Gesundheit

Promi-Klinik in Indien bietet Ayurveda plus Schulmedizin

 Das tägliche Morgengebet für die Mitarbeiter des Soukya-Zentrums

Das tägliche Morgengebet für die Mitarbeiter des Soukya-Zentrums

Im indischen Gesundheitszentrum Soukya betrachtet man die Menschen ganzheitlich, mit Ayurveda bis Schulmedizin. Ein Erfahrungsbericht.

Doktor Mathai erzählt gerne Anekdoten. So wie die von einer Patientin aus den USA, die nach einer Woche in seiner Klinik beglückt sagte, sie spüre, wie ihr Kundalini seit Behandlungs­beginn die Chakren entlang der Wirbelsäule aufwärts gestiegen sei. Eine sehr optimistische Einschätzung des Energieflusses in ihrem Körper, die der indische Arzt mit einer lakonischen Feststellung beantwortete: „I think it’s a gas-problem.“ Also eher Blähungen als plötzliche Erleuchtung.

Issac Mathai ist Gründer und Leiter von Soukya, dem International Holistic Health Centre in Whitefield im Osten von Bengaluru, der mit 8,4 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt Indiens, die im Westen besser unter ihrem englischen Namen Bangalore bekannt ist. Soukya ist ein Ort, an dem Medizin als ganzheitliches Konzept praktiziert wird. Altindisches Wissen vom gesunden Leben wird ergänzt durch zahlreiche komplementäre Behandlungsmethoden – wenn nötig, wird auch westliche Schulmedizin hinzugezogen.

Soukya ist ein Gesundheitszen­trum mit nur 25 Zimmern für die Gäste – bis hin zur Präsidenten-Suite mit 230 Quadratmetern, drei Schlafräumen und einem Obstgarten plus Lotusteich. Für die Betreuung von nicht mehr als 30 Patienten im Monat stehen 170 Mitarbeiter bereit: Acht davon sind Ärzte der ayurvedischen Medizin, der Homöopathie und der Naturopathie, die medikamentenfreie Medizin wie etwa Hydrotherapie, Akupunktur und verschiedene Massagetechniken, aber auch Yoga beinhaltet. Darüber hinaus können mehr als 20 Schulmediziner von außerhalb konsultiert werden.

Eine Premium-Klinik, die Menschen aus aller Welt anzieht, die in Indien mehr als Wellness suchen, nämlich Gesundheit durch individuelle ganzheitliche Behandlung. Mehrere Tausend Patienten aus mehr als 70 Ländern seien über die Jahre hier behandelt worden, sagt Doktor Mathai – darunter so prominente Gäste wie Camilla, Herzogin von Cornwall und Ehefrau von Prinz Charles, die zweimal in Soukya war, und der frühere Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika, der sogar für drei Kuren kam.

„Wir sind offen in dem, was wir tun, aber wir folgen der Tradition, da machen wir keine Kompromisse“, sagt Mathai. Das Authentische ist vor allem der ayurvedische Ansatz der Behandlung. Das Sanskritwort Ayurveda meint wörtlich „das Wissen vom Leben“. Es geht also sozusagen um alles, nicht nur um Medizin und Krankheit. Mathai: „Wir behandeln keine Krankheiten, wir behandeln Menschen.“

Dr. Narayanan Namboodiri ist der Chef der ayurvedischen Abteilung. Er hat nach einem viereinhalbjährigen Studium plus Praxisjahr ein Staatsexamen in ayurvedischer Heilkunst abgelegt und darf sich ayurvedischer Doktor nennen (der Medical Doctor erfordert drei weitere Studienjahre). „Ayurveda war Teil des täglichen Lebens in Indien, aber dieses Wissen drohte verloren zu gehen“, sagt er. Das staatliche Studium soll helfen, das alte Wissen systematisch zu bewahren. Narayanan arbeitete unter anderem in der ayurvedischen Abteilung an einer indischen Krebsklinik. Er lebte auch eine Zeit lang in der Schweiz und hielt Vorträge zur ayurvedischen Medizin. Richtig wohlgefühlt in Europa hat er sich nicht: „Ich hatte das Gefühl, dass viele Menschen unter einer Art Übersättigung leiden. Und das Leben dort war mir zu mechanisch.“ Außerdem: „Indien ist der beste Ort, um das ayurvedische Wissen anzuwenden. Es wird hier nicht als medizinisches System verstanden, sondern als Lebensprinzip. Ayurveda ist eine Antwort auf alles. Eine Reihe von Prinzipien, die der anwenden sollte, der körperlich und geistig gesund bleiben will.“ Strenger Blick auf den Gast aus Deutschland, der ihm gegenüber sitzt, und eine beiläufige Korrektur: „Wenn man wie Sie ein Bein übergeschlagen hat und länger so sitzt, entsteht ein ungesunder Druck auf einen bestimmten Bereich in Ihrem Körper, es stauen sich Energien. Das ist nicht gesund.“

Man ahnt, dass Ayurveda viel mit Achtsamkeit und auch mit Selbstdisziplinierung zu tun hat. Der Einstieg in Soukya ist trotzdem bequem, denn die ersten Entscheidungen werden abgenommen. Die individuelle Kur wird nach der ausführlichen Anamnese eines Arztes entworfen. Dieser untersucht den Patienten, beobachtet und befragt ihn. Das alles geschieht mit deutlich höherem Zeitaufwand als üblich und im direkteren menschlichen Kontakt, etwa bei verschiedenen manuellen Pulsmessungen. Danach berät das Kollegium über die weitere Behandlung und die richtige Diät, diskutiert aber regelmäßig auch den Verlauf. Manche Elemente der Kur sind standardisiert, doch jede soll so individuell sein wie der jeweilige Patient.

Dass Soukya ein Betrieb mit gutgeölten Abläufen ist, erfahren die Patienten bei ihrer ersten Massage am eigenen Leib, und sie müssen aufpassen, dass sie beim Umdrehen vom Bauch auf den Rücken nicht vom Behandlungstisch glitschen. Ölmassagen sind ayurvedischer Standard, aber in Soukya besonders aufwendig. Zwei Masseure (Männer bei Männern, Frauen bei Frauen) verstreichen medizinisch angereichertes warmes Öl synchron auf dem Körper des Patienten. Wie in einer Choreografie folgen sie vorgegebenen Bahnen. Die Wahl der Öle ist individuell und variiert im Lauf der Behandlung. In Soukya werden mehr als 40 verschiedene nach alten Rezepturen aus organisch angebauten Heilkräutern hergestellt. Die Massage ist sanft, doch sie wirkt in der Tiefe nach. Schon nach der zweiten lösen sich Verspannungen. Die Haut wird weicher, die Haare kräftiger. Massagen, aber auch Techniken wie das Stempeln mit in heißes Öl getunkten Kräuterkissen sind Teil der Reinigung und Entgiftung des Körpers, also elementar für die Stärkung des körpereigenen Immunsystems.

Die Ernährung läuft nach dem Motto: Du bist, was du isst

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die richtige Ernährung nach dem Motto: Du bist, was du isst. Die Dekoration im Speisesaal ist programmatisch. Große Mosaiken zeigen die Elemente Wasser, Erde, Luft, Feuer und Raum. „Ayurveda glaubt an die fünf elementaren Bestandteile der Natur. Die körperliche Verfassung eines jeden Menschen basiert auf ihrer individuellen Zusammensetzung“, sagt Frau Dr. Subha Ra­dhakrishnan. Es geht dabei sozusagen um Anlagen, die für ein Gleichgewicht stehen, das dem einzelnen Individuum gemäß sein soll. Äußere Faktoren wie Ernährung oder Arbeitsbedingungen können diese labile Harmonie stören; Krankheit ist die Folge.

Das mag sich nach einer trivialen Erkenntnis anhören. Doch es ist in seiner bestechenden Einfachheit auch ein Programm, das verführerisch wirkt, weil es eine klare Perspektive aufzeigt – nämlich eine gesündere Lebensführung aus eigener Kraft, nachdem in der Klinik eine gesunde Basis gelegt wurde. Es ist, als könnte der Reset-Knopf gedrückt werden, um neu zu starten.

Dem Prinzip des inneren Ausgleichs folgen auch die Diätpläne von Soukya. Indische Küche, vielfältig gewürzte Masalas, nahrhafte Dals, Suppen und Salate – überwiegend aus Produkten, die in Soukya organisch angebaut und frisch geerntet werden. Alles in kleinen Mengen, aber immer nachhaltig sättigend, ohne Völlegefühl zu erzeugen. Dazu den Tag über Kräuterwasser, das auf Anhieb schwer runtergeht, doch die Gewöhnung tritt überraschend schnell ein. Es gibt weder Fleisch noch Fisch, keinen Alkohol, Kaffee oder Schokolade.

Zur inneren Ruhe trägt auch bei, dass es keine Ablenkung gibt. Ein Shoppingausflug oder eine Besichtigungstour nach Bangalore wären ein No-Go. Der gleichmäßig ruhige Tagesablauf mit Anwendungen, Spaziergängen und Yoga-Praxis, den Mahlzeiten und Ruhezeiten hat etwas Klösterliches. Die kurzen yogischen Übungseinheiten – eher entspannend als sportlich – sind Teil der Therapie. Es gibt Ärzte in Soukya, die für Yoga zuständig sind und im Shanti (Frieden) benannten kleinen Rundtempel in kurzen Einheiten Körperübungen (Asanas), Atempraxis (Pranayama) und Meditation lehren.

Ideales Umfeld für all das ist der drei Hektar große Park mit seiner üppigen Vegetation. Der Hauptweg im Inneren der Anlage verbindet die verschiedenen Gebäude und wird auch für Schweigerundgänge genutzt. Umgeben ist dieser innere Zirkel von äußeren Gärten, in denen Gemüse, Früchte und Heilpflanzen angebaut werden. Die Temperaturen hier sind das ganze Jahr über angenehm warm. Oft weht eine leichte Brise, die für dezente Zufallsmusik der großen metallischen Klangröhren im Garten sorgt, Vögel zwitschern, es duftet intensiv nach Jasmin.

Der Besuch der hinteren Gärten hat etwas von einer Zeitreise. In dem Gebäude, in dem aus Heilkräutern Öle und ayurvedische Medikamente hergestellt werden, erwartet die Besucher ein archaisches Bild. Ein Mann mit freiem Oberkörper, der mit einem Holzstab in regelmäßigen Intervallen den Inhalt eines großen Kessels umrührt. Drei Tage lang werden hier zuvor lange in Wasser eingeweichte Heilkräutermischungen in Sesamöl gekocht. Anschließend wird das nach jahrhundertealten Rezepturen gekochte Öl filtriert und für ayurvedische Behandlungen bereitgestellt.

Ein Schaubeet zeigt, welche Kräuter in welchen Körperregionen wirken

An sehr altes Wissen wird erinnert, wer mit Dr. Manikkath Dulari, dem Hüter des Heilkräutergartens, unterwegs ist. Der Ayurveda-Arzt beantwortet Fragen zur Wirkung der Pflanzen detailliert. Besonders eindrucksvoll ist ein Schaubeet, das in der Form eines überdimensionierten menschlichen Körpers angelegt wurde. Die Heilkräuter wurden in den Zonen angepflanzt, wo sie wirken.

Das personalintensive Paradies hat seinen Preis. Eine vierwöchige Kur kostet etwa 15.000 US-Dollar. Soukya versteht sich als die Top-Adresse unter den erstklassigen indischen Kliniken und durch seinen holistischen, interdisziplinären Ansatz als einmalig. Doch es gibt auch Soukya light. Eine Klinik im Zentrum von Bangalore, die doppelt so viele Betten hat und halb so teuer ist. Und es soll 2016 eine Klinik mit 200 Betten hinzukommen, die sich, so sagt Mathai, jedermann wird leisten können. „Auch dort wird es keine Kompromisse geben, was Qualität und Vollständigkeit des medizinischen Angebots betrifft. Den Luxus, die intensive Betreuung und die besondere Umgebung von Soukya können wir dort selbstverständlich nicht bieten.“

Es bleibt hinzuzufügen, dass sich in Indien auch ayurvedische Kliniken finden lassen, die weniger luxuriös sind, aber auf einem ähnlichen Level wie Soukya arbeiten und nur 15 bis 20 Prozent des Preises dort kosten. Das Problem von Außen ist die fehlende Transparenz des Angebots. Wer aber in Deutschland gründlich recherchiert, kann sich mithilfe von Ayurveda-Portalen und seriöser Beratung seine Kur-Reise selbst zusammenstellen.

Was Menschen aus der westlichen Kultur antreibt, den weiten Weg auf sich zu nehmen, beantwortet Dr. Su­bha: „Viele sind unzufrieden mit westlicher Medizin. Sie empfinden die Behandlungen als zu monokausal und beklagen, dass Ärzte zu wenig Zeit für sie hätten. Deshalb sind sie offen dafür, andere, gerne auch traditionelle Systeme auszuprobieren.“ Sie fügt hinzu, dass man den Patienten in Soukya keine falschen Hoffnungen mache und auch über die Grenzen der eigenen Möglichkeiten mit ihnen spreche. Und darüber, dass vieles von ihnen selbst abhänge.

Es gebe, so erzählt Dr. Narayanan, zahlreiche Krankheiten, bei denen ayurvedische Medizin erfolgversprechend sei: Diabetes, Bluthochdruck, Arterienverstopfung, Magersucht, Arthritis oder Aufmerksamkeitsdefizitstörungen bei Kindern zum Beispiel seien ohne Medikamente in den Griff zu bekommen. Ayurveda könne auch nach einer Chemotherapie oder einer Krebsoperation sehr hilfreich sein, weil Toxine ausgeleitet würden und das körpereigene Immunsystem wieder aufgebaut werde. Das gelte auch für neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und MS, deren Schädigungen zwar nicht reversibel seien, deren Fortschritt aber gebremst werden könne.

„Unsere Patienten sollten ihre körperliche Verfassung verstehen lernen und begreifen, welche Art von Diät und Yoga-Übungen gut für sie ist. Aber wir sagen ihnen nicht, was genau sie tun sollen. Sie müssen selbst ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie die neuen Erkenntnisse in ihre Kultur und Essgewohnheiten übersetzen“, sagt Dr. Ma­t- hai. Er kennt Patienten, die nach der Kur ihr Leben radikal geändert haben. „Nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil sie einen anderen Blick auf ihr Leben hatten.“

Doch nicht jeder erkenne sofort, dass alles an ihm selbst liegt. Dr. Ma­t- hai erzählt von einer Schweizer Patientin, die sich verabschiedete und klagte, dass ihr die wunderbare Umgebung in Soukya fehlen werde. Mathai fragte, wo sie wohne – und sie erzählte ihm von ihrem Haus in der Nähe von Zürich mit Blick auf die Berge. Dr. Mathai sagte ihr, dass sie doch alles habe, was sie brauche. Sie müsse es nur erkennen.

Die Reise wurde unterstützt von Soukya : Dr. Mathai’s International Holistic Health Centre