Hamburg vor 50 Jahren

Nach dem Konzert der Rolling Stones flogen die Steine

Bandgründer Mick Jagger
beim ersten Hamburg-Auftritt
der Rolling Stones
im September 1965

Bandgründer Mick Jagger beim ersten Hamburg-Auftritt der Rolling Stones im September 1965

Foto: ullstein bild

Die Hamburg-Premiere der Rockband um Mick Jagger vor 50 Jahren endete mit Straßenkämpfen. Ausdruck eines damals neuen Phänomens.

Der Besuch ist bedenklich, die Lage ungewiss, die Polizei alarmiert: 700 Beamte sichern die Umgebung ab, 100 sind in Zivil unterwegs, 60 warten vor Ort versteckt auf ihren Einsatz. Der Polizeipräsident will notfalls auch „härtere Mittel“ einsetzen: Reiter, Knüppel, Wasserwerfer.

Die Adressaten der Warnung sind unbewaffnet, jung, tragen Jeans und lieben Rockmusik: Vor 50 Jahren, am 13. September 1965, strömen 8000 Fans aus ganz Norddeutschland in die Ernst-Merck-Halle zu einem Spektakel, wie es Hamburg bis dahin nicht gesehen hat.

Es sind die ersten Jahre einer rebellischen Jugend, die nach eigenen Vorstellungen leben will. Die Studien der Polizei erkennen in dem Protest gegen Verbote jeder Art zwar erst einmal nur ein „Rowdytum minderjähriger Hitzköpfe“, aber auch schon, dass die jungen Leute „an den Grundlagen unseres freiheitlichen Rechtsstaates rütteln“.

Wie das in der Praxis aussieht, konnten Hamburgs Polizeipräsident Jürgen Frenzel (SPD) und 40 Kollegen aus anderen Städten zwei Tage vorher in Münster beobachten. Die beschau-
liche Bischofsstadt war am 11. September die erste Station auf der ersten Deutschland-Tournee der Rolling
Stones.

Junge Polizisten sollen „Rädelsführer“ in Diskussionen verwickeln

Die fünf jungen Engländer hatten im Mai mit „Satisfaction“ ihren ersten Welthit gelandet. Im Text drückte sich die noch ziellose Unzufriedenheit vieler Jugendlicher mit dem Leben in einer materialistischen Gesellschaft aus. Jetzt wollte Manager Andrew Loog Oldham, zuvor Pressesprecher der Beatles, seine „Rollenden Steine“ zum bösen Gegenbild der braven Liverpooler Pilzköpfe aufbauen: Er stilisierte sie zu „Droogs“ – so hießen die jugendlichen Kriminellen aus dem damals sehr populären Science-Fiction-Roman „Uhrwerk Orange“ des Engländers Anthony Burgess.

Die Idee passte voll in die Zeit, auch deutsche Fans fuhren auf die bösen Buben ab. Der Vorverkauf lief so gut, dass schon in Münster aus dem geplanten Konzert flugs zwei gemacht wurden. Die Geschäftsleitung der Halle Münsterland forderte zur Schutzpolizei auch noch holländische und britische Militärpolizei sowie die Feldjäger der Bundeswehr an. Das Großaufgebot uniformierter Einsatzkräfte erzielte die gewünschte Wirkung, das Publikum zeigte sich von der allgegenwärtigen Polizeipräsenz beeindruckt und blieb weitgehend friedlich.

Das will Polizeipräsident Frenzel nun auch in Hamburg schaffen. Die Einsatzpläne sind so umfassend wie detailliert: Die 700 Polizisten sollen alle Straßen um die Ernst-Merck-Halle weiträumig mit Gittern absperren. Sämtliche Steinhaufen und Baumaterialien in der Umgebung müssen entfernt werden. Die 60 Bereitschaftspolizisten in der Halle dagegen sollen sich, damit sie keine Aggressionen herausfordern, hinter der Bühne verstecken, solange sie nicht gebraucht werden.

Als gefährliche „Störer“ gelten der Polizei „nicht angepasste Jugendliche“, die „ohne gesellschaftspolitisches Konzept“ in „führerlosen Gruppen und Banden öffentliches und privates Eigentum“ demolieren, auf „harmlose Passanten“ einschlagen oder „mit spektakulären Methoden die Umwelt provozieren“.

100 jüngere Zivilpolizisten sollen bereits vor dem Konzert vermeintliche „Leithammel“ oder „Rädelsführer“ gezielt ansprechen, in Diskussionen verwickeln und so von Gewaltaktionen ablenken.

Für die Räumung von Gehwegen werden erstmals Motorräder eingesetzt: Da die meisten Jugendlichen technisch interessiert seien, so kalkulierte Frenzel, würden sie „den Schneid und die Fahrkünste der Kradfahrer mit ihren schweren Maschinen bewundern“. Die Autorität dieser Beamten werde durch ihre weißen Mäntel und weißen Sturzhelme verstärkt.

Falls das immer noch nicht genügt, sollen Polizeireiter losgaloppieren. Über allem steht der Leitsatz, die Polizei müsse „der akuten Masse imponieren“, vor allem durch „körperliche Diszipliniertheit“.

Die geht der Gegenseite ziemlich bald völlig ab: Das erste Konzert um 17.30 Uhr bleibt noch einigermaßen im Rahmen. Doch beim zweiten Stone­s-Gig um 20.30 Uhr versetzen Bandgründer Mick Jagger (damals 22 Jahre alt), Keith Richards, Brian Jones, Bill Wyman und Charlie Watts schon gleich beim Auftakt mit „Everybody needs somebody to love“ das begeisterte Publikum in bedenkliche Schwingungen. Nach Titel Nummer sechs, „The last time“, kocht die Stimmung schon beinahe über, bei Nummer sieben, „Satisfaction“, gibt es kaum noch ein Halten, und mit dem monotonen „I’m alright“ als Nummer acht endet die Show in ekstatischem Jubel und Gekreische.

Vor der Halle entladen sich die Gefühle in einer bis dahin ungekannten Zerstörungswut. 2000 aufgeputschte Fans treten Beulen in parkende Autos, werfen Steine auf Straßenlampen und stürzen Plakatständer für die bevorstehende Bundestagswahl vom 19. September um.

Als die Polizei eingreift, kommt es zur Straßenschlacht. Am Ende re­gistrieren die Behörden 31 Verletzte und 47 Festnahmen.

Eine später von Frenzel beauftragte Studie rechnet die „Krawallmacher“ zu einem „Typ Mensch“, der nicht die Fähigkeit habe, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Kennzeichnend dafür seien „Erziehungsschwierigkeiten in Familie und Schule, Versagen im Beruf sowie Gesetzesverstöße“. Nur „energisches Eingreifen“ könne die Jugendlichen „vor sich selbst und die Allgemeinheit vor ihnen schützen“.

Zeitungsreporter beschreiben „Langhaarige in Beatlesjacken“, Pressefotos zeigen dagegen eher adrett gekleidete junge Leute, die sich mal austoben wollten und das auch anderswo tun, als nächstes in Berlin und dort noch viel schlimmer als in Hamburg: Beim Rolling-Stones-Konzert zwei Tage später in der „Waldbühne“ flippen 22.000 Zuhörer aus, reißen Holzbänke ab und sogar Hydranten aus dem Boden. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Die Schlacht dauert mehr als vier Stunden.

Die „Beat-Krawalle“ von 1965 sind ein Vorbeben. Zwei Jahre später, bei den Anti-Schah-Demonstrationen im Juni 1967 auch in Hamburg, ist die Gewalt bereits politisch motiviert. Die Parole „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wird die Republik für immer verändern.