Abendblatt-Serie

Wenn Mütter ihre Kinder krank machen

Rechtsmediziner Klaus Püschel hat aufgrund seiner Erfahrung eine Mutter überführen könne, die ihr eigenes Kind infizierte, um es pflegen zu können

Rechtsmediziner Klaus Püschel hat aufgrund seiner Erfahrung eine Mutter überführen könne, die ihr eigenes Kind infizierte, um es pflegen zu können

Foto: Roland Magunia

Teil 7: Die spannendsten Fälle des Rechtsmediziners Klaus Püschel. Heute: rätselhaft erkrankte Kinder.

Eppendorf. Diese liebevolle Geste, mit der die Frau ihrem Baby über den Kopf streichelte. Dieser sorgenvolle Blick, als sie den Ärzten von der ungewöhnlichen Blässe ihrer kleinen Tochter erzählte. Davon, dass sie so schlapp wirkt und passiv, so gar nicht lebhaft und neugierig wie andere Kinder im Krabbelalter. Eine fürsorgliche Mutter, aufopfernd, in großer Sorge um ihr Kind präsentierte sich da den Medizinern, eine Frau, die dringend ärztliche Hilfe für ihr Baby suchte, immer wieder und mit Nachdruck. Immer neue Tests wurden vorgenommen, um einer rätselhaften Blutarmut des Kindes auf die Spur zu kommen, die das Baby weiter schwächte – und schließlich sogar in einen lebensbedrohlichen Zustand brachte.

„Die Ursache für das Leiden des kleinen Mädchens blieb zunächst im Dunkeln“, erzählt Prof. Dr. Klaus Püschel, in dessen rechtsmedizinischem Institut das Kleinkind zuletzt, nach einer Odyssee zu Kinderärzten und durch diverse Kliniken, untersucht wurde. Es hatte schon etliche Maßnahmen über sich ergehen lassen müssen, bis hin zur Knochenmarkunter­suchung. „Auch nachdem es Bluttransfusionen bekam, erfolgte keine Besserung“, so Püschel.

War man einer rätselhaften, äußerst seltenen Krankheit auf der Spur? Einem bisher unerforschten Phänomen? Am Ende wurde das Mädchen gerettet, aber nicht durch ein besonders effizientes Medikament und auch nicht durch eine komplizierte Operation. Tatsächlich war es eher erfolgreiche Detektivarbeit, ein Zusammenspiel aus medizinischer Erfahrung, genauer Beobachtung und Intuition. „Bei mir kam der Verdacht auf, dass die Mutter das Kind entblutet“, erzählt der Rechtsmediziner. „Daraufhin haben wir die Mutter von dem Baby getrennt. Das Kind erholte sich zusehends.“

Die kranken Mütter lassen ihre Kinder leiden, um ihnen helfen zu können

Gute, böse Mutter: Die Frau litt unter dem sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, dessen Namensgebung auf die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen zurückgeht. „Es ist eine bizarre Form der Kindesmisshandlung“, erklärt Klaus Püschel. „Bei diesem Krankheitsbild gibt eine nahe Beziehungsperson des Kindes, meist die Mutter, entweder fälschlich Symptome an, an denen ihr Kind angeblich leidet. Oder sie manipulieren an ihrem Kind, bis es zum Teil dramatische Krankheitszustände aufweist. Und dann verlangen sie Unter­suchungen, Therapien, Operationen und Medikamente.“ Ärzte würden dadurch unwissentlich zu nicht indizierten Behandlungsversuchen veranlasst – „und damit unfreiwillig zu einer Art Komplizen“.

Jüngst hat ein weiterer dramatischer Fall in Hamburg für Schlagzeilen gesorgt. Eine 30 Jahre alte Mutter steht im Verdacht, ihren damals drei Jahre alten Sohn wiederholt vergiftet zu haben, indem sie dem Kind unter anderem abgestandenes Blumenwasser oder auch Fäkalien injizierte. Vom 21. September an muss sich die Frau deshalb vor dem Landgericht verantworten, angeklagt wird sie wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, der Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährlicher Körperverletzung.

Mutter vergiftete ihren Dreijährigen mit Fäkalien

Ihr kleiner Sohn war im Juni 2013 wegen einer fieberhaften Entzündung ins Krankenhaus gekommen, sein Zustand verschlechterte sich trotz Behandlung weiter, schließlich ordneten die Ärzte sogar eine Chemotherapie an. Als weiterhin kein Behandlungserfolg eintrat, schöpften die Ärzte Verdacht. Bei der Durchsuchung des Krankenzimmers stießen sie auf präparierte Infusionsflaschen. Dem Jungen geht es mittlerweile bedeutend besser.

Die Leidens­geschichten der Kinder von Müttern mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ähneln sich: Da liegen sie dann in ihren Krankenhausbetten, diese kleinen Mädchen und Jungen, die sich elend fühlen, oft schon malträtiert von der Mutter, und müssen immer neue Untersuchungen über sich ergehen lassen, Stiche mit Infusionsnadeln etwa oder Magenspiegelungen, Narkosen und Operationen, Therapien mit Nebenwirkungen, alles Maßnahmen, die physische und auch psychische Schädigungen verursachen können.

Die scheinbar ideale Mutter, die in Wahrheit ihr Kind misshandelt: Warum tut eine Frau so etwas? Bei Täterinnen mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist es keinesfalls Sadismus, der die Frauen antreibt. „Vielmehr ist es ein Gefühl der Isolation oder Einsamkeit, oft gepaart mit Bindungsstörungen, nicht selten wegen traumatischer Erlebnisse in ihrer Kindheit“, so Rechtsmediziner Püschel, „das die Mütter dazu bringt, in Kliniken anzurücken, mit Kind auf dem Arm und in scheinbar echter Sorge. Die Täterinnen sind in einer seelischen Notlage, auf die sie über den Umweg des als krank präsentierten Kindes aufmerksam machen und letztlich selbst Hilfe bekommen wollen“, erklärt der 63-Jährige.

Oft haben diese Frauen auch medizinische Kenntnisse und sind daher in der Lage, angebliche Symptome präzise zu schildern. Oder sie verfälschen gezielt Untersuchungsbefunde, um Ärzte auf die falsche Fährte zu locken. Die Mutter, deren Kind angeblich unter Blutarmut litt, „war eine Kinderkrankenschwester, und sie steckte in einer starken Stresssituation durch eine Trennung von ihrem Partner, die sie nicht verkraftete“, erinnert sich Püschel. Und wie die meisten Frauen mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wirkte diese Mutter zunächst sehr überzeugend. „Da half ihr natürlich auch ihre berufliche Ausbildung. Und sie wusste, wie man fachmännisch Blut abnimmt.“ Als ihr Baby schließlich Transfusionen bekam, ging die Frau besonders perfide vor: Sie zapfte in unbeobachteten Momenten die Beutel mit den Blutkonserven an – und torpedierte damit zunächst jede Genesungsmöglichkeit.

Nicht selten erleben Kinder eine monate- oder sogar jahrelange Leidenszeit – so wie der Junge, dem seine Mutter über Jahre Abführmittel verabreichte und ihm zudem nie ausreichend Nahrung gab. Bei ihm hatte man zunächst eine seltene Darmerkrankung vermutet. Oder das kleine Mädchen, das an einer Knochenentzündung am Bein litt. Nicht etwa ein Sturz auf der Treppe war die Ursache, wie die Mutter weismachen wollte. Sie hatte vielmehr auf äußerst brutale Weise ihre Tochter misshandelt, indem sie das Bein des Mädchens an einen Stuhl gebunden und mit einem Hammer auf die Knochen eingeprügelt hatte. Und da gab es die Mutter, die ihr Kind zwang, Abflussreiniger zu trinken, um es dann wegen unerklärlicher Bauchkrämpfe in einer Klinik behandeln zu lassen.

„Angebliche epileptische Anfälle, das Malträtieren der kindlichen Haut mit Fingernägeln oder spitzen Gegenständen oder die Verabreichung von Medikamenten: Die Täterinnen nutzen das ganze Spektrum der Medizin“, weiß Püschel. Am häufigsten, so der Rechtsmediziner, seien Blutungen, Anfälle, Komazustände, Durchfälle, Erbrechen, Fieber und Hautausschläge. „Überaus gefährlich sind auch manipulierte Atemstillstände, zum Beispiel durch Bedecken des kindlichen Gesichts mit Händen oder Plastiktüten. Sie haben wiederholt zu Todesfällen geführt.“

Mütter, die sich im Krankenhaus sichtlich wohlfühlen, sind verdächtig

Der Nachweis des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms ist schwierig, da in deutschen Kliniken, anders als etwa in England, Videoüberwachung nicht erlaubt ist. „Aber es gibt Beobachtungen, die einen Hinweis geben können“, sagt Püschel. Verdächtig könne etwa sein, wenn die Mutter rasch eine enge, vertrauliche Beziehung zum Klinikpersonal entwickelt und sich auf der Station geradezu wohlzufühlen scheint. Bei gesundheitlichen Verschlechterungen bleibt sie ungewöhnlich gelassen. Es gibt auch weitere unerklärliche Erkrankungen oder den Tod eines Geschwisterkindes.

„Ein positiver Beleg kann sich zum Beispiel aus einem Labornachweis nicht verordneter Medikamente oder Stoffe aus Blutproben oder Urinuntersuchungen des Kindes ergeben.“ Oder es beobachtet jemand, wie die Mutter Hand anlegt – wenn sie etwa an Infusomaten manipuliert oder die Atemwege ihres Säuglings bedeckt. „Diese Atemnot kam urplötzlich“, würde sie dem Klinikpersonal sagen, mit sorgenvoller Miene – und in Wahrheit das Leben ihres Kindes riskieren. Klaus Püschel: „Das ist eine sehr schwierige und ungewohnte Situation. Eigentlich vertraut der Arzt natürlich den Bezugspersonen des Kindes und ihren Angaben zur Symptomatik. Der Ansatz zur richtigen Diagnose beruht darin, überhaupt die Möglichkeit einer Schädigung des Kindes durch die Mutter in Betracht zu ziehen.“