Wirtschaft

Welche Chancen bieten sich Hamburg durch China?

Beim „Hamburg Summit“ der Hamburger Handelskammer geht es um die Wirtschaftsbeziehungen mit China – und auf dem Rathausmarkt ziemlich bunt zu

Beim „Hamburg Summit“ der Hamburger Handelskammer geht es um die Wirtschaftsbeziehungen mit China – und auf dem Rathausmarkt ziemlich bunt zu

Foto: dpa

Andere Regionen in Deutschland locken mehr Firmen aus dem Riesenreich an. Veranstaltung in der Handelskammer.

Hamburg. Befeuert von der Regierung gingen die Börsenkurse in Shanghai und Shenzen ein Jahr lang steil nach oben, vor knapp zwei Wochen brachen sie ebenso steil ein, und erst als Peking eingriff, stabilisierte sich die Lage. Bis gestern, da ging es wieder vier Prozent bergab.

Doch aus Sicht von Sebastian Heilmann sind die Turbulenzen nicht besonders beunruhigend. „Die Sache wird in der westlichen Öffentlichkeit überschätzt, die Regierung hat gezeigt, dass sie dagegenhalten kann“, sagt der Professor und Geschäftsführer des Berliner Mercator Institute for China Studies (Merics). Er war in die Hamburger Handelskammer gekommen, um über die Strukturreformen in Chinas Wirtschaft zu sprechen und über die Chancen und Risiken für das Engagement der deutschen Wirtschaft in dem Riesenreich. Untertitel des Vortrags: Ist Chinas Wirtschaftsboom zu Ende?

Die Daten, die das chinesische Statistikamt gestern veröffentlichte, sprechen auf den ersten Blick dagegen: Um 7,0 Prozent ist die Wirtschaft im zweiten Quartal 2015 gewachsen. Doch für chinesische Maßstäbe ist das wenig. 2014 hatte das Land mit 7,4 Prozent das schwächste Wachstum seit 24 Jahren verzeichnet. Zuvor waren die Raten meist zweistellig ausgefallen.

„Wir müssen uns von alten Gewissheiten verabschieden. Die endlose Wachstumsstory werden wir nicht mehr sehen“, sagt Heilmann vor seinen gut 100 Zuhörern in der Handelskammer. Einige sind aus Süddeutschland angereist. Der Professor gilt als einer der profundesten Chinakenner in Deutschland und berät Politiker. Was er Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vor dessen Reise nach Peking geraten hat, will Heilmann in Hamburg nicht preisgeben. „Politikberatung erfordert Vertraulichkeit.“ Aber vieles von dem, was der Minister in China sagt, deckt sich mit den Analysen des Professors.

Chinas Innen- und Wirtschaftspolitik müssten immer gemeinsam betrachtet werden, sagt Heilmann. Kein in dem Land engagiertes deutsches Unternehmen könne sagen, „das neue Sicherheitsgesetz interessiert mich nicht“. Gabriel, heißt es in seiner Delegation, habe im Gespräch mit Chinas Minister für Industrie- und Informationstechnologie Miao Wei Besorgnis über das vor zwei Wochen verabschiedete und sehr vage formulierte Gesetz für nationale Sicherheit und das geplante Internetsicherheitsgesetz deutlich gemacht. „Es ist ein ernstzunehmendes Problem für deutsche Unternehmen, wenn sie hier nicht frei agieren können“, wird Gabriels Position von Begleitern beschrieben. Und beim Treffen mit Staats- und Parteichef Xi Jinping sagt der Wirtschaftsminister aus Deutschland: „Ich wünsche mir, dass Unternehmen, die schon lange in ihrem Land sind, nicht anders behandelt werden als chinesische Unternehmen.“

Es ist eine Anspielung auf die maßgeblich von Xi Jinping vorangetriebenen neuen Grundsätze der Wirtschafts- und Industriepolitik. Demnach soll das Land bis zum Jahr 2025 viele der Güter, die es jetzt noch importiert, selbst herstellen und zugleich sehr viel stärker im Ausland investieren.

Heilmann spricht von einer „Schubumkehr“ und bilanziert: Das Wachstum in China sei nicht zu Ende, aber es differenziere sich aus. Deutschlands Chemie- und Autoindustrie sowie Teile des Maschinenbaus müssten mit einem sinkenden Absatz rechnen. In der Steuerungs-, Energie- und Umwelttechnik könne das Wachstum noch auf Jahre ungebrochen sein. Selbst im Chinageschäft boomende Branchen aber müssten ständig infrage stellen, ob dies tatsächlich noch von langer Dauer sei.

Große Chancen für die deutsche Wirtschaft sieht der Professor in der wachsenden Zahl von Touristen aus China, vor allem aber in den seit einigen Jahren stark steigenden Investitionen Chinas im Ausland. Deutschland ist dabei eines der beliebtesten Ziele. Lag der Wert chinesischer Investitionen in Neugründungen von Firmen, Übernahmen und Fusionen im Jahr 2010 hierzulande noch bei etwa 200 Millionen Euro, sind es seit 2011 im Durchschnitt etwa 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. „Die Avancen chinesischer Investoren bei deutschen Mittelständlern nehmen zu, und sie werden sich vervielfachen“, sagt der Professor.

Hamburg versteht sich zwar als Chinas Tor nach Europa, beherbergt mehr als 500 chinesische Unternehmen und betreibt mit dem „Hamburg Summit: China meets Hamburg“ aktive Wirtschaftsförderung; doch bei Direktinvestitionen steht es nicht im Mittelpunkt. Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen sind die Bundesländer, in die die meisten chinesischen Investitionen fließen. An der Elbe sind Filialen großer Handels- und Logistikfirmen ansässig. Sebastian Heilmann verknüpfte seine Analyse mit der indirekten Aufforderung, die Hansestadt müsse mehr tun: „Chinesische Investitionen in Deutschland gehen oft nach Düsseldorf oder Frankfurt. Hamburg hat noch Potenzial.“