Pazifik-Staat

Mythen: Auf Forschungsreisen in Papua-Neuguinea

Die Bewohner des Dorfes Vunabaur in Papua-Neuguinea

Die Bewohner des Dorfes Vunabaur in Papua-Neuguinea

Foto: Matthias Gretzschel

13.000 Kilometer von der Elbe an den Pazifik: Wie ein Buchprojekt Hamburg mit einem Dorf in Papua-Neuguinea verbindet.

Mehr als eine Stunde sind wir an diesem heißen Tag Mitte Juli 2015 mit unseren beiden Pick-ups auf ex­trem holprigen Straßen unterwegs. Vor allem diejenigen, die wie ich hinten auf der Ladefläche sitzen, werden kräftig durchgeschüttelt. Dafür entschädigen uns die freundlichen Rufe der Einheimischen, die es sehr amüsant finden, dass sich Weiße auf den unbequemen Außenplätzen durch den Busch schaukeln lassen.

Dann endlich haben wir das Sulka-Dorf Vunabaur erreicht, wo man die Gäste aus Hamburg schon erwartet. Das Dorf ist herausgeputzt; eigens für die zehnköpfige Studienreisegruppe des Hamburger Völkerkundemuseums hat man eine überdachte Tribüne gebaut, auf der auch sonst noch ein paar Ehrengäste Platz nehmen: ein Vertreter der Provinzregierung von East New Britain, zwei Polizeioffiziere und Karl Hesse, der inzwischen emeritierte Erzbischof von Rabaul. Der 78-Jährige stammt aus dem Sauerland, trägt eine Borussia-Mütze und begrüßt uns mit der Bemerkung, dass es der HSV eigentlich nicht verdient habe, noch in der ersten Bundesliga zu spielen.

Antje Kelm erforscht die Mythen der Sulka

Lalu ist nervös, immer wieder pustet er in das Megafon, räuspert sich und gibt ein paar Anweisungen, bis endlich Stille einkehrt. Dann begrüßt der Sulka-Chef die Gäste aus Deutschland und vor allem Dr. Anne, wie die Hamburger Ethnologin Antje Kelm in Papua-Neuguinea genannt wird. Dr. Anne ist Lalus Clanschwester, seit 2002 kommt sie immer wieder hierher, meist unterstützt von der Hamburger Edmund Siemers-Stiftung, um mit ihm und seinem Vater John Sakle über die Mythen der Sulka zu sprechen. Nie ist sie mit leeren Händen erschienen, sondern hat Geschenke mitgebracht, vor allem aber Fotografien jener Masken, die vor mehr als 100 Jahren von hierher nach Hamburg gelangt waren.

1908 waren sechs Hamburger Forscher mit dem Expeditionsschiff „Peiho“ über die Bismarcksee in die damalige Kolonie gekommen. Ein Stück weit fuhren sie damals den Warangoi-Fluss ganz in der Nähe von Vunabaur hinauf und kamen dabei in Kontakt mit den Bewohnern. Die Kunstwerke, die sie von ihnen erwarben, befinden sich seither im ersten Stockwerk des Museumsgebäudes an der Rothenbaumchaussee. Für die Einheimischen waren es damals allein rituelle Gebrauchsgegenstände, die schon nach kurzer Zeit entsorgt wurden. Wie in einer Zeitkapsel haben einige dieser fragilen, aus pflanzlichen Materialien hergestellten Artefakte im 13.000 Kilometer entfernten Hamburg mehr als ein Jahrhundert überdauert.

Wenn Antje Kelm den Nachfahren die Fotografien der Masken zeigte, waren sie fasziniert von der Kunstfertigkeit und Kreativität ihrer Vorfahren. Manche Form und manches Motiv greift Lalu inzwischen wieder auf, wenn er heute Masken gestaltet, die nach wie vor im kultischen Leben der Sulka eine wichtige Rolle spielen. Auf diese Weise sind Kulturgüter, die in der Kolonialzeit nach Deutschland gelangten, nun auf immaterielle Weise in ihr Ursprungsland zurückgekehrt.

Aber den Menschen, die uns an diesem heißen Julitag in ihrem Dorf so festlich empfangen, geht es noch um etwas anderes. Sie wollen mehr über ihre Geschichte hören, die sich für sie nicht nur mit Jahreszahlen und historischen Ereignissen verbindet, sondern eben auch mit jenen Mythen, die von Generation zu Generation mündlich überliefert wurden. Da sie bisher nie aufgeschrieben wurden und sich die traditionelle Gesellschaft der Stämme im erzwungenen Kontakt mit der modernen Welt immer schneller verändert, drohten diese Geschichten für immer verloren zu gehen.

John Sakle, Lalus Vater, der als traditioneller Heiler in der Sulka-Gesellschaft hohes Ansehen genießt, gehört zu den wenigen Menschen, die noch wissen, wie die Welt nach Vorstellung der Sulka entstanden ist. Er kennt noch die Geschichte der Muttergottheit Tamus, mit der alles begann. Auf Anregung von Antje Kelm hat er die uralten Mythen mit Hilfe seines Sohnes Lalu in jahrelanger Arbeit aufgeschrieben und sie der Hamburger Ethnologin anvertraut. Antje Kelm hat diese Texte bearbeitet, von der Landessprache Tok Pisin ins Englische und Deutsche übersetzt, sorgfältig kommentiert und mit finanzieller Unterstützung der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung als reich illustrierte Buchausgabe herausgebracht.

Jetzt steht sie in Vunabaur vor einer großen Menschenmenge und hält das Buch so hoch, dass alle es sehen können. „Children of Tamus/Die Kinder der Tamus – Die Geschichte der Sulka in Papua-Neuguinea“, heißt der Band, der in der Schriftenreihe des Museums für Völkerkunde Hamburg erschienen ist. Atemlos folgen die Menschen der Rede, in der die Ethnologin nicht nur über die Entstehungsgeschichte dieses ganz außergewöhnlichen Buches berichtet, sondern ihnen auch ein Gefühl der Wertschätzung vermittelt, das die Menschen im fernen Europa der reichen Kultur der Sulka entgegenbringen.

„In allen großen ethnographischen Museen der Welt werden die Masken der Sulka bewundert, in allen Fachbüchern über die Südsee-Kunst sind die farbenprächtigen Artefakte dieses Volkes abgebildet, aber bisher weiß kaum jemand etwas über die Geschichte und die Literatur dieser Menschen, die auf einer Insel im Bismarck-Archipel leben“, sagt Antje Kelm, nachdem sie ihre Rede beendet hat und Lalu jene einzigartigen Schirmmasken tanzen lässt, die er eigens für dieses Fest in wochenlanger Arbeit gestaltet hat.

Eine enorme Energie geht von diesen archaischen Tänzen aus, bei denen sich die schweren Masken zu stampfenden Rhythmen, begleitet vom Klang vieler Handtrommeln, kleinen Schlaginstrumenten und eintönigem Gesang, nach einer eigentümlichen Choreographie bewegen. Die Tänzer, die Kostüme aus Blättern und Pflanzen tragen, bewegen sich wie in Trance und tauchen dabei ganz in die Welt jener Mythen ein, die durch den Auftritt der Masken wieder ganz gegenwärtig sind.

John Sakle, der alte Medizinmann, sitzt auf der Ehrentribüne in der ersten Reihe, hält sein Buch in der Hand und scheint ganz versunken zu sein. Und auch die Mitglieder der Studienreisegruppe sind ergriffen von der Kraft jener Maskentänze, die seit vielen Generationen in dieser Weise aufgeführt werden. Die einheimischen Zuhörer wiederum hat etwas ganz anderes bis zu Tränen gerührt. „Mit diesem Buch wird uns endlich unsere Geschichte gegeben“, sagte mir eine alte Frau, indem sie mir dankend die Hand schüttelte.

Kein Geschenk ohne Gegengeschenk

Doch dann wird es noch einmal sehr offiziell und feierlich. Lalu greift wieder zum Megafon und bedankt sich einmal mehr bei Dr. Anne und der Hamburger Reisegruppe, auf die unverdient etwas von dem Glanz dieses außergewöhnlichen Tages mit abfällt. Und da in der Stammesgesellschaft der Sulka kein Geschenk ohne Gegengeschenk bleiben darf, tragen zwei kräftige Männer jetzt ein Schwein herbei und legen das erbärmlich quiekende Tier, das an den Läufen zusammengebunden ist, vor unserer Tribüne nieder.

In allen Stammesgesellschaften Neuguineas spielen Schweine eine wichtige Rolle. Einerseits ein hoch geschätztes Nahrungsmittel, werden sie auch für Zahlungen aller Art eingesetzt. Bei Übergangsriten etwa oder der Schlichtung eines Streits zwischen zwei Clans wechseln stets Schweine ihre Besitzer. Zubereitet wird das Fleisch nach traditioneller Weise im Erdofen. Dafür heben die Männer ein Erdloch aus, das mit Bananenblättern ausgelegt und mit in Blätter gewickelten Paketen von Süßkartoffeln, Taro und Fleischstücken befüllt wird, bevor Steine, die zuvor im Feuer erhitzt wurden, dazu gelegt werden. Das Mahl braucht dann Stunden, um sanft durchzugaren. Mumu wird dieses Erdofenessen genannt, dessen Zubereitung schon die Mitglieder der Hamburger Südsee-Expedition vor über hundert Jahren beschrieben haben.

Aber wie sollen wir das lebende und noch immer quiekende Schwein von Vunabaur in die Provinzhauptstadt Kokopo transportieren? Dass ich auf keinen Fall neben dem armen Tier auf der Ladefläche sitzend durch den Busch geschaukelt werden möchte, kann sich Lalu kaum vorstellen. Schließlich findet sich Bischof Karl, wie der emeritierte Erzbischof korrekt angesprochen wird, dazu bereit, das geschenkte Schwein auf der Ladefläche seines Pick-ups mit nach Kokopo zu nehmen. In der Missionsstation Vunapope wird es tags darauf geschlachtet.

Dort sind die einheimischen Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu angesichts des kommenden Festmahls schon seit Tagen ganz aus dem Häuschen. Nach traditioneller Art bereiten sie das überaus köstliche Erdofenessen zu, zu dem am Abend Dr. Anne die gesamte Hamburger Studienreisegruppe, die Schwestern und andere Mitglieder der Erzdiözese geladen hat, um einmal mehr das Buchprojekt zu feiern, mit dem das Volk der Sulka seine uralten Mythen und seine Geschichte von jetzt an vor dem Vergessen bewahren wird.