Eine Wanderung

Der Alstermarsch – von der Quelle bis zur Mündung

Der wohl prominenteste Anblick des Flusses: Im Herzen der Stadt nahe am Rathaus

Der wohl prominenteste Anblick des Flusses: Im Herzen der Stadt nahe am Rathaus

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Reinhardt / picture alliance / dpa

Als Rinnsal nimmt der Fluss seinen Anfang, wird See und verliert sich in der Elbe. Dazwischen ist er Kunstwerk und Abenteuerspielplatz.

Aller Anfang ist schwer – das gilt nicht nur für große Romane, sondern auch für kleine Gewässer. Die Alster, deren Weite der Stadt Hamburg Größe schenkt, ist zu Beginn eine bessere Pfütze. Braun und schmutzig liegt sie da, bedeckt von Gräsern, Blättern und Stöcken, das Wasser scheint zu stehen. Wäre die Quelle nicht ausgeschildert, in Steine gefasst und 1968 mit einer Eisenplatte versehen worden, ich würde sie am Wegesrand stehen und liegen lassen. So dümpelt Wasser allerorten vor sich hin. Aber dieses Wasser ist der Beginn eines Gewässers.

Die Alster ist der wohl bekannteste unter den unbedeutenden Flüssen im deutschen Wasserreich – sie rangiert mit ihren 55 Kilometern „unter ferner liefen“ hinter Größen wie Wiese, Nesse und Alf, übrigens Nebenflüsse des Rheins, der Hörsel und der Mosel. Während Letztere zur Millionenfrage bei Günther Jauch taugen, eignet sich die Alster eher zum Idiotentest. Kennt jeder. Oder?

Die Alster entspringt im Naturschutzgebiet

Nein. Auf den ersten Metern passt das Alsterbild, das in den Hamburger Köpfen fest eingebrannt ist, kaum zur Realität in Henstedt-Ulzburg. Gleich am Rande des Ortes, der in die Natur ausfranst, liegt das Quellmoor. Ein paar Schritte, schon bin ich da. Und verliere die Alster, die sich neben dem Weg versteckt, aus dem Auge: Der Hein-Timm-Weg, benannt nach einem Volkssänger und Haifischbar-Barden, besticht als Waldidyll. Die Oberalsterniederung ist ein 907 Hektar großes Naturschutz­gebiet, das sich an den noch jungen Fluss schmiegt.

„Dafür haben wir lange gekämpft“, sagen Margarethe und Karl David, die an diesem Vormittag durch das Quellland wandern. „Die Landwirte waren gegen das Naturschutzgebiet.“ Die beiden Henstedt-Ulzburger sind seit Jahrzehnten im Nabu aktiv, haben erlebt, wie erst das Schlappenmoor unter Schutz gestellt wurde und dann 2004 die große Erweiterung kam. Sie kennen die Oberalsterniederung genau: „Das ist unsere zweite Heimat.“ Sie kommen ins Schwärmen über das Schlappenmoor, die Orchideenwiese mit rund 2000 Orchideen, die Artenvielfalt mit Eisvogel, Wachtelkönig, Bekassine. Und doch: „Früher gab es beispielsweise viel mehr Brachvögel“, sagen die Davids. „Der Schwund ist unübersehbar.“

Die Alster gerät aus dem Blick, mehrfach wechsele ich das Ufer, ohne das sich windende Flüsschen wahrzunehmen. Mal verschwindet es hinter einem Dickicht, in einer Moorwiese, in einem Birkenbruch. Wie schön wäre ein Weg, der direkt am Wasser entlangführt – doch der Alsterwanderweg wird erst in Kayhude beginnen. Der an einen Baum gepinselte Hinweis „Poppenbüttel 20 Kilometer“ führt in die Irre; die Route ist deutlich länger. Und den einen Weg gibt es nicht.

Über der Oberalsterniederung wölbt sich ein endloser norddeutscher Himmel

Ich halte mich südlich der Alster, wo eine Eichenallee gen Osten führt. Hier hören die Orte auf so seltsame Namen wie Horst oder Hohenhorst, offensichtlich Verwandte. Die Alster lässt sich selten sehen, aber sie lässt sich erahnen. Die letzte Eiszeit hat das Land geprägt, hier staute sich einst das nach Osten fließende Wasser an einer Gletscherfront. Der Eisstausee ist lange verlandet, zurück blieb ein sanft gewelltes Land, Sümpfe, Moore – und die Alster. Ein schönes Land, eine entschleunigte Landschaft.

endloser norddeutscher Himmel, unter ihnen die Weide bis zum Horizont. Ich begegne nur wenigen Menschen, die ihr Tempo der Landschaft angepasst haben. Ohne Hast bummeln sie mit dem Fahrrad den schmalen Asphaltweg entlang, eine ältere Dame singt. Ein Bullerbü-Land.

Der Mühlenbach als rechter Nebenfluss wird renaturiert

Und doch modern: In Togenkamp springt der QR-Code des kleinen Ortsteils von Henstedt-Ulzburg ins Auge. Der Internetauftritt verrät, Togenkamp „besteht nur aus ein paar Häusern, und hier wohnen mehr Kühe, Pferde, Bienen, (manchmal) Schafe, Hühner usw. als Menschen.“ Nun gut, darauf wäre man auch noch ohne Internet gekommen, aber auf der Webseite stellen sich Einwohner mit ihren Webseiten vor. Das World Wide Web, es reicht bis Togenkamp.

Kurz hinter dem Ort weicht das Netz dem Nass. Im Schlappenmoor treffe ich endlich wieder auf die Alster – ein amphibisches Reich voll herber Schönheit und Mücken. Libellen wie die Weidenjungfer entlohnen den Wanderer für den Abstecher. In diesem Wasserland streben alle Wasser zu Alster und Elbe hin. Der Mühlenbach als rechter Nebenfluss wird derzeit von der EU renaturiert.

Die einsame Straße nach Wilstedt teile ich mit wenigen Autos und einem Fuchs, der die Fahrbahn quert. Dieser Gemeindeteil von Tangstedt wirkt wie ein norddeutscher Bilderbogen:

Ortseingangsschild, Reetdachhäuser, freiwillige Feuerwehr lädt zum Grillfest auf dem Dorfplatz, Kriegerdenkmal, Bayern-München-Fahne im Vorgarten, Ortsausgangsschild.

Dahinter wartet der härteste Teil der Alsterwanderung – einige Hundert Meter entlang der Kreisstraße ohne Fahrradweg, passend dazu hat der Himmel seine Schleusen geöffnet, und viele Autofahrer halten das Teilstück zwischen Wilstedt und Wakendorf II offenbar für eine Passage des Nürburgrings. Erst Horst verspricht Linderung. Dieses Mal heißt die Ortschaft Fahrenhorst wie der Fußballer Frank, der zweimal das Nationaltrikot überstreifen durfte.

Unspektakulär zieht sich eine schmale Straße gen Norden. Wiesen und Weiden säumen den Weg. Ich wandere durch eine Landschaft, die einem Testbild gleicht, weil in ihr so wenig passiert. Ein paar Bäume stehen auf der Weide, ein paar Kühe schlendern durchs Panorama, ein paar Schäfchenwolken fliegen durch die Himmelskulisse. Irgendwo dahinter verbirgt sich die Alster. Sie ist eine scheue Schönheit. Erst in Naherfurth bekomme ich sie wieder zu fassen.

Das Café Alsterwiesen trägt seinen Namen zu Recht, auch wenn eine Seite direkt an der B 432 liegt. Seit zwei Jahren hat Brigitte Röttgers in einem alten Bauernhof eine Mischung aus Kiosk, Bäckerei und Café integriert. „Hier frühstücken morgens die Handwerker, und nachmittags essen Ausflügler Kuchen“, sagt Röttgers. Besonders stolz ist sie auf die „wechselnden Landfrauentorten“. Sie sehen in Höhe, Breite, Konsistenz, Kalorien und Fruchtgehalt nicht nur so aus, wie sich Städter eine Landfrauentorte vorstellen, sie werden auch von zwei Frauen aus dem Dorf nach alten Rezepten gebacken. Ihr Wunsch für das Café Alsterwiesen? „Es wäre schön, wenn man endlich an der Alster entlanglaufen könnte.“

In Kayhude führt man akribisch Statis-tiken über die heimischen Störche

Auch in Naherfurth darf man die Alster, die langsam zum Flüsschen herangewachsen ist, nur überqueren, ihr aber nicht folgen. Während sie sich ostwärts schlängelt, schlage ich den Weg Richtung Südosten ein. Der Frust über den Alsterverlust schlägt rasch um: Da, ein Storch. Und da, noch einer. In aller Seelenruhe suchen beide auf einer gemähten Wiese nach Dickmachern. Im Dorf Kayhude, das ich bald passiere, führt jemand akribisch Statistik über Meister Adebar. Mal kommt er Anfang April zu seinem Horst, dann erst im Mai, in den Süden bricht er mal am 23. August oder erst im September auf. Geblieben ist er nie und doch stets wiedergekommen.

Alsterstieg, Am Alstergrund – der Fluss ist in Kayhude allgegenwärtig. Doch auch hier lassen sich immer nur Blicke erhaschen, man wandert durch deutsche Doppelgaragen-Herrlichkeit. An der ersten Schleuse wird gebaut. Als ich gerade beginne, am Vorhaben Alstermarsch zu zweifeln, kommt der Alte Heidkrug. Und alles wird anders. Hier, an der alten Straße zwischen Hamburg und Bad Segeberg, steht ein altes Wirtshaus oberhalb der Alster, dahinter beginnt der Alsterwanderweg, und endlich bin ich in der Natur. Es wird überraschend hügelig, oben thront ein herrlicher Buchenmischwald, unten zieht eine juvenile Alster verspielt Schleifen. Nur die nahe Kreisstraße übertönt noch das Vogelgezwitscher. Schon nach 500 Metern wartet eine Schutzhütte auf die Wanderer. Der Blick fällt auf einen Waldsee mit Seerosen und imposanter Trauerweide, hier kreuzen der Hanseatenweg von Hamburg nach Stettin und der Jakobsweg von Lübeck bis Santiago de Compostela. In Wurfweite liegt ein Ausflugslokal, doch wer nach 500 Metern schon eine Rast benötigt, wird nie nach Hamburg gelangen. Vielleicht der Versuch, das Fehlen jeder Wanderer-Infrastruktur auf den ersten rund 18 Kilometern überzukompensieren.

23 Schleusen sollten den Alster-Beste-Trave-Kanal schiffbar machen

Ich gehe weiter zur Sandfelder Schleuse. Als Stauwehr sollte sie im 16. Jahrhundert Hamburg mit Lübeck über dem Wasserweg verbinden – eine Urgroßmutter des Nord-Ostsee-Kanals. 23 Schleusen sollten den Alster-Beste-Trave-Kanal schiffbar machen, doch die Wirklichkeit sah anders aus: Wegen eines maximalen Tiefgangs von 80 Zentimetern mussten die Boote von Menschen oder Pferden gezogen werden. 1550 führten Wassermangel und Sabotage zur Aufgabe.

Durch einen menschenleeren Wald wendet sich der Weg gen Süden. Ein Waldspaziergang der gemütlichen Art, der immer wieder Blicke auf das gegenüber liegende Steilufer gewährt. Ein paar hübsche Häuser liegen in der Waldeinsamkeit. Und während ich noch darüber nachsinne, ob man hier leben möchte, fällt mir ein kleines Schild ins Auge: „Atemhaus“. Klingt ein bisschen nach Helene Fischer.

Im Wald betreibt die Heilpraktikerin und Atemtherapeutin Britta Jacob eine „Praxis für Atem, Bewegung, Haltung und Stimme“. Offenbar besteht dafür Bedarf. „Die Therapie ist für Menschen, die nach innen spüren wollen, ihre inneren Räume wahrnehmen möchten, spüren, was in ihnen ist“, sagt Britta Jacob. Klingt etwas versponnen, aber richtiges Atmen soll der Gesundheitsvorsorge dienen. „Über den Atem sind wir mit allen Organsystemen verbunden.“ In Einzel- und Gruppentherapie bietet Jacob Atemübungen und -massage an. Die Therapie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts aus fernöstlichem Wissen, westlichen Lehren und Elementen von Gymnastik, Tanz und Psychotherapie – Jacobs liebevoll gestalteter Garten mit fernöstlichen Anklängen ist ein Remix dieser Geschichte. Darunter plätschert die Alster. „Das Wasser, das fließt, hat etwas Ausgleichendes. Und der Blick schenkt Ruhe und Entspannung.“

Ein Sandstrand an der Alster

Ruhe und Entspannung schenken mir die Wälder zwischen Tangstedt und Wulksfelde im Übermaß. Hin und wieder schmiegen sich einige Gärten an den Fluss, die mit ihren Toren, Blumen und Bäumen Kunstwerken gleichen. Der Autoverkehr, ja alle Zivilisationsgeräusche, sind weggedimmt, der Wanderer beginnt neu zu sehen, zu hören und zu empfinden. Die Eiche dort ist wie ein überdimensioniertes Victory-Zeichen gewachsen, da drüben möchte man den Baum hochklettern, und der kleine Sandstrand hier lädt die Alster mit überraschend klarem Wasser zum Bade – allerdings ist wegen der Tiefe (oder heißt es Seichte?) nur ein Fußbad möglich.

Inzwischen ist das Flüsschen ein treuer Begleiter, der einem Hund gleich mal ein wenig fortläuft, aber immer zurückkehrt. Plötzlich tauchen zehn richtige Hunde auf, die ausgelassen an langen Leinen tollen: Ein Schäferhund ist dabei, ein Labrador, ein Schweizer Sennhund, ein Mops, ein paar Mischlinge. Für 25 Euro bietet Anneke Luwald eine Ganztagsbetreuung für Hunde an. Die hauptberufliche Hunde­sitterin hat die Vierbeiner aus Barmbek hinter die Stadtgrenze gefahren. „Hier können sie baden, schnuppern, laufen“, sagt Luwald. „Die Hunde kennen sich und orientieren sich in der Gruppe aneinander. Die verhalten sich ganz anders als zu Hause“, sagt die Hunde­sitterin. „Da sind Hunde genau wie Kinder.“ Luwald kommt gern in den Wald, der viel Platz und noch mehr Freiheit bietet. „Ich verlaufe mich noch regelmäßig“, sagt sie lachend – da ziehen die Hunde sie schon davon.

Wandern im Wald verzaubert durch die Leichtigkeit des Seins. Überraschend taucht ein Schild „archäologisches Denkmal“ am Wegesrand auf. Der zugewucherte Trampelpfad soll zu Resten eines Langbetts führen. Etwas ziellos schlage ich mich durchs Dickicht, fündig werde ich nicht. Vermutlich mangelt es mir an der Expertise für die jungsteinzeitliche Trichterbecherkultur. Ohne sie geht es weiter durch den Mischwald, in den sich vermehrt Kiefern und Fichten gesellen und überall Waldweidenröschen blühen, Richtung Wulksfelde. Wie störend Autos sein können, weist der Wald. Eine Kreuzung auf der Landstraße gleicht einem Zivilisationsschock. Immerhin tauche ich danach rasch wieder in der Wald ein, bis das Gut Wulksfelde kommt. Der Ökohof blickt auf eine bewegte Geschichte. Im Jahr 1989 beschloss der Hamburger Senat, die 260 Hektar der landwirtschaftlichen Fläche des Staatsguts Wulksfelde zu verpachten. Zwingende Auflage war, die Flächen auf ökologische Wirtschaftsweise umzustellen. Die „Bild“-Zeitung wähnte damals „Chaoten auf Staatsgut Wulksfelde“ und sollte sich gewaltig täuschen. Denn in dem folgenden Vierteljahrhundert verwandelten die vermeintlichen Chaoten das herunter­gekommene Gut in einem Vorzeige­betrieb mit großem Hofladen, eigener Bäckerei, einem Lieferservice und einem Restaurant.

Seit sechs Jahren betreiben Rebecca und Matthias Gfrörer die Gutsküche. Ihr Weg führte sie über New York, Berlin und Dubai nach Hamburg. „Wir wollten in den Norden zurück“, erzählt Rebecca Gfrörer. Sie fanden den Biohof in Wulksfelde, der perfekt zu ihrem Traum passte. Ein Großteil der Zutaten kommt direkt vom Gut – aus einem der 15 Gewächshäuser, von den 283 Hektar großen Ackerflächen, auf denen Getreide sowie Kartoffeln und Erdbeeren wachsen, und aus der eigenen Tierzucht. „Kochen ist nicht Aufwärmen von Dingen aus der Tüte oder Dose, sondern es geht darum, das zu professionalisieren, was Mutter und Großmutter mit Liebe zubereitet und wir früher gern gegessen haben.“ Der Blick in die offene Küche vergrößert den Hunger des Wanderers.

Ein einfaches Schild markiert die Grenze zu Hamburg

Hamburg liegt nun zum Greifen nah, doch von der Metropole ist nichts zu spüren. Schmetterlinge und Libellen sind meine Begleiter. Die beschauliche Alster macht den wilden Max: Sie hat den Weg unweit von Wulksfelde weggefressen; er musste stabilisiert werden. Natürliche Altarme erzählen von der Kraft des seichten Wassers, das sich immer neue Wege gräbt.

Dass Schleswig-Holstein hinter mir liegt, verrät kein Grenzstein, sondern ein einfaches charakteristisches Straßenschild in Blau. „Suurwisch“ ist das hamburgische Lebenszeichen, ich stehe in Duvenstedt. Die Landschaft bleibt dörflich: Pferdekoppeln, Weiden, Wald. Doch dann spuckt mich der Alsterwanderweg in der Wohnstraße Op’n Möhlnrad aus. Kurz darauf überquere ich auf der Triftwegbrücke die Alster, hier rauscht sie, als wolle sie in der Stadt endlich ein Fluss sein, ernst genommen werden.

In der Stadt ist das Alsterufer plötzlich privatisiert. Immer wieder zwingen Villen, die direkt ans Wasser heranreichen, zu Umwegen. Erst im Rodenbeker Quellental, seit 1977 Naturschutzgebiet, öffnen sich wieder Weg und Landschaft und lassen erahnen, warum die Walddörfer eben Walddörfer heißen. Hier, auf Hamburger Stadtgebiet, sind neben Hanseaten auch Eisvogel oder breitblättriges Knabenkraut zu Hause.

Die Wälder sind menschenleer. Seltsam – wo sind all die Leute hin?

Seltsam, wie wenig Menschen man trifft. Vor allem: Wo sind die Kinder hin? Ein großer Spielplatz liegt verwaist da, auf einem anderen picknicken vier Senioren. Ein Außerirdischer, der hier landete, würde glauben, jeder Mensch hätte einen Hund oder zwei Stöcke an den Händen. Die Alster nimmt an Wasser und Breite zu, sie windet sich durch eine beeindruckende Endmoränenlandschaft Richtung Elbe – und nimmt mit den Wassern von Ammersbek, Drosselbek, Bredenbek, Saselbek, Rodenbek und Horstbek (Horst – da isser wieder) Fahrt auf.

Die Natur weicht nicht, sie hält dagegen. Wie grün kann eine Metropole sein? Wie einsam eine Millionen-City? Wie dörflich eine Stadt? Hamburgs Antwort lautet: ziemlich. Flächenfraß, Versiegelung und Asphaltierung? Nicht hier, dank der Unterschutzstellung durch die Umweltbehörde.

Kurz hinter dem Quellenhof wirft Bartolmiej Baczek seine Angel ins Wasser. Im Rodenbeker Teich, Vereinsgewässer des Sportfischervereins Rahlstedt, tummeln sich Karpfen, Schlei, Hecht, Barsch, Aal, Weißfische. Baczek angelt seit 30 Jahren und brachte seine Leidenschaft mit in seine neue Heimat. „Hier ist mein Lieblingsplatz“, sagt der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. „Der Platz ist herrlich, das Wasser sauber.“

Vor dem Alstertal-Einkaufszentrum sitzen junge Menschen in Cafés und Eisdielen

Das war nicht immer so: Noch 1983 nannte der „Geo“-Umweltatlas das Baden in der Alster „ein gesundheitliches Risiko“, der Fluss galt als „kritisch belastet“, in einigen Bereichen sogar als stark verschmutzt. Die gute alte Zeit, sie war ziemlich lausig.

Für einige Hundert Meter verabschiedet sich die Alster wieder – ich schlage mich durch Wohngebiete. Aber bevor sich ein falscher Eindruck aufdrängt, ich mich am Ende der Wildnis wähnte, künden sich mit dem Hainesch-Iland und dem Hohenbuchenpark zwei weitere Waldgebiete an. Die Alster dreht zwei spielerische Schleifen – Gasthöfe laden zum Verweilen und zu schönen Momenten ein. Zunächst an der idyllisch gelegenen Alten Mühle in Bergstedt, dann an der derzeit geschlossenen Mellingburger Schleuse in Sasel. Die alte Erdhügelburg, die bis in das 8. Jahrhundert zurückreicht, sucht im 21. Jahrhundert eine rechte Verwendung. Einen Steinwurf entfernt dämmert eine amphibische Welt, in der Wasser und Wald verschwimmen. Seltsam, wie einsam es hier zugeht. Wo sind die Menschen hin?
Die Antwort bekomme ich zwei Kilometer weiter am Alstertal-Einkaufszentrum: Hier sitzen sie, junge Leute vor Coffeeshops und Eisdielen, Mütter mit ihren Kinderwagen, geschäftige Senioren. Was eben noch Alltag war, wirkt nach Stunden im Wald entrückt. Wahnsinn, wie schnell das geht. Aber es geht auch andersherum – schon an der S-Bahn ist der Alsterwanderweg ausgeschildert, nach einigen Hundert Metern hat mich die Natur zurück. Dunkle Wolken sind aufgezogen, wenig später kommt der Regen aus allen Richtungen zugleich. Er muss nicht einmal prasseln, er ist zielgenau genug, um jeden Wanderer komplett zu durchnässen. Aber der Regen verwandelt die Landschaft. Das Grün wird intensiver, zerfällt in ein Spektrum unterschiedlichster Abstufungen. Jedes Blatt, jeder Baum bekommt sein eigenes Grün, ob Buche, Holunder, Birke oder Erle.

eingeschnittenes Tal die Urwucht der eiszeitlichen Alster erahnen, dann zieht sich der Fluss verstohlen zurück und überrascht vor Wellingsbüttel sogar mit kleinen Stromschnellen. Hie und da drängen sich Villen an die Alster, aber sie fügen sich in die Landschaft ein. Das Herrenhaus Wellingsbüttel kündet von der Geschichte, als dieser Fleck noch Rittergut und kein Stadtteil war. Im Torhaus ist das Alstertalmuseum, nebenan ein Café. Würde man in allen Gaststätten an der Alster einkehren und ein Bier oder einen Kaffee trinken, man würde spätestens in Ohlsdorf wanken oder zittern.

Unweit des Grünen Winkels steht etwas verloren eine Reckstange. Sie erinnert an die Trimm-Dich-Pfade, die in den 70er-Jahren in jeden Wald geschlagen wurden und heute so veraltet wirken wie ein Waschbrett oder Käseigel. Heute trimmt man nicht mehr, heute wackelt man nordisch. Auch der Alsterwanderweg ist längst „Nordic Walking Park“. Unüberhörbar bedrängen die Wellingsbütteler Landstraße und die Alte Landstraße den Grünzug entlang der Alster, doch abgesehen vom Lärm der Straßen erhält sie bis in den Teetzpark hinein die Illusion einer malerischen Flussidylle aufrecht.

Doch die Zivilisation naht. Ich treffe die ersten Jogger, Angler, es wird urbaner mit Spiel- und Sportplätzen. Und an der ersten großen Brücke prangen Graffiti. Dann, am Ratsmüh­lendamm, tritt die Alster aus dem Dickicht und wird erwachsen. Schlagartig wandelt sich das Bild in Ohlsdorf.

Am Woermannsweg fassen klassische Siedlungsbauten der 20er-Jahre die Alster ein – von nun an baut die Stadt nahe am Wasser. Oder sogar auf ihm: Die Fuhlsbüttler Schleuse sollte schon im Baujahr 1912 eine Turbine bekommen, erst 2000 war es dann so weit: Heute produziert das Wasserkraftwerk Strom für 200 Haushalte. Unterhalb der Schleuse beginnt das Werk des großen Hamburger Architekten Fritz Schumacher. Von hier an fließt der Fluss weitgehend kanalisiert als Gesamtkunstwerk. Durch ein Portal betritt man Schumachers Reich, das die Alster mit Böschungsmauern, Terrassen und Becken einfasst. Hier wirkt nur wenig dem Zufall überlassen; die Grünflächen sind gestaltet, jede Trauerweide gleicht einer Inszenierung. Wie viele Städte beneiden Hamburg um diese Parklandschaft, die wir längst als etwas Selbstverständliches hinnehmen und oft übersehen?

Die Parzellen der Laubenpieper reichen bis ans Wasser

Eine Alsterwanderung weitet den Blick auf die Stadt und versöhnt mit Hamburg. Auf einer Brücke steht eine kleine Bibliothek mit antiquarischer Literatur. Unbekannte haben den kleinen Buchschrank gezimmert, aus dem sich jeder Passant bedienen kann. Eine schöne Geste, ein Sieg über Amazon und die Altpapiertonne. Weiter führt der Weg durch einen Kleingartenverein, in dem viele Parzellen bis ans Wasser reichen. Gegenüber thronen Villen, in denen man viel Fantasie und noch mehr Geld benötigt, um sämtliche Zimmer zuzustellen; hier finden Laubenpieper ihr kleines Glück auf wenigen Quadratmetern Grün. Nein, durchkapitalisiert und verwertet ist die Stadt nicht: Hamburg ist weder Shanghai noch New York.

Und viele Hamburger machen ihre Stadt selbst. Ein Edelstein der Perlenkette der Alsterparks leuchtet an der Meenkwiese. Bürger haben vor zwei Jahren den Park für sich entdeckt und ein kleines Paradies gestaltet. Dort blühen bunte Blumen, im Künste-Garten darf man Wünsche und Weisheiten in einen Baum hängen. Die einen möchten „Glück, Zufriedenheit & a good job“, andere werden philosophisch: „Manchmal müssen wir uns von dem Leben trennen, das wir geplant haben, um das Leben zu finden, das auf uns wartet.“

Auf mich warten die letzten Kilometer. Die Alster verwandelt sich in eine Straße, eine Wasserstraße. Walter Moldenhauer vermietet am Haynpark im Bootshaus Silwer Kanus, Kajaks, Tretboote, historische Boote und fahrbare Schwäne. Rund zehn Verleiher gibt es rund um die Alster. „Am Wochenende sind wir oft ausgebucht“, erzählt Moldenhauer. „In der Woche ist es hingegen oft ruhig.“ Er empfiehlt besonders die Touren zur Schleuse in Ohlsdorf oder in die Kanäle hinein. Sein Lieblingsplatz aber ist der Bootsverleih: „Meine Romantik ist hier.“ Die Alster zu Füßen, die Sonne im Nacken und immer was los. Erst kürzlich, erzählt Moldenhauer, sei eine Braut im Hochzeitskleid ins Wasser gefallen.

Das Aufstauen der Alster war eine der cleversten Ideen der Vorväter

Am Leinpfad entlang spaziere ich durch ein Hochglanzpanorama. Die Patrizierhäuser haben sich heraus­geputzt, sie strahlen so weiß um die Wette, als gelte es, sich noch deutlicher vom Blau, Rot und Gelb der zahlreichen Stadtrundfahrtbusse abzuheben. Hier ist Hamburg ganz bei sich.

Und dann der Blick: Am Ende des Leinpfads präsentiert sich der See, der eigentlich ein Fluss ist. Es zeigt sich die Stadt, deren Silhouette noch nicht entstellt ist. Und darüber hängt der große, weite Hamburger Himmel. Blau können viele Städte, aber so stahlgrau, das schafft nur das Hamburger Wetter. Stadt, Himmel und Alster bilden den Hamburger Dreiklang, am schönsten kann man ihn auf der Krugkoppelbrücke aufnehmen.

Die Alster war eine der cleversten Ideen der Vorväter. Im Jahre 1190 stauten die Hamburger Alster, Wandse und Osterbek zum See, vor 400 Jahren trennten dann die Wallanlagen Außen- und Binnenalster. Was einstmals eine Kornmühle antreiben sollte, ist heute Segelrevier, Naherholungsgebiet, Sportstadion, Park und Abenteuerspielplatz in einem. Seit dem 19. Jahrhundert ist er auch Ruderrevier – hier sind die beiden ältesten Ruderclubs des Kontinents beheimatet: der Hamburger und Germania Ruder Club und Favorite Hammonia.

Ruderer sind Sportler und Puristen. Detlef Grauert vom Ruder-Club Favorite Hammonia legt sich seit 1962 in die Riemen und ärgert sich mitunter über „Schmalzgondeln“ und Stehpaddler. „Inzwischen ist hier einfach zu viel Verkehr“, sagt er. „Morgens um sechs Uhr geht es noch“, aber am Nachmittag sei Leistungssport kaum noch möglich. Die Jugendlichen müssten längst mit der Bahn zur Dove Elbe fahren.

Es geht auf die Zielgerade. Unter der Kennedybrücke zeigt sich ein anderes Hamburg: Dort leben Menschen unter Brücken. Ein Dutzend Zelte reiht sich an die Alster, jetzt am Tage ist das Lager leer. Wäsche hängt zum Trocknen heraus, einige Habseligkeiten liegen verstaut in Einkaufswagen, sogar ein Basketballkorb haben die unbekannten Bewohner aufgestellt. Auch das ist Teil der Wirklichkeit in Hamburg im Jahr 2015.

Auf dem Ballindamm fühle ich mich wie in einer begehbaren Postkarte

Schon wenige Meter weiter zeigt sich ein kontrastierendes Bild: Auf dem Ballindamm fühle ich mich wie in einer begehbaren Panoramapostkarte. Ein weiteres Geschenk des Baumeisters Fritz Schumacher: Seine strengen Gestaltungssatzungen für Rathausmarkt, Kleine Alster, Binnenalster und Außenalster gelten und prägen die Stadt bis heute. Über die Reesendammbrücke, die mir beim Triathlon stets das Gruseln gelehrt hat, biegt der Alsterwanderweg am Jungfernstieg in die Arkaden ab. Hier laufe ich abgekämpft und in Wanderstiefeln zwischen Cafétischen und üppigen Auslagen. Doch schon hinter der Poststraße verliert sich das Leben. Auf der Schattenseite des glitzernden Neuen Walls bin ich fast allein, der Alsterwanderweg wirkt eher wie ein überdachter Raucherhof. Richtig bitter wird es an der U-Bahn-Station Stadthausbrücke. Zwar hat der Wanderweg sogar einen eigenen Ausgang, die aber eher wie eine Fluchttür anmutet: Es stinkt, die Wände sind beschmiert, der Boden übersät mit Taubendreck.

Nur wenige Meter später kehre ich zurück ins ästhetische Hamburg – unter den Arkaden des Steigenberger Hotels fühle ich mich wie in dem Seitenschiff einer Kirche. Schritt für Schritt schiebt sich die Elbphilharmonie in den Blick. Die Alster scheint auf sie zuzufließen. Die Elbphilharmonie, sie ist auch eine Alsterphilharmonie.

Erst auf den letzten Metern verabschiedet sich Hamburgs prägender Fluss, wie er 56 Kilometer zuvor entsprungen ist. Komplett zugebaut. In Henstedt-Ulzburg ist es eine Eisenplatte, am Baumwall viel Beton: Die Schaartorschleuse, das Hochbahn-Viadukt und die Otto-Sill-Brücke. Hier verliert sich der Reiz des Wanderwegs wie das Wasser der Alster in der Elbe. Aber die vielfältigen Eindrücke, sie bleiben.