Autostadt Wolfsburg

“Wir zeigen, was es in der Welt gibt, das ist unser Konzept“

Maria Schneider, Krativdirektorin der Autostadt Wolfsburg, wohnt in Hamburg. Beruflich pendelt sie nach Wolfsburg - und bereist permanent die Welt

Maria Schneider, Krativdirektorin der Autostadt Wolfsburg, wohnt in Hamburg. Beruflich pendelt sie nach Wolfsburg - und bereist permanent die Welt

Foto: Michael Rauhe

Die Hamburgerin Maria Schneider ist seit 15 Jahren Kreativdirektorin der Autostadt – und freut sich über jeden freien Parkplatz.

Winterhude.  Glück gehört halt auch dazu. Am Mühlenkamp bedeutet die Steigerung von Glück, wenn man einen Parkplatz bekommt. Ist dieser auch noch genau vor dem zu erreichenden Ziel – unbezahlbar. Maria Schneider parkt direkt vor dem Café TH2. Klar, sie kommt mit dem Auto; das Nutzen dieses Fortbewegungsmittels gehört gewissermaßen zu ihren Job.

Schneider lebt in Hamburg, arbeitet aber als Kreativdirektorin für die Autostadt Wolfsburg, leitet das einzigartige Prestigeprojekt des Automobilherstellers VW seit 15 Jahren.

Frau. Auto. Kunst und auch noch Fußball. Was für Banausen nach Gegensätzen klingt, vereint sich vorbildlichst in Maria Schneiders Person. Wenn sie mit leiser, unerwartet feiner Stimme erklärt, wird deutlich, dass sie genau die Richtige dafür ist. Dafür, um Marketingmenschen, Vorständen und Alphatieren zu erklären, warum welche Kunstinstallation, welches Tanz-Ensemble, ja, welches Ernährungskonzept in die Autostadt passen.

Es ist dabei ein Vorteil, dass sie ein Studium der Erziehungswissenschaften und langjährige Lehrtätigkeit bei allen Altersgruppen absolviert hat. Sie lächelt weise. „Das ist mein Lebensthema, etwas zu vermitteln“, sagt die künstlerische Leiterin der beliebten „Movimentos“-Festwochen, die zudem Gebrauchsgrafik und Germanistik studierte, in einem Kunstverlag arbeitete, im Kunstmuseum Wolfsburg die Kommunikationsabteilung leitete und somit prädestiniert für ihren aktuellen Job ist.

Schnittstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft

„In Bezug auf meine Arbeit basiert dabei alles auf Vertrauen. Ohne das Vertrauen des Vorstands und der Geschäftsführung hätte ich nichts realisieren, nicht so arbeiten können.“ Ihre Arbeit – das ist das Konzept und die Realisierung der Autostadt: Ein erlebnisreiches, sich über 25 Hektar Park- und Lagunenlandschaft hin erstreckendes Areal mit zehn Restaurants und einem Hotel.

Schneider sieht die Autostadt als „eine Kommunikationsplattform des Volkswagen Konzerns“, als „Schnittstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft“. Dabei geht es der Frau, die sehr viel mit ihrem Team auf Reisen in der ganzen Welt ist, darum, „die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit und Lebenswelt anzusprechen und die Themen künstlerisch zu inszenieren“.

Das diesjährige Thema des gerade abgeschlossenen fünfwöchigen Tanzfestivals „Movimentos“ war beispielsweise „Frieden“. In Schneiders Augen das Thema für den gesamtgesellschaftlichen Diskurs: Frieden sei mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg.

„Der zentralste Punkt der Autostadt ist ein im besten Sinne aufklärerisches Gedankengut, das ist der Kern“, sagt Schneider. Mit der Ausrichtung, bei Movimentos nur internationale Kompanien zeitgenössischen Tanzes auftreten zu lassen (und keine deutschen) war sie sicher nicht immer die beliebteste Kulturmanagerin – und das mit einem nicht unerheblichen Budget.

„Man muss es immer erklären, wenn man so vielfältig aufgestellt ist. Wir zeigen, was es in der Welt gibt, das ist unser Konzept“, sagt sie. „Wenn ich das erklärt habe, ist es für die meisten einleuchtend, dass wir den Tanz in eine Region bringen, in der das bisher noch nicht so ausgeprägt war“, sagt Schneider ohne jegliche Koketterie. „Dadurch entsteht ein tanzbegeistertes Publikum, das unter dem Jahr die deutschen Ensembles und Theater besucht.“ Dass am Ende alle zufrieden sind, beruht auf ihrer Gabe, ohne Pause zu erklären, Gedanken zu erneuern, immer empathisch und emotional geblieben zu sein.

Sie erzürnt Bauern , die kein Biofleisch liefern

Wenn sie reist, dann saugt sie alles in sich auf. „Ich gucke nicht nur, nehme nicht nur auf, sondern muss permanent den Transfer für uns leisten“, sagt sie. Beispiel Restaurants: „Ich sehe mir in allen Ländern an, wie ist das Design? Wie ist das Food-Konzept? Wie ist der Service?“, sagt sie. „So wandelte sich die asiatische Nudelküche der Autostadt in eine italienische Nudelküche mit Konzept aus L. A.“, sagt sie. Was nach Nuancen klingen mag, sind zeitgeistige Strömungen. So muss sie sich derzeit auch den aufgebrachten Bauern stellen, die konventionell arbeiten und der Autostadt kein Fleisch in Bio-Qualität liefern können.

Schneiders Nachhaltigkeits-Gedanke aber fußt auf Bio. Und der Wahlmöglichkeit für den Besucher. Deshalb finden sich in der Autostadt zehn Restaurants, eingeteilt in solche, die vegane und vegetarische Küche anbieten und solche, die Fleisch- und Fischgerichte offerieren. „Selbstverständlich wollte ich keinen Berufsstand diskreditieren“, sagt Schneider, „meine Familie kommt selbst aus einem bäuerlichen Betrieb bei Husum.“

Schneider ist immer in Bewegung, gedanklich, körperlich. Ist sie nie aus? „Aber auch nie an“, sagt sie. „Immer mit bloß gelegten Nervenenden, das ist ein latenter Modus.“ Immer aufnahmebereit, dabei wirkt sie keineswegs abgestumpft. „Man muss ein berührbarer Mensch sein“, sagt sie dazu. Lässt es auch zu, dass ihrer Augen feucht werden, wenn sie über herzbewegende Themen künstlerischer Arbeit wie ein jüngst erlebtes Bach-Konzert spricht.

Oder ihre Heimat. Hamburg. Hier eine wassernahe Straße in Winterhude, in der sie seit 1998 wohnt und inzwischen drei mal ihre Hausnummer durch Umzug gewechselt hat. Ansonsten schätzt sie hier die Ruhe. Ebenso wie den Parkplatz direkt vor der Haustür.