Der rote Faden

Die Hamburgerin, die ganze Firmen anzieht

Der Rote Faden mit der Designerin Anja Henning , fotografiert in den Räumen an der Budapester Straße

Der Rote Faden mit der Designerin Anja Henning , fotografiert in den Räumen an der Budapester Straße

Foto: Michael Rauhe

Anja Henning entwirft Mitarbeiterbekleidung für namhafte Unternehmen – wie Görtz, Aida oder sogar den Fußball-Weltverband.

Wenn man ehrlich ist, kann man sich eigentlich kaum jemanden vorstellen, dessen Erscheinung weniger zu dem passt, was man gemeinhin mit Firmenbekleidung verbindet. Dass Anja Henning mit Mode und Design zu tun hat, glaubt man sofort. Aber Sweatshirts mit Firmenlogo und Hosen, die jede Bewegung mitmachen? Der moderne Begriff Corporate Fashion ändert wenig daran. „Ich bin selbst kein Uniformtyp“, sagt die Geschäftsführerin von AH Brand Value, die an diesem Tag enge Lederhosen und High Heels zum lässigen Seidentop trägt. Stimmt. Muss sie auch nicht sein. Ihr Job ist es, den Entscheidern großer Firmen und Unternehmen genau zuzuhören. „In meinem Metier ist der realistische Blick wichtiger als die modische Inspiration.“

Und so hängen in ihrem modernen Büro-Loft mit Blick auf den Bunker gleich mehrere Kleiderstangen mit funktionalen Jacken und Oberteilen, die meisten davon in gedeckten Farben, aus denen lediglich der Firmenname oder das -logo farblich hervorstechen. „Wir machen hier keine Mode, sondern Bekleidung. Und im Kern geht es um textiles Marketing.“ Schließlich sind viele Entwürfe nicht für die Mitarbeiter, sondern auch für Kunden gedacht.

Von rutschfesten Sneakers für die Aida-Crew bis zu kilometerlangen Stoffbahnen für die Fifa

Anja Henning weiß sehr genau, wovon sie redet: Rund 25 Jahre ist sie in dieser Sparte zu Hause – 20 davon selbstständig. „Der Begriff Uniform hatte nach dem Krieg einen faden Beigeschmack. Heute spricht man lieber von Mitarbeiterbekleidung oder Team Wear.“ In den vergangenen Jahren hätten immer mehr Firmen erkannt, dass man durch das richtige Outfit auch das Image einer Marke stützen kann. „Das Besondere ist, dass man sich erst einmal ganz genau mit dem Unternehmen und dessen Produkt oder Leistung beschäftigen muss, bevor man mit der Arbeit beginnt.“

Wie unterschiedlich die Anforderungen tatsächlich sind, verdeutlicht ein Blick auf das Kundenportfolio. Ging es bei Görtz zum Beispiel darum, bequeme Kleidung zu entwerfen, in der man sich gut bücken oder problemlos einen Schuhanzieher verstauen kann, wurden der Aida-Crew unter anderem rutschfeste Sneaker geliefert.

„Eine große Herausforderung war auch die langjährige Zusammenarbeit mit der Fifa, nicht nur zur Weltmeisterschaft in Deutschland.“ Kilometerweise Stoff sei damals verarbeitet worden, um Mitarbeiter auf der ganzen Welt auszustatten. „Menschen mit ganz unterschiedlichen Staturen, die überdies in verschiedenen Klimazonen lebten.“ Die Reinigung der Textilien – noch so ein praktisches, aber auch sehr wichtiges Thema. Und so musste die Aida-Kleidung chlorbleichebeständig sein (schließlich herrscht an Bord Wasserknappheit), und Flecken in Teilen für die TUI konnte durchaus auch im beengten Waschbecken zu Leibe gerückt werden. „Unsere Kreativität liegt vor allem im Bewältigen derartiger Probleme“, sagt Anja Henning, die sich ständig über stoffliche Innovationen auf dem Laufenden hält.

Dass auch Uniformen modisch sein können, versteht sich für sie von selbst. „Viele gute Beispiele kommen aus den USA.“ Tatsächlich war es die Arbeit an einer Coca-Cola-Kollektion in Kooperation mit Otto, die die damals 26-Jährige zum Thema Corporate Fashion und auch nach Hamburg gebracht hat. Vorher hatte Anja Henning in Dortmund Grafik Design studiert und beim Modeunternehmen s.oliver im Vertrieb gearbeitet. „Modisch war ich meiner Zeit immer etwas voraus“, erzählt die 50-Jährige und muss plötzlich lachen. „Mein Chef sagte immer: Lass Anja mal über die Kollektion gucken, und was sie gut findet, nehmen wir raus.“ Später kamen ihr Geschmack und ihre Ideen besser an – es waren letztlich sogar die Kunden, die sie zur Selbstständigkeit ermunterten.

Sie ist stolz darauf, Autodidaktin zu sein. „Man kann so lange Design studieren, wie man will. Das Gespür für Trends kann man nicht lernen.“ Alles hat sie sich aneignen müssen, ihr Wissen über Schnitte und Stoffe genauso wie die Expertise, wo welches Teil am besten gefertigt werden kann. Und das auch termingerecht – Timing ist ein wichtiger Faktor in ihrem Geschäft. „Natürlich habe ich manchmal Fehler gemacht, aber ich war nie lange am Boden. Ich bin ein großer Optimist.“ Und weil sie es ist, schiebt sie hinterher: „Es kann keine Lebenssituation kommen, die mich davon abbringt.“

Wichtig ist Leidenschaft für das, was man tut – das soll auch ihr Sohn wissen

Anja Henning ist das, was man eine starke Frau nennt. Ihre angenehm warme Stimme nimmt dem, was sie sagt, nichts von seiner Bestimmtheit. Und dass man sich in ihren intensiven grünen Augen irgendwie festgucken kann, ändert ebenfalls nichts an diesem Gesamteindruck. „Ich bin sehr unabhängig von der Meinung anderer.“

Nicht selten steht hinter Menschen mit einem gesunden Urvertrauen auch eine stabile Familie. Bei der Unternehmerin ist es definitiv so. Das Verhältnis zu den Eltern und der Schwester in der Heimatstadt Bad Oeynhausen ist eng. „Ich weiß, dass ich mich immer auf meine Familie und natürlich auch auf meinen Partner verlassen kann.“ Ihr kreatives Wesen habe sie von der Mutter geerbt, die selbst gelernte Modezeichnerin ist. „Sie hat mich immer dazu ermutigt, das zu tun, was meine Leidenschaft ist, und unabhängig zu sein.“ Und weil sie es tatsächlich schon früh war, ist sie eben nicht dem Vater, der auch jenseits der 80 noch praktiziert, in den Arztberuf gefolgt. „Ich bin immer drauflosgerannt aufs Leben. Weil ich schon immer neugierig war.“

Das ist es auch, was sie ihrem eigenen Sohn mitgeben möchte. Auf die eigene Inspiration zu hören und sich für das zu entscheiden, wofür man brennt. Als Benjamin 1998 geboren wurde, war es für sie immer klar, dass sie weiterarbeiten würde. „Generalstabsmäßig“ habe sie damals alles geplant. „Ich war nun einmal selbstständig, und die Kunden legten Wert auf den persönlichen Kontakt.“

Ein Wochenende im Krankenhaus – danach stieg sie wieder Vollzeit ein. „Unsere Wohnung befand sich damals über dem Büro, also pendelte ich fleißig zwischen Terminen und Baby.“ Wenn man sie heute fragt, bedauert sie es, im ersten Jahr nicht mehr Zeit für ihren Sohn gehabt zu haben. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum sie ihren Mitarbeiterinnen mit Kind so viel Freiheiten lässt. „Ich weiß heute, dass Teilzeit-Mütter sehr fokussiert und dadurch besonders effizient sein können.“ Beide Seiten müssten flexibel sein – so sei es in der modernen Welt.

Reiten als Hobby ist für Anja Henningeine Art Psychotherapie

Sie selbst ist es definitiv. „Ich mache meinen Job sehr gern, er ist keine Strafe für mich“, sagt sie gut gelaunt. „Und deshalb bin ich auch 24 Stunden auf Sendung.“ Und wenn ihr Sohn, heute 17, sie braucht, ist sie ebenfalls da. „Ich habe auch den Kunden gegenüber immer mit offenen Karten gespielt und erklärt, dass das Handy vielleicht gerade auf dem Tisch liegt, weil mein Kind krank ist. Ich bin immer auf großes Verständnis gestoßen.“

Die Zeiten, in denen Anja Henning die Hälfte von 365 Tagen unterwegs war, sind vorbei. Das Internet hat einiges dazu beigetragen. Privat liebt sie es immer noch zu reisen, nach Südfrankreich oder Italien. Erst vor Kurzem ist sie mit ihrem Sohn in England gewesen. „Wir sind mit dem Auto gefahren, weil ich ihm so gern zeigen wollte, wie sich die Landschaft verändert.“

Die 50-Jährige lebt gern in der Stadt. Trotzdem sagt sie: „Je älter ich werde, desto mehr brauche ich die Natur. Was früher New York für mich war, ist heute der Park vor der Tür. Oder der Moment, in dem ich einfach nur aufs Wasser schaue.“ Wann immer sie es schafft, geht sie reiten. „Das ist für mich wie Psychotherapie.“ Nicht weit von ihrem Zuhause in Nienstedten hat sie ihr Pferd stehen, und weil sie gern an ihre Grenzen geht, plant sie nicht nur Ausritte, sondern nimmt regelmäßig auch Dressurunterricht.

Anja Henning hat noch ein zweites Büro. Von dort aus widmet sie sich einem anderen Bereich, der immer mehr Raum in ihrem Leben einnahm: der Kunst. „Ich kümmere mich darum, dass verschiedenste Objekte in die Hände von Ausstellern geraten. Das können auch Möbel sein.“ Dabei kann es sich etwa um die Ausstattung von Firmendomizilen handeln. „Es geht darum, Orte mit Emotionalität aufzuladen. Ich bin davon überzeugt, dass Zukunft auch Herkunft braucht.“ Auch hier spricht die Autodidaktin, die ihrer Kreativität einmal mehr freien Lauf lassen kann, „weil man es mir zutraut“.

Es ist früher Nachmittag, die letzte Teilzeitmutter verabschiedet sich aus dem Büro-Loft. Anja Henning bleibt noch, am Abend wartet ein Termin mit einem potenziellen Kunden auf sie. Davor möchte sie kurz bei ihrem Pferd vorbeischauen. Der Reitstall ist dann aber auch der einzige Ort, an dem man sie in einer Art Uniform antreffen wird.