Am Hamburger Rathaus

Obdachlosen-Camp entwickelt sich zur "Kloake im Zentrum"

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrich Gassdorf
Der in den 70er-Jahren
errichtete
Allianz-Gebäudekomplex
steht seit
dem Jahr 2012 leer

Der in den 70er-Jahren errichtete Allianz-Gebäudekomplex steht seit dem Jahr 2012 leer

Foto: André Zand-Vakili

Eingänge des leer stehenden Allianz-Hochhauses verwahrlosen. Bezirk Mitte und Anlieger fordern Eigentümer zum Handeln auf.

Altstadt. Das Rathaus und die Handelskammer sind nur einen Steinwurf vom früheren Allianz-Hochhaus entfernt. Auf der einen Straßenseite empfängt Hamburg Könige und Staatsoberhäupter, während schräg gegenüber am Großen Burstah immer mehr Obdachlose campieren.

In dem verwinkelten überdachten Eingangsbereich des leer stehenden Bürohauses stinkt es nach Urin. Die Menschen – die meisten sprechen kein Deutsch – hausen hier auf abgewetzten Matratzen. Essensreste und Bierflaschen liegen herum. In einer Ecke türmt sich der Müll.

Sollte die Stadt ein Obdachlosenlager mitten in der City tolerieren?
Es wurden bisher 4179 Stimmen abgegeben.

Auf der Rampe zur Tiefgarage des Gebäudes haben die Wohnungslosen mit Planen und Laken Verschläge zum Schlafen errichtet. Es wurde sogar eine Wäscheleine gespannt. Neben allerlei Unrat liegt hier auch ein Teppich.

Längst ist das Allianz-Areal als Brennpunkt bekannt: „Diese Immobilie hat sich, nachdem sie bereits mehr als zwei Jahre leer steht, zu einer absoluten Kloake im Zentrum Hamburgs entwickelt. Viele unserer 45 Mitarbeiter haben sich über den Gestank und die Verwahrlosung der Umgebung mehrmals bei mir beschwert“, sagt Thomas Schwieger. Der Unternehmer ist geschäftsführender Gesellschafter der benachbarten, traditionsreichen Import- und Exportfirma Hüpeden & Co. Schwieger ist entsetzt über die Zustände auf dem Allianz-Areal: „Ich selbst empfinde es als eine Schande, was sich im Herzen unserer Heimatstadt entwickelt, während wir uns obendrein für die Olympischen Spiele bewerben.“ In einem Brief an das Bezirksamt Mitte hat Schwieger seinen Ärger über die Situation bereits kundgetan und darum gebeten, die „Immobilie so abzusichern, dass davon keine Gefahr für die Gesundheit der Menschen am Großen Burstah ausgeht“. Auf Abendblatt-Anfrage sagt Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD): „Die Problematik ist bekannt. Es besteht dringender Handlungsbedarf, aber die Stadt ist hier nicht in der Pflicht. “ Da es sich um eine private Fläche handle, sei es Aufgabe des Eigentümers, den Bereich so zu sichern, dass keine Unbefugten dort eindringen können, sagt der Bezirksamtschef.

Vor wenigen Wochen hat die Hamburger Quantum Immobilien AG, die zu den Großen der Branche gehört, den Gebäudekomplex von der IVG Immobilien AG erworben. Eigentlich wollten die beiden Unternehmen hier gemeinsam ein Bauvorhaben mit einem Volumen von rund 250 Millionen Euro realisieren, aber nun macht es die Quantum AG im Alleingang. Die Zustände vor Ort sind Geschäftsführer Frank G. Schmidt bekannt: „Da wir aber erst rein formell in wenigen Wochen offiziell Eigentümer sind, können wir erst jetzt handeln“, sagt Schmidt.

Während Schmidt handeln möchte, hat das die IVG über Jahre offensichtlich nicht getan. Dabei hatten Bezirk und Polizei das Unternehmen auf die problematische Situation aufmerksam gemacht. Die Reaktion der IVG war: „Um zumindest die sanitären Verhältnisse zu verbessern, hat die IVG Dixi-Klos bereitgestellt und betrieben“, sagt ein Sprecher. Ein Dienstleister sei beauftragt worden, um sowohl Einbrüchen vorzubeugen als auch Aktivitäten um das Gebäude herum zu überwachen, sagt der Sprecher.

Der Kirchenkreis hat den Obdachlosen Hilfsangebote gemacht – ohne Erfolg

Der neue Eigentümer will nun aktiv werden: „Wir werden in den nächsten Monaten einen Zaun um große Teile des Gebäudekomplex ziehen und auch entsprechend den Zugang zum Eingangsbereich der Tiefgarage sichern“, sagte Quantum-Chef Schmidt. Dazu hat es laut Schmidt auch eine Einigung mit dem Kirchenkreis Hamburg-Ost gegeben, denen das angrenzende leer stehende Gebäude gehört und die ein Wegerecht für die Zufahrt zur Tiefgarage haben. Der Kirchenkreis hat den Obdachlosen auch Hilfsangebote gemacht – ohne Erfolg: „Es wurde vergebens versucht, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen“, sagt Sprecher Remmer Koch.

Für die Zukunft gibt es große Pläne: Quantum will die rund 7000 Qua­dratmeter große Fläche entwickeln und das Allianz-Hochhaus abreißen. 22.000 Quadratmeter Bürofläche, Einzelhandel und Gastronomie zum Fleet hin und bis zu 75 Wohnungen sollen dort entstehen. Der historische angrenzende Globushof wird erhalten und gehört auch zu dem Areal. Der Architektenwettbewerb wurde bereits im Frühjahr 2014 entschieden.

Ein Abriss des Gebäudes sei nicht vor 2017 realistisch, sagt der Eigentümer

Die historische Bohnenstraße, die bislang durch die Allianz-Immobilie überbaut ist, wird wieder freigelegt und als Straßenraum für Autos und Fußgänger nutzbar. Aber um die zukünftige Verkehrsführung gab es einen Konflikt zwischen der Verkehrsbehörde und dem Bezirk Mitte: „Diese Auseinandersetzung zwischen den Behörden hat sich seit 2012 hingezogen und die Planungen massiv verzögert. Eigentlich hätte schon im November vergangenen Jahres der Aufstellungsbeschluss für das Bebauungsplanverfahren erfolgen können“, sagt Schmidt.

Der Aufstellungsbeschluss soll nun im September kommen. Eine Abrissgenehmigung soll in Kürze erteilt werden, kündigte Bezirksamtschef Grote an. Aber: Ein Abriss des Gebäudes sei nicht vor 2017 realistisch, sagt Quantum-Chef Schmidt.