Fritz Honka

Die Spur, die zu Hamburgs schlimmstem Serienmörder führte

Fritz Honka wird am Tag seiner Verurteilung zum  Gericht geführt

Fritz Honka wird am Tag seiner Verurteilung zum Gericht geführt

Foto: ullstein bild

Vor 40 Jahren entdeckte die Feuerwehr in Ottensen vier Frauenleichen. Eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Wohnungsbrand in jener Nacht zum 17. Juli 1975. Zeißstraße 74 in Ottensen, Obergeschoss, ein Verletzter. Er war bei einer brennenden Kerze eingeschlafen. Ein Routineeinsatz. Eigentlich. Als das Feuer gelöscht ist, suchen die Wehrmänner nach verborgenen Brandnestern, auch in der Etage darüber. Und plötzlich ist es vorbei mit der Routine: Hinter einem Verschlag des Dachgeschosses entdecken sie zwei Frauenleichen, einer fehlen Kopf, Arme und Beine, die andere liegt in einem Plastiksack.

Gegen acht Uhr erscheint ein schmächtiger Mann in grauer Uniform vor dem Haus. Ein Wachmann, der gerade vom Dienst nach Hause kommt. „Nun habe ich 13 Stunden gearbeitet. Wo soll ich bloß hin?“ fragt er. Er ist der Mieter aus der Dachgeschosswohnung. Als er hört, dass dort oben zwei Leichen gefunden wurden, sagt er zu Nachbarn, die auf dem Flur stehen: „Deshalb hat es hier so gestunken.“ Doch als ihn Ermittler Minuten später befragen, wird er fahrig, beginnt zu zittern, sein Gesicht wird blass, er stammelt. Da bringen ihn die Beamten zum Verhör ins Polizeipräsidium am Berliner Tor. Sein Name: Fritz Honka.

Später finden die Ermittler unter der Leiche im Plastiksack eine weitere, ebenfalls ohne Kopf, Arme und Beine. Und schließlich in einer anderen Abseite eine vierte. Honka leugnet im Verhör zuerst hartnäckig, mit den toten Frauen etwas zu tun zu haben. Sie sind zu dem Zeitpunkt noch nicht identifiziert. Dann aber können die Ermittler den Torso des einen Opfers zuordnen: Er gehört zu Gertraud Bräuer aus Groß Borstel, die Ende 1970 ermordet worden war und deren Kopf, Arme und Beine man im Herbst 1971 auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik in Ottensen gefunden hatte.

Am späten Abend des ersten Verhörtages bröckelt Fritz Honkas Mauer des Schweigens. Er sagt: „Ich hab’ drei gemacht.“ Tags darauf wird er gesprächiger, behauptet aber, sich nicht genau erinnern zu können: „Ich war doch immer besoffen. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Wenn ich dann aufwachte, lagen die da neben mir und gaben keinen Muckser mehr von sich.“

Von dem Mord an Gertraud Bräuer will er trotz bohrender Nachfragen nichts wissen. Stattdessen erklärt er die Zerstückelung einer der Frauen: „Die war zu schwer. Als ich die Leiche wegschaffen wollte, bin ich im Treppenhaus gestolpert und heruntergepurzelt.“ Nach seinen Schilderungen schleifte er die Ermordete wieder nach oben in seine Mansarde und zerhackte den Körper.

In verruchten Kneipen lernte der Täter Frauen kennen, die niemand vermisste

Friedrich Paul Honka war 1956 aus seinem Geburtsort Leipzig über die Lüneburger Heide nach Hamburg gekommen. Eines von zehn Kindern, schwere Jugend, Prügel vom Vater und von Erziehern. Zunächst kam er als Werftarbeiter bei den Howaldtswerken unter. Bei einem Verkehrsunfall wurde er im selben Jahr so schwer verletzt, dass er entstellte Gesichtszüge und ein starkes Schielen behielt.

1957 heiratete Honka, doch die Ehe, aus der ein Sohn stammte – ein uneheliches Kind hatte er schon aus einer früheren Beziehung –, zerbrach. Nachbarn berichteten von gewalttätigen Szenen zwischen den Eheleuten. Später heiratete er dieselbe Frau noch einmal, 1967 kam es erneut zur Scheidung. Danach zog Honka in die Zeißstraße 74, trat irgendwann eine Stelle als Wachmann an, trug zur Verwunderung von Kollegen auch privat bei jeder Gelegenheit seine Uniform, lebte als Einzelgänger, dessen einziger Freund der Alkohol war. In verruchten Kneipen der näheren Umgebung suchte er Frauenbekanntschaften: zumeist Gelegenheitsprostituierte, gestrandet, labil, ebenfalls dem Alkohol verfallen, Frauen, die einfach irgendwo unterkommen wollten – und die niemand vermisste.

Er nahm sie mit für Stunden, für Tage, manche auch für Wochen. In seine schäbige Mansarde, in der 300 Pin-up-Fotos an den Wänden hingen, wo bis zum Exzess getrunken wurde und häufig auch geprügelt. Gertraud Bräuer musste, wie sich später im Prozess herausstellen sollte, sterben, weil sie nur Honkas Alkohol, aber keinen Sex mit ihm wollte. Das war 1970. Vier Jahre später tötete er Anna Beuschel, weil sie sich beim Geschlechtsverkehr zu lustlos verhalten habe. Nur zwei Monate danach starb durch seine Hand Frieda Roblick und einen weiteren Monat später Ruth Schult. Gegen den Verwesungsgeruch in seiner Wohnung legte er rund um die Leichen Geruchsteine, wie man sie aus Toiletten kannte, und er versprühte Unmengen von Fichtennadelspray.

Aktenkundig wurde Honka bei der Polizei erstmals im August 1972, weil er eine Frau brutal zusammengeschlagen hatte und diese fast nackt aus seiner Wohnung auf die Straße geflüchtet war. Im April 1975 verurteilte ein Altonaer Schöffengericht ihn wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 4500 Mark Geldstrafe. Doch noch ahnte niemand zu diesem Zeitpunkt, was sich in den Verschlägen seiner Wohnung verbarg.

Erst der Brand drei Monate später bringt die Ermittlungen zu einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit ins Rollen, In den Verhören und vor Gericht, wo ihn der Münchner Staranwalt Rolf Bossi verteidigt, kommt das unvorstellbare Grauen ans Licht. Die vielen Details aus Honkas kaputter Welt lassen Ermittler und Prozessbeobachter schaudern. Sein Geständnis widerruft er zwischenzeitlich. In Wahrheit habe er etliche Frauen vor dem Selbstmord bewahren wollen, bei den vieren, die man tot beim ihm fand, sei ihm das leider nicht gelungen. Warum er sie dann zerstückelt habe, wird er gefragt. „Das ist doch klar. Ich wollte die Leichen gut verstecken. Sonst hätte die Polizei vielleicht gemeint, ich hätte die Frauen umgebracht.“ Ein anderes Mal behauptet Honka, die Stimme von Jack the Ripper habe ihm befohlen, die Frauen zu töten und zu zerstückeln. Aber vielleicht habe er sich das auch nur eingebildet.

Nur ein Todesfall wurde als Mordgewertet, die übrigen als Totschlag

Am 20. Dezember 1976 wird der damals 41-jährige Fritz Honka zu 15 Jahren Haft und zur Einweisung in die Psychiatrie verurteilt. Das Gericht wertet nur den Tod von Gertraud Bräuer als Mord: Sie habe sich gegen den Geschlechtsverkehr gewehrt und deshalb sterben müssen. In den drei anderen Fällen erkennt es auf Totschlag. Dabei seien Streit, Diebstahl, Schlägerei, Beschimpfung und vermisste Dankbarkeit der Tötungsgrund gewesen. In der Urteilsbegründung fällt auch der Begriff „seelische Abnormität des Angeklagten“.

Honka verbringt fast 17 Jahre in der Psychiatrie, lebt anschließend unter anderem Namen in einem Altenheim in Scharbeutz und stirbt im Oktober 1998 im Krankenhaus Ochsenzoll.

Das Haus in der Zeißstraße existiert noch. Es steht, wie übrigens die ganze Straße, unter Denkmalschutz. Einer der Mieter ist Georg Giese, ein freiberuflicher Chemiker. Vor zehn Jahren ist er dort eingezogen. „Ich wusste damals nicht, was in diesem Haus passiert war. Warum hätte der Vermieter das auch erzählen sollen“, sagt Giese. Später habe er sich ganz grob mit dem Fall Honka beschäftigt. „Und ich finde es schon skurril, dass das nicht früher entdeckt worden ist.“ Ansonsten beschäftige ihn das Thema nicht. Höchstens an bestimmten Jahrestagen, wenn die Medien sich bei ihm meldeten, um mal wieder an die Geschichte zu erinnern ...