Hamburg

Hochzeitsplaner und das Geschäft mit der Romantik

Richard Meinke macht Freundin Michèle Chlench einen Heiratsantrag. Die Umsetzung
hat Hochzeitsplanerin Josephine Steinecke arrangiert

Richard Meinke macht Freundin Michèle Chlench einen Heiratsantrag. Die Umsetzung hat Hochzeitsplanerin Josephine Steinecke arrangiert

Foto: Agentur Traumhochzeit

Immer mehr professionelle Hochzeitsplaner inszenieren für Verliebte nicht nur die Heirat, sondern auch ganz besondere Heiratsanträge.

Hamburg.  Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Eine junge Frau geht mit ihrer besten Freundin ins Fino Vino in die Rindermarkthalle zum Essen. Plötzlich stehen zwei Gäste auf und fangen an zu tanzen. Dann die nächsten zwei und die nächsten und die nächsten. Bis schließlich alle Gäste im Restaurant eine Choreografie aufführen und dabei eine Gasse bilden. Eine Gasse für den Freund der jungen Frau, der mit einer Rose in der Hand vor ihr auf die Knie geht und ihr die Frage aller Fragen stellt: „Willst du mich heiraten?“ Die Tänzer, bei denen es sich um eine vorher engagierte Showtanzgruppe handelt, fangen an zu klatschen, während im Hintergrund „Marry Me“ von Bruno Mars läuft.

Unvorstellbar? Nein! Denn genau diesen Heiratsantrag hat Na­dine Böhner jüngst für einen Hamburger organisiert, der auf einmalige Art um die Hand seiner Freundin anhalten wollte. Der etwas Unvergessliches inszenieren wollte, selbst aber keine passende Idee hatte und daher Nadine Böhner engagierte. Denn die 28-Jährige ist Heiratsantrags-Planerin. Jemand, der individuelle Ideen für den Antrag entwickelt und umsetzt. Nadine Böhner betreibt die Hamburger Agentur lovemade, die sich auf Heiratsantrags- und Hochzeitsplanung spezialisiert hat. „Als ich mich 2013 selbstständig machte, habe ich nach einem Alleinstellungsmerkmal gesucht. Etwas, das mich von anderen Weddingplanern abhebt – so wie die Heiratsantrags-Planung“, sagt Nadine Böhner. Sie ist gelernte Bürokauffrau und hat lange privat Events organisiert, bevor sie vor zwei Jahren eine Fortbildung bei der IHK zum Weddingplaner gemacht hat. Hochzeiten betreut sie allerdings nur selten. 80 Prozent ihrer Kunden buchen sie für die Planung und Umsetzung ihres Heiratsantrages. Tendenz steigend.

Je aufwendiger der Antrag, desto eher schaltet man einen Profi ein

Und Nadine Böhner ist kein Einzelfall: Immer mehr Menschen lassen sich den perfekten Antrag von einem Experten ausarbeiten – und immer mehr Hochzeits- und Eventplaner bieten diesen Service an. Wie viele es genau sind, ist nicht erfasst. Denn der Begriff Hochzeitsplaner ist nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen und jeder darf den Job ausüben. Auch ohne Vorkenntnisse. Denn Weddingplaner, so die gängige Bezeichnung, ist kein Ausbildungsberuf. Über Anbieter wie die IHK kann man jedoch entsprechende Fortbildungen belegen und ein Zertifikat erlangen. Der Bund deutscher Hochzeitsplaner beobachtet seit einiger Zeit eine steigende Zahl von Heiratsanträgen, die von Agenturen entwickelt und ausgeführt werden. „Der Grund dafür ist sicherlich – wie bei vielen anderen Dingen der Hochzeitsplanung auch – dass die Brautpaare immer mehr durch die Medien beeinflusst werden“, sagt Friederike Mauritz, 1. Vorsitzende des Bundes deutscher Hochzeitsplaner. Gerade aus den USA, wo es bereits eine riesige Antrags-Branche gibt, würden viele Ideen übernommen – und hohe Erwartungen geschürt. „Die Erwartungshaltung bei manchen Bräuten ist sehr groß – und zumindest meinen die Männer, dass gewisse Dinge von ihnen erwartet werden“, sagt Friederike Mauritz, 46.

Sie ist Diplom-Hotelbetriebswirtin und war als Bankettverkaufsleiterin in einem Hotel tätig, bevor sie sich vor 16 Jahren als hauptberufliche Hochzeitsplanerin selbstständig gemacht hat. Ihre Erfahrung: Da es bei einem Antrag viel um Geheimhaltung und den Überraschungseffekt geht, sei es oft hilfreich für den Mann, sich Verbündete zu nehmen, die unerkannt vorbereiten, während man Zeit mit der Ahnungslosen Braut in spe verbringt. Das Fazit: „Je aufwendiger der Antrag sein soll, desto eher gibt man diesen an einen Profi ab und ist auch bereit, dafür zu bezahlen“, so Friederike Mauritz.

Hochzeitsanträge werden zum Event. Der Trend stammt aus Amerika

Ein Heiratsantrag übers Radio oder als Durchsage im Flugzeug, als Botschaft auf einer Litfaßsäule oder mit dem Flieger an den Himmel geschrieben – die Möglichkeiten sind unbegrenzt und werden scheinbar immer ausgefallener. Der Antrag wird zum Event. „Wir beobachten seit einigen Jahren einen Trend zur sogenannten Eventisierung, wie es ihn bis dato nur in Amerika gab“, sagt Josephine Stei­necke, 28, von der Agentur Traumhochzeit, einem Franchise-Unternehmen mit bundesweit knapp 30 Hochzeitsplanern.

Josephine Steinecke betreut die Region Hamburg, ist aber gerade auf Sylt bei einer Hochzeit am Strand. „Heute wird jeder Kindergeburtstag, jeder Junggesellenabschied und jede Abschlussfeier zum Event – und entsprechend aufwendig geplant und gefeiert“, so Josephine Steinecke. Dazu gehörten natürlich auch Hochzeiten und Heiratsanträge. Die Anzahl der von ihr arrangierten Anträge hat sich allein in diesem Jahr verdoppelt. Die meisten ihrer Kunden sind Männer. „Auf zehn Herren kommen vielleicht eine oder zwei Frauen“, so die Expertin, deren Honorar sich am Gesamt-Budget bemisst.

Vielen Menschen ist der Antrag inzwischen wichtiger als die Hochzeit

Ab 500 Euro berechnet sie – je nach Aufwand – für den kompletten Auftrag: vom Erstgespräch, über die Entwicklung von mindestens drei individuellen Vorschlägen bis zur späteren Umsetzung eines konkreten Konzeptes. Das Arrangement selbst lassen sich ihre Kunden zwischen 1500 und 2000 Euro kosten. Honorar und Ringe nicht inbegriffen. „Vielen Menschen ist der Antrag inzwischen wichtiger als die Hochzeit“, sagt Josephine Steinecke und erzählt von einem Kunden, der extra einen Film von sich selbst drehen und bei einem Kinobesuch seiner Freundin vor dem Hauptfilm einspielen ließ. In dem Trailer ist zu sehen, wie er durch die Stadt läuft und über Dächer springt, bis er zu einem Kornfeld kommt, auf dem steht: „Willst du mich heiraten?“ „Das war schon eine besondere Herausforderung, denn es gibt nur wenige kleine Kinos, die sich auf so etwas einlassen“, sagt Josephine Steinecke. Die Organisation von Heiratsanträgen macht derzeit ein Viertel ihrer Aufträge aus. Tendenz steigend. „Oftmals entwickelt sich aber auch das eine aus dem anderen“, sagt Josephine Steinecke. So wie bei den beiden Hamburgern Michèle Chlench, 27, und Richard Meinke, 28, für die sie vor Kurzem einen romantischen Heiratsantrag arrangiert hat – und nun auch die Hochzeit im kommenden Jahr planen darf.

Die Branche profitiert davon, dass die Menschen immer später heiraten. In Deutschland waren Männer im Jahr 2013 im Durchschnitt 33,6 Jahre und Frauen 30,9 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal das Jawort gaben. 1991 hatte das durchschnittliche Heiratsalter lediger Männer noch bei 29 Jahren und das lediger Frauen bei 26 Jahren gelegen, 40 Jahre zuvor gar bei 26 und 23 Jahren. Der Vorteil: „Je älter das Brautpaar bei der Hochzeit ist, umso länger stehen sie im Berufsleben. Das heißt: Sie haben durch die Arbeit wenig Zeit, aber die entsprechenden finanziellen Mittel, um die Aufgabe zu delegieren“, sagt Antrags-planerin Nadine Böhner, die viel von Kunden gebucht wird, die nicht in Hamburg wohnen, hier dem Partner aber während eines Urlaubs den Antrag machen wollen. So wie Marco Stüber aus Niederbreitenbach in Rheinland Pfalz. Da er zwar viele Ideen aber keine Ortskenntnisse hatte, wandte er sich an die Fachfrau aus Hamburg. Mit Erfolg: Böhner arrangierte für ihn und seine Freundin ein scheinbar zufälliges Fotoshooting in Planten un Blomen, in dessen Rahmen Marco Stüber um die Hand seiner Marta anhielt. Nächstes Jahr soll geheiratet werden. Allerdings ohne Weddingplaner. Die Hochzeit will das Paar alleine organisieren. „Das Wichtigste war für mich ein gelungener Antrag“, so Marco Stüber.

Extravagant und ausgefallen müsse der übrigens gar nicht sein, findet Josephine Steinecke, die bisher selbst noch keinen Antrag bekommen hat – und auch noch keinen gemacht hat. „Ich bin da eher klassisch und möchte gefragt werden“, sagt die Fachfrau. Aber die Art und Weise „wie“ dürfe ganz simpel und einfach sein, nichts Großes. Schließlich komme es auf den Moment an. Und darauf, dass der Richtige fragt.