Radrennen

Cyclassics: Die große Tour der 22.000 Jedermänner

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Achim Leoni

Die Jedermänner dürfen bei den Cyclassics am Sonntag gleich zweimal über die Köhlbrandbrücke fahren. Die Profis starten erstmals in Kiel.

Hamburg.  Eine Endrunde um die deutsche Hockeymeisterschaft? Nein, das war nicht die Art von Veranstaltung, bei der sich die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) gern als Sponsor engagiert hätten. Zu klein, zu begrenzt, wurde Christian Toetzke auf seine Anfrage hin beschieden. Aber was halte er davon, stattdessen ein Radsport-Event zu entwickeln? Eines, das die Massen bewegt und breite Teile der Bevölkerung als Zuschauer anspricht?

Die Welt wird wohl nie erfahren, was aus der Hockey-Endrunde geworden wäre, wären die HEW damals eingestiegen. Aber die Welt weiß längst, was aus der Idee mit dem Radsport geworden ist: das größte Rennen Europas, das mit seiner innovativen Verbindung von Profi- und Breitensport seit der Erstauflage 1996 für unzählige Veranstaltungen Pate gestanden hat.

An diesem Sonntag rollen die Cyclassics zum 20. Mal durch die Stadt – und zum letzten Mal übernimmt der HEW-Nachfolger Vattenfall die offizielle Funktion des Veranstalters und Titelsponsors. Der Energieversorger überlässt der Agentur Lagardère Unlimited Events, die aus der von Toetzke gegründeten Agentur Upsolut hervorgegangen ist, die Rechte am Markennamen Cyclassics. Vattenfall hatte bislang Schätzungen zufolge rund ein Drittel des Veranstaltungsetats von etwa 2,5 Millionen Euro bestritten.

Einen neuen Geldgeber dieser Größenordnung hat Lagardère bislang noch nicht gefunden. „Wir sind aus Respekt vor dieser einzigartigen Partnerschaft aber auch noch gar nicht in konkrete Verhandlungen eingestiegen“, sagte Geschäftsführer Kai Rapp, Toetzkes Mitstreiter der ersten Stunde. Sie würden in Kürze aufgenommen.

Am Ende scheinen die Cyclassics jedenfalls nicht zu sein. Zum Jubiläum – und zum Abschied – präsentiert sich das Rennen sogar in neuem Glanz. Erstmals ist die Weltelite der Sprinter in Hamburg komplett vertreten, angeführt von den deutschen Tour-de-France-Etappengewinnern Marcel Kittel und André Greipel. „Es ist das mit Abstand stärkste Starterfeld unserer Geschichte“, sagte Rapp, „eines, um das uns mancher Klassiker beneidet“. Und das ganz ohne Startgelder, wie sie Rapp noch bei der Premiere einem zweifelhaftem Manager im Schummerlicht des Kellers eines Hamburger Steakhauses bar ausgezahlt hat.

Neu ist, dass die Profis von Kiel aus ins Rennen gehen, aus dem Bauch einer Schwedenfähre der Stena Line. Um 10.55 Uhr gibt Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) den Startschuss, dann geht es über Preetz und den Plöner See, Bad Segeberg, Kaltenkirchen und Pinneberg, bevor das Feld auf die bereits bekannte Westschleife einbiegt (s. Karte).

DER LEITARTIKEL ZU DEN CYCLASSICS

Etwa 80.000 Euro werden für die Absicherung der neuen Strecke und die technischen Vorrichtungen zur Fernsehübertragung fällig. Für Sportstaatsrat Christoph Holstein eine lohnende Investition im Hinblick auf die Hamburger Olympiabewerbung: „Es ist wunderbar, dass der Kurs die beiden potenziellen Standorte der Spiele 2024 verbindet.“

Das Konzept ist allerdings älter als die Kür der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zum möglichen Austragungsort olympischer Segelwettbewerbe. Und es hätte wohl auch über einen negativen Bürgerentscheid zu Olympia am 29. November hinaus Bestand. Laut Rapp „sind die Vorzeichen gut, dass der Start in Kiel bleibt“. Mit dem Rennen hofft Lagardère, auch den Kreis potenzieller Sponsoren nach Norden auszuweiten.

Für die 22.000 Jedermänner und -frauen bedeutet die Neuerung, dass sie der Elite zwar nicht mehr wie bisher im Hafen begegnen. Dafür steht die Köhlbrandbrücke als Höhepunkt gleich zweimal auf dem Programm. Zudem erfolgt der Start für die 100- und die 155-Kilometer-Strecke erstmals an der Shanghaiallee und rund eine Stunde später als bisher.

Die Entzerrung eröffnet Spielraum, um das Rennen 2016 weiterzuentwickeln. So ist geplant, eine kürzere Strecke ins Programm aufzunehmen und so auch die Gruppe der Alltagsradler anzusprechen, die vor 55 Kilometern möglicherweise zurückscheuen. Mehrere Tausend zusätzliche Teilnehmer hält man bei Lagardère für möglich. Auch so ließe sich der Vatten-Ausfall zumindest teilweise kompensieren.

Was Sponsoren den Einstieg erleichtern dürfte: Erstmals nach sechs Jahren des Schweigens berichtet die ARD wieder live vom einzigen deutschen Rennen auf der UCI World Tour (ca. 15.35 bis 16.30 Uhr), per Livestream auf sportschau.de sogar durchgehend von 14 Uhr an. „Für uns bedeutet das eine Zäsur und bestärkt uns auf unserem weiteren Weg“, sagte Rapp.

Kurzentschlossene können das Jubiläum noch aktiv mitgestalten. Für die Jedermannstrecken stehen noch Reststartplätze zur Verfügung. Anmeldungen am Gänsemarkt (Sonnabend 10 bis 19.30 Uhr, Sonntag 6 bis 6.45 Uhr).

Verkehrshinweise

Sperrungen abseits der Rennstrecke

Jungfernstieg Wasserseite bis Montag, 8 Uhr; Ballindamm/Steinstraße bis Sonntagabend

Startzeiten am Sonnabend (Ballindamm)

Youngclassics (4. Etappe) 16.15 Uhr, Specialclassics (2. Etappe) 18.20 Uhr

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