Enzensbergers Erben

Das Kursbuch wird 50 – und setzt auf den Zeitgeist

Der Münchner
Soziologe Armin
Nassehi ist seit
drei Jahren
Herausgeber des
Kursbuchs

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi ist seit drei Jahren Herausgeber des Kursbuchs

Foto: picture alliance

Das seit drei Jahren in Hamburg erscheinende und legendäre Debattenmagazin feiert Geburtstag. Es versteht sich als nachhaltig aktuell.

Am 10. Juni 1965 kam das erste Kursbuch heraus. Seit drei Jahren erscheint das in der Studentenbewegung berühmt gewordene Magazin im Hamburger Murmann-Verlag. Anlässlich des 50. Geburtstags des legendären und einst von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Heftes sprach das Abendblatt mit dem neuen Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi.

Hamburger Abendblatt: Die Jubiläumsausgabe trägt den Titel „Das Kursbuch. Wozu?“. Stellen Sie sich diese Frage oft?

Armin Nassehi: Zu Jubiläen gehört es geradezu, die „Wozu“-Frage zu stellen. Aber eine Dauerreflexion dieser Frage wäre wohl eher merkwürdig. Wir stellen uns diese Frage freilich stets im Hinblick auf unsere Themen und im Hinblick darauf, wozu und zu welchem Ende bestimmte Fragen zu stellen sind. Insofern gehört diese Selbstreferenz dazu, denn zu jeder Antwort braucht es eine Frage – und die stellen wir selbst.

Muss sich in der Zeit von Blogs und Kommentarspalten jedes Debattenmagazin neu legitimieren?

Nassehi: Unsere Legitimationsfrage ist die Frage, wie es uns gelingt, Anschlüsse zu provozieren, die Leser herauszufordern, uns selbst beobachtbar zu machen. Das Schöne und Offene an Kommunikationsprozessen ist ja gerade das eingebaute Risiko, der Mangel an Kontrolle, die Offenheit der Situation. Legitimationsfragen sind offene Fragen, die wir letztlich nicht selbst beantworten können, sondern die von anderen für uns beantwortet werden müssen.

Welche Rolle kann das Kursbuch dabei spielen, den Niedergang der Geisteswissenschaften aufzuhalten, die ja in den vergangenen Jahrzehnten einen Bedeutungsverlust erfahren haben?

Nassehi: Ich weiß gar nicht, ob die Diagnose des Niedergangs stimmt – vielleicht werden heute Fragen nur anders gestellt. Aber das Kursbuch ist ja kein geisteswissenschaftliches Organ, sondern versucht, unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven zusammenzubringen – nicht nur geistes-, sondern sozial- und naturwissenschaftliche, politische, ökonomische, medizinische, künstlerische, religiöse und literarische Perspektiven. Man muss sich nur vergegenwärtigen, wie unterschiedlich unsere Autorinnen und Autoren sind. Geist, um es einmal so zu sagen, pluralisiert sich heute sehr – und dem wollen wir dadurch Rechnung tragen, dass wir eben die unterschiedlichsten Geister zur Sprache bringen wollen.

Es gab eine Zeit, in der Kursbuch vor allem auch für linke Positionen stand. Wofür steht es heute?

Nassehi: Als das Kursbuch 1965 gegründet wurde, war eine kritische, herausfordernde, aus den gewohnten Routinen ausbrechende Perspektive fast zwangsläufig links – wobei das Kursbuch stets den sozialen Bewegungen und ihren Selbstverständlichkeiten gegenüber skeptisch oder wenigstens reflexiv eingestellt war. Heute ist nicht mehr ausgemacht, ob linke Perspektiven mehr Überraschungswert haben als konservative oder sogar rechte. Es ist nicht einmal mehr ausgemacht, ob diese Unterscheidungen noch funktionieren. Eine kritische Perspektive kann heute gar nicht anders, als auch diese Unterscheidung aufs Korn zu nehmen. Insofern steht das Kursbuch heute wie schon zu früheren Zeiten für eine eher skeptische Haltung im Hinblick auf gut eingespielte Selbstverständlichkeiten. Und diese Selbstverständlichkeiten sind heute bisweilen eher links.

Was sind die großen Themen, derer sich das Kursbuch annehmen will? Wie aktuell kann das Kursbuch sein?

Nassehi: Aktualität ist keine Frage der schnellen Reaktion auf Ereignisse. Aktualität muss sich in der Art der Fragestellung ergeben, für Themen, die auch über den Tag hinaus relevant sind und sein müssen. Wir haben durchaus aktuelle Themen für die nächsten Ausgaben im Blick: das Problem von Flucht und Flüchtlingen, den Kunstmarkt, die Stadtentwicklung, die Universität und sicher auch Globalisierungsfragen.

Also durchaus erwartbare Themen.

Nassehi: Zugegebenermaßen – aber wir hoffen, nicht sofort erwartete Antworten zu geben, Perspektiven zu kombinieren, die man sonst nicht zusammendenkt, oder Distanz und Engagement so zu kombinieren, dass eben nicht nur das kurzfristige Engagement, aber auch nicht nur die coole Distanzierung vorherrscht. Wenn das gelingt, sind wir automatisch aktuell, denn Aktualität würde heißen, dass Leserinnen und Leser eine Ausgabe gerne zur Hand nehmen – jetzt oder auch später, aber immer aktuell.