St. Georg

Vom Bürostuhl in die Obdachlosen-Küche

Die Edding-Mitarbeiterinnen
Millie Rosado (v. l.),
Rita Kettner,
Camila Schnellrath,
Mandy Meißner,
Patricia Siebel und
Christiane Gieschen
haben im HerzAs
Wände gestrichen,
gekocht und im
Garten gearbeitet

Die Edding-Mitarbeiterinnen Millie Rosado (v. l.), Rita Kettner, Camila Schnellrath, Mandy Meißner, Patricia Siebel und Christiane Gieschen haben im HerzAs Wände gestrichen, gekocht und im Garten gearbeitet

Foto: Klaus Bodig / HA

160 Mitarbeiter von Hamburger Firmen haben sich am Aktionstag „Wi mook dat“ sozial engagiert.

Hamburg.  Um kurz vor zwölf Uhr stehen vor dem HerzAs die ersten Männer. Es sind ungewöhnlich viele für einen Freitag, an dem die Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose in St. Georg zwar geöffnet hat, aber normalerweise keine Mahlzeit ausgibt. Heute schon – und zwar drei Gänge. Es ist ein ganz besonderes Essen. Das hat sich herumgesprochen, entsprechend sitzen um die hundert Gäste an den Tischen im Aufenthaltsraum, als das Essen von Mitarbeitern des Ahrensburger Schreibwarenherstellers Edding serviert wird. Als eine von elf Firmen hat sich Edding am Freitag an dem Aktionstag „Wi mook dat“ beteiligt: 160 Mitarbeiter leisteten in Hamburger sozialen Einrichtungen zusammen 1009 Arbeitsstunden und spendeten dabei – über Materialien oder Essen – rund 12.900 Euro.

Der Aktionstag ist Teil der bundesweiten Woche des bürgerschaftlichen Engagements, für die Joachim Gauck die Schirmherrschaft übernommen hat. Claudia Seehusen und Anja Engelke haben „Wi mook dat“ 2014 nach Hamburg geholt und wollen das Projekt künftig jedes Jahr organisieren. „Wir machen die Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements in der Gesellschaft sichtbarer“, sagt Seehusen. Aus Hamburg haben sich Mitarbeiter unter anderem von M. M. Warburg, des Madison Hotels, der Gebrüder Heinemann und Hauni bereit erklärt, einen Arbeitstag in einer ehrenamtlichen Einrichtung zu verbringen. Neben dem HerzAs gab es Projekte für Kinder, Flüchtlinge und auch solche, die Natur- und Umweltschutz unterstützen.

Während ein Teil der zwölf Edding-Mitarbeiter in der Küche im Erdgeschoss des HerzAs’ Salat, Hähnchenschenkel mit mediterranem Gemüse und zum Nachtisch Fruchtjoghurt zubereitet, arbeitet der Rest im Garten oder renoviert den Ruheraum in der ersten Etage. Nachdem das Zimmer zunächst als Kleiderkammer genutzt worden war, sich dann aber herausstellte, dass für viele der Gäste Schlafen das wichtigste Bedürfnis ist, lagen dort zuletzt mehrere Turnmatten als Ma­tratzen auf dem Boden. „Der Ruheraum war mein Sorgenkind“, sagt An­dreas Bischke, der das HerzAs seit mehr als 15 Jahren leitet. Neben den alltäglichen Aufgaben wie der Ausgabe von Essen und Hygieneartikeln hätten seine Mitarbeiter, darunter 20 Ehrenamtliche, es nicht geschafft, diesen herzurichten. Die Edding-Mitarbeiter haben am Freitag nicht nur die Wände lila gestrichen, sondern auch mehrere Betten zusammengebaut, die künftig in dem Raum stehen sollen.

Statt Geld zu spenden, sollen die Firmen die Einrichtungen kennenlernen

Bei der Aktion geht es bewusst nicht darum, dass die Unternehmen Geld spenden sollen. „Sie bringen ihre Zeit und ihr Know-how ein und kommen mit den Einrichtungen in Kontakt“, sagt Organisatorin Claudia Seehusen. Für Edding-Personalleiter René Freyer bedeutet das, gut 100 Portionen Essen zu kochen. „Das war schon anspruchsvoll, aber mir gefällt es, selbst aktiv zu werden und aus mir herauszukommen. Die Arbeit im HerzAs ist unsere diesjährige Teambuilding-Maßnahme.“ HerzAs-Leiter Bischke hofft, durch diesen Tag möglicherweise weitere ehrenamtliche Helfer gewinnen zu können. Unter der Woche empfängt er im Schnitt 170 Menschen in der Aufenthaltsstätte. Wenn ab November das Winternotprogramm für Obdachlose an die gegenüberliegende Straßenseite zieht, rechnet er mit deutlich mehr Menschen als er aufnehmen kann.

Dadurch, dass zurzeit viele Flüchtlinge in die Stadt kommen, sei die Fluktuation unter seinen Gästen, von denen er normalerweise die meisten kennt, hoch, sagt Bischke. Patricia Siebel, bei Edding zuständig für den Bereich Umwelt und Soziales, hält genau diese Situation für den richtigen Moment, sich im HerzAs zu engagieren. „Gerade vor dem Hintergrund der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge, finde ich es wichtig, andere Bedürftige nicht zu vergessen.“