spiritualität. Als einer der führenden Köpfe gilt der Schweizer Psychotherapeut Samuel Widmer, dessen Anhänger sich „Kirschblütengemeinschaft“ nennen – Kritiker sprechen von einer Sekte. Der Organisator des Seminars in Handeloh soll nach einem Bericht des Schweizer „Tagesanzeiger“ ein enger Vertrauter von Widmer sein.

Was die zwischen 24 und 56 Jahren alten Seminarteilnehmer eingenommen haben, ob sie dies bewusst und freiwillig taten, ist noch nicht endgültig geklärt; auch das Ergebnis der Blutprobenuntersuchung steht noch aus. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um die Szene-Droge „2c-E“ handelt. Die Wirkung auf die 29 Männer und Frauen, von denen fünf aus Hamburg kommen, war jedenfalls fatal, wie sich Weiland erinnert. „Ich habe an dem Freitag im Garten Schreie gehört und bin runtergelaufen. Da lagen zwei Menschen auf dem Rasen, eine weitere Person saß im Eingang und übergab sich. Eine Frau lag bereits an der Straße.“

Die übrigen Teilnehmer hätten im Tagungsraum gelegen, gestöhnt und sich gewunden. Auch die Seminarleiter seien nicht ansprechbar gewesen. „Der ganze Tagungsraum war verwüstet, nach dem Einsatz der Rettungskräfte lagen blutverschmierte Matten und Kissen herum.“ Einen solchen Massenrausch hatten selbst die erfahrensten Ärzte noch nicht erlebt. Die Symptome der Vergifteten reichten von Wahnvorstellungen bis zu Luftnot und Herzrasen. „Einige rasteten komplett aus, waren nicht mehr zu bändigen“, beschrieb ein behandelnder Arzt die Situation dem Abendblatt.

Um die zahlreichen Verletzten behandeln zu können, hatte der Landkreis Harburg die höchste Katastrophenstufe „ManV3“ (Massenanfall von Verletzten) ausgelöst. Fast 200 Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten waren im Einsatz. Die Kosten dafür sollen bei rund 60.000 Euro gelegen haben. Eine Schadenersatzforderung werde nach Abschluss der strafrechtlichen Ermittlungen geprüft, sagte Johannes Freudewald, Sprecher des Landkreises Harburg, dem Abendblatt. Auf Schadenersatz wird wohl auch die „Tanzheimat“ pochen. „Wir werden den Veranstaltern eine Rechnung für die Schäden schicken“, sagt Stefka Weiland.

Der bizarre Verlauf der Tagung macht sie umso stutziger, als die Gruppe bei früheren Seminaren nie negativ aufgefallen sei. Unter den Teilnehmern seien Heilpraktiker, Ärzte, Homöopathen und Psychologen gewesen. Verständnis für die Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen habe sie nicht: „Das ist konträr zu unserer Arbeit, hier geht es um Ruhe in einer idyllischen Umgebung, um Bewegung , um Tanz. Wir fühlen uns missbraucht.“