Der Rote Faden

Achim Lidsba: Vom Wehrdienstgegner zum General

Generalmajor
Achim Lidsba in
seinem Büro in der
Führungsakademie

Generalmajor Achim Lidsba in seinem Büro in der Führungsakademie

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Chef der Führungsakademie der Bundeswehr hat einen langen Karriereweg hinter sich. Der führte ihn auch nach Afghanistan.

Als sie die Transportmaschine verließen, die sie von Kabul in Afghanistan zum deutschen Stützpunkt nach Termez in Usbekistan gebracht hatte, atmeten sie tief durch. Endlich kein Staub mehr in der Luft, der sich tief in jede Pore setzte. Keine Erdbebenstöße, die die Gebäude erschütterten und Gesteinsbrocken lösten. Vor allem aber kein Schreien mehr von Verletzten und kein Blick mehr auf von Bombenanschlägen zerfetzte Körper. Später setzten sich die beiden Männer auf Faltstühle, reckten die Gesichter in die Sonne, hörten dem Vogelgezwitscher zu und genossen kaltes Weizenbier. Geredet wurde nicht. Zwei Stunden ging das so. Ein zweites Bier kam. Irgendwann standen die Männer auf, schauten sich an. Sie wussten, sie hatten es geschafft. „Leider konnten wir nicht alle wieder gesund mit nach Hause bringen“, sagt Generalmajor Achim Lidsba.

Die Falten in seinem Gesicht sind schärfer geworden, während er diese Szene schildert – zumindest im Auge des Betrachters. Achim Lidsba, 60, ist der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr in Blankenese. Gerade eben hat eine Sekretärin frischen Kaffee gebracht, auch ein paar Kekse liegen auf einem Teller. Gegessen hat niemand davon. Süßes knabbern und sich nebenbei das Grauen des Krieges anzuhören, das fühlt sich falsch an. „Wir brauchten diese Stille“, fährt Lidsba mit seinen Erinnerungen fort. „Die Last der Verantwortung musste von unseren Schultern. Wir mussten wieder zu uns finden.“ Wir, das waren er und Ralf Vogel, Oberst im Generalstab und enger Mitarbeiter.

Ende 2005 bis Mitte 2006 führte Lidsba als Brigadegeneral das deutsche Kontingent am Hindukusch. Es war der zweite große Auslandseinsatz für den Mann aus Bad Gandersheim in Niedersachsen. Von 1998 bis 2000 hatte er bereits als Oberst den Aufmarsch der Bundeswehr im Rahmen des Nato-Einsatzes im Kosovo organisiert – den ersten Einsatz deutscher Streitkräfte in einem Kampfgebiet.

Die Zeit in Afghanistan, die Bilder von Verwundung, Tod und Leid, hat er gut verschlossen in einer Schublade abgelegt, so wie es Soldaten überall auf der Welt tun. „Ich habe lange nicht darüber sprechen können“, gibt er zu. Als er damals zurück zu seiner Familie kam – nur der Jüngste seiner drei Söhne war noch zu Hause –, hat er drei, vier Tage gar nichts erzählt. Noch nicht einmal Ehefrau Gritta drang zu ihm durch.

Später dann, als er weiter war in der Bewältigung des Erlebten, hat er Vorträge gehalten in seinem Wohnort. Über den Aufenthalt im Kriegsgebiet, über die Aufgaben der Bundeswehr dort. Auch über das Gute, das passierte. Die Teddybären aus Deutschland, die geschickt wurden, um sie an die einheimischen Kinder zu verteilen. Aber eben auch über das Warten mit einem Pastor vor dem Lazarett, in dem Ärzte um das Leben von fünf Soldaten kämpften, die in einen Hinterhalt geraten waren. Doch was er im Inneren fühlte, das Grauen, das auf seiner Seele lastete, das hat er für sich behalten.

Deshalb ist das Verständnis groß für die Männer und Frauen, die traumatisiert aus ihren Einsätzen zurückkommen. Sein Appell ist deutlich: „Noch immer gibt es zu viele Rückkehrer, denen der Mut fehlt, Schwächen zuzugeben. Als Vorgesetzter muss man das erkennen. Wir müssen in die Köpfe unserer Soldatinnen und Soldaten hineinbekommen, dass posttraumatische Belastungsstörungen keine Schwäche, sondern eine Krankheit sind. Und dass sie ärztlich behandelt werden müssen.“

17 Jahre pendelt Lidsba, und 17-malist er schon umgezogen

Nach offiziellen Angaben der Bundeswehr sind bis zum Beginn dieses Jahres 431 Einsatzsoldaten wegen einer diagnostizierten Posttraumatischen Belastungsstörung untersucht worden. Die Dunkelziffer ist hoch.

Achim Lidsba hat es seinerzeit im Einsatz geholfen, täglich eine Stunde Sport zu machen, und der Familie daheim, dass er so oft wie möglich Fotos mit dem Mobiltelefon geschickt hat. So wussten sie, es geht dem Vater, dem Ehemann gut. Blieb die Nachricht aus, folgten ängstliche Nachfragen.

„Für die Angehörigen ist es am schlimmsten“, sagt er. „Wir Soldaten haben unsere prall gefüllte Tagesstruktur während der Einsätze. Und wenig Zeit, nachzudenken, zu reflektieren. Aber zu Hause, da sehen sie die Bilder von den Selbstmord-Attentaten oder den Erdbeben.“ Dennoch raten die erfahrenen Berufssoldaten den jungen, nicht zwischendurch nach Hause zu fahren. „Wenn man wieder los muss für drei Monate, ist der Abschied kaum auszuhalten“, sagt der Führungsoffizier Lidsba. „Aber am Ende trifft jeder selbst die Entscheidung.“

Seit seinem Amtsantritt 2011 wohnt der Kommandeur auf dem Gelände der Führungsakademie hotelähnlich in einem Appartement. Ihm stünde als Generalmajor eine Villa zu. „Aber was soll ich damit? Ich fahre so oft es geht an den Wochenenden mit dem Zug nach Hause.“ Seit 17 Jahren schon pendelt er, und 17-mal ist er in seinen nunmehr 42 Berufsjahren umgezogen. Das hat allen Beteiligten viel aufgebürdet, der Ehefrau als quasi Alleinerziehender, aber auch den Söhnen, die unter verschärften Bedingungen ihre Schulabschlüsse machen mussten.

Mit den Jahren haben sich die Gewichtungen allerdings verschoben. Wenn sich die Enkelkinder zu Besuch ankündigen, wird der Reiseplan des Generalmajors schnell auf Auszeiten hin untersucht. Stephan, der älteste Sohn, lebt mit Familie im pakistanischen Islamabad, von wo aus er politische und soziale Projektarbeit leitet.

Sohn Nummer zwei, Christian, ist Musiker. Seit ihm die Eltern Ende der 80er-Jahre eine spanische Gitarre schenkten – damals lebte die Familie in Brüssel, weil der Vater bei der Nato arbeitete –, war sein Berufswunsch klar. „Die Musikalität hat er nicht von mir“, sagt er gleichwohl stolz. „Meine Frau spielt Klavier, von ihr hat er dieses Talent geerbt.“

Gritta Lidsba hat aber nicht nur dem Sohn ihr Musik-Gen weitergegeben, auch den Ehemann hat sie zu einem eher nicht-männlichen Hobby gebracht. Das Paar tanzt seit mehr als 30 Jahren. Mehr noch: Frau Lidsba ist Vorsitzende des TSC Auetal-Se­bexen mit 250 Mitgliedern. „Wenn ich am Wochenende zu Hause bin, wird am Sonntag von 18.30 bis 20 Uhr getanzt“, sagt Pressewart Lidsba, der sich auch als Texter bei der örtlichen Zeitung betätigt. Aber auch als Gastredner ist er ein gefragter Mann und wirbt Charity-Spenden ein. Sohn Nummer drei, Thomas, ist Polizist. Noch arbeitet er in Mecklenburg-Vorpommern, doch demnächst wechselt er nach Hamburg. „Bei der Bundeswehr war übrigens keiner von meinen Jungs“, sagt Lidsba.

Dass er selbst einmal eine Karriere beim Militär einschlagen würde, war nicht geplant. Der langhaarige Abiturient wollte eigentlich den Kriegsdienst verweigern und Medizin studieren. Ausgerechnet der Pastor brachte ihn davon ab. Er verpflichtete sich für zwei Jahre und hatte gleich am ersten Tag der Sanitätsausbildung sein Erweckungserlebnis. „Die Mimose Lidsba konnte keine Kanüle sehen“, erzählt er. „Ich war völlig ungeeignet für den Beruf. Damit war das Thema Medizinstudium erledigt.“

Stattdessen faszinierte ihn die Vielfältigkeit der Einsatzmöglichkeiten bei der Bundeswehr. Nach der Offiziersausbildung in der Panzergrenadiertruppe in Hildesheim ging es kontinuierlich weiter nach oben. Lidsba war zweimal Kompaniechef, arbeitete in verschiedenen Funktionen im Bundesministerium der Verteidigung und bei der Nato. Nun, als Kommandeur der Führungsakademie, ist er nicht nur für die strategisch-politische Ausrichtung sowie ethische Ausbildung des zukünftigen Führungspersonals zuständig, auch sein Talent als Gastgeber ist gefragt, wenn die Bundeskanzlerin oder ein hoher internationaler Würdenträger zum Essen bleibt. „Bis heute liebe ich meinen Beruf“, sagt Lidsba. „Ich habe keinen Tag bereut.“

Für Entscheidungen über Leben und Tod bleiben mitunter nur Sekunden Zeit

Auch nicht jenen im September 2009, als der deutsche Oberst Georg Klein am Kundus-Fluss den Angriffsbefehl auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklastzüge gab. Bei dem Bombardement der Deutschen starben 100 Menschen, überwiegend Einheimische. Ein Fernsehfilm mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle versuchte später das Geschehen aufzuarbeiten. „Ich habe mir den Film nicht angesehen“, sagt Lidsba. Zu nahe sei ihm das Schicksal von Klein gegangen. Er sei in jener Zeit „nicht Vorgesetzter, sondern Kamerad und Mitmensch gewesen“. Und als solcher habe er miterlebt, wie selbstquälerisch Klein mit sich und dieser Entscheidung gerungen habe.

„Es ist eine große Verantwortung, die wir den hohen Dienstgraden abverlangen“, sagt Lidsba. „Wer weiß schon mit Sicherheit, ob der weiße Toyota, der auf einen zurast, wirklich von einem Attentäter gefahren wird, so wie es oft der Fall ist. Was, wenn darin eine Frau mit ihren Kindern sitzt? Die Entscheidung darüber muss in Sekunden fallen.“

Im Oktober 2018 wird der Generalmajor pensioniert. Was macht ein Mann danach, der den größten Teil seines Lebens in einer Parallelwelt verbracht hat? „Ich werde keinen Arbeitskreis Sicherheit in meinem Dorf gründen“, sagt er. „Aber ich werde mir eine Beschäftigung suchen. Führung ist in vielen Bereichen ein Thema. Ich könnte mir vorstellen, ein oder zwei Tage Vorträge zu halten. Den Rest stehe ich für Haus und Garten zur Verfügung. Das hat sich meine Frau verdient.“