Flüchtlinge

Händler: Beschaffung von Wohncontainern zu kompliziert

Wohncontainer wie hier an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg sind europaweit gefragt – deswegen steigen die Preise und die Lieferzeiten

Wohncontainer wie hier an der Dratelnstraße in Wilhelmsburg sind europaweit gefragt – deswegen steigen die Preise und die Lieferzeiten

Foto: Andreas Laible

Die starke Zulauf von Flüchtlingen führt zu Engpässen bei Wohncontainern in Hamburg. Händler: Das Problem ist teilweise hausgemacht.

Hamburg. Durch den extrem starken Zulauf von Flüchtlingen nach Europa werden in Hamburg die Mittel zur Unterbringung knapp. Laut städtischer Stellen und Hilfsorganisationen sind zusätzliche Zelte und Container für die Flüchtlinge derzeit teuer und schwer zu bekommen, die Produzenten arbeiten an der Kapazitätsgrenze. „Es fehlt insbesondere an sanitären Anlagen, um Einrichtungen bewohnbar zu machen“, heißt es aus dem Umfeld der Ausländerbehörde. Derzeit erreichen mehr als 300 Flüchtlinge pro Tag Hamburg und brauchen eine Bleibe.

Für die eilig errichtete Erstaufnahmestelle am Moorpark in Jenfeld stellte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) am vergangenen Freitag noch 50 Zelte bereit – nun sind die Lager leer. „Wir haben nur noch Betten und Decken vorrätig“, sagte DRK-Sprecher Rainer Barthel. Die Firma Lanco mit Sitz in Hannover, die auf Großzelte spezialisiert ist, spürt eine „außergewöhnliche Nachfrage aus dem gesamten Bundesgebiet“. Die Zelte kosten abhängig von der Größe zwischen 1000 und 3500 Euro pro Stück inklusive Bodenbelag.

Die in Jenfeld aufgestellten Zelte ließ sich die Hilfsorganisation teilweise bereits aus anderen Bundesländern liefern. Derzeit wohnen noch keine Flüchtlinge in den Zelten, da Sanitär- und Versorgungsanlagen fehlen. „Der Einzug der ersten Bewohner ist für Mittwoch geplant“, sagte Susanne Schwendtke vom städtischen Träger Fördern und Wohnen. Jeweils etwa 16 Flüchtlinge sollen sich danach vorübergehend ein großes Zelt teilen. Laut Augenzeugen sollen Flüchtlinge andernorts bereits unter freiem Himmel übernachtet haben.

Olaf Scholz will Unterkünfte in allen Stadtteilen

Unmittelbar braucht die Ausländerbehörde Material für den Aufbau einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Park-and-ride-Parkplatz Niendorf Markt. Im Gespräch mit dem Abendblatt schloss Innensenator Michael Neumann (SPD) auch weitere Zeltlager nicht aus. Denn selbst provisorische Wohncontainer, insbesondere mit Küchen, Duschen und Toiletten, sind in der gebotenen Eile derzeit kaum zu bekommen. „Das ist eben Marktwirtschaft: In ganz Europa wollen Städte und Kommunen diese Container, das ist ein großes Rennen im Moment“, heißt es aus dem Senat. Unterdessen machte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) deutlich, dass er auf Unterkünfte in wirklich allen Stadtteilen bestehe. Proteste aus „schicken Stadtteilen“ blieben ohne Konsequenz, sagte er.

Die eigentlich als Transportbehältnisse hergestellten Container werden in der Regel aus Tschechien geliefert. Dort hat sich eine gut laufende Indus­trie etabliert. „Die Werke sind hochmodern und arbeiten mit vollautomatisierten Produktionsstraßen“, sagt ein norddeutscher Händler.

Im Handel sind derzeit nur noch Container mit aufwendigen Einbauküchen und gefliesten Sanitärbereichen zu haben. „Wir können noch 800 bis 900 solcher Container in der nächsten Zeit liefern“, sagt der Händler. Diese sogenannten Moduleinheiten werden in der Regel nicht für die Erstaufnahme, sondern für die Folgeunterbringung von Flüchtlingen gebraucht. Weil Kapazitäten fehlen, sind mehr als 2000 Asylbewerber länger als drei Monate in der Erstaufnahme untergebracht.

Umständliche Beschaffung von Wohncontainern kostet Zeit

Laut dem Händler macht sich Hamburg bei der Schaffung von Folgeunterkünften aber selbst das Leben schwer: „Man hat den Eindruck, dass sich die Behörden oft selbst im Wege stehen und viel zu kompliziert vorgehen.“ So schrieben die Behörden in den meisten Fällen eine Reihe von neuen Modulcontainern aus und lassen den Händlern rund vier Wochen Zeit, ein Angebot abzugeben.

Diese Frist sei aus städtischer Sicht eindeutig zu lang, sagte der Insider. „Das Angebot können wir innerhalb kürzester Zeit fertigstellen. Die Frage ist, ob in vier Wochen noch die Container zu haben sind – oder ob sie zwischenzeitlich ein anderer Interessent verbindlich bestellt hat“, sagt der Händler. Dabei gelte immer das alte Motto: „Wer zuerst kommt, mahlt eben auch zuerst.Ist ein Kontingent abverkauft, sind keine weiteren Wohncontainer mehr zu beschaffen. „Die Kontingente sind klar verteilt und bereits lange vorher geordert. Da gibt es keinen Spielraum mehr.“ Dass auch die Händler am Ende ihrer Leistungsfähigkeit sind, sei daran zu sehen. Er selbst hätte einen mehreren Millionen Euro umfassenden Auftrag aus Schleswig-Holstein ablehnen müssen. „Ich hätte in der Zeit einfach nicht liefern können.“

Gebrauchte Wohnmodule für Flüchtlinge sind für die Behörden aber keine Alternative. Die Hersteller sind zertifizierte Betriebe, die Container müssen die neuesten Anforderungen, etwa beim Wärme- und Brandschutz, erfüllen. „Fördern und Wohnen“ hat laut einer Sprecherin „bislang noch jedes Mal ein Wohnmodul bekommen“. Pro Wohnplatz kalkuliert der Träger derzeit mit etwa 20.000 Euro. Wenn der Flüchtlingsstrom anhalte, könnten sich der Aufwand und die Kosten beim Bau von Folgeunterkünften aber „deutlich schwieriger gestalten.“