Ernährung

Vegan leben? Ein Vater machte den Selbstversuch

| Lesedauer: 14 Minuten
Sören Sieg

Alles wegen Julia, 30 Tage verzichtete Sören Sieg auf Tierisches. Wie es sich lebt, auf der Jagd nach Sojamilch aber ohne Schokolade.

Hamburg. "Papa, ich muss dich unbedingt sehen! Hast du Zeit?“ Meine Tochter kam völlig aufgelöst zu mir. Sie hatte gerade zwei Bücher über Milchkühe und Legehennen gelesen. „Die männlichen Küken werden einfach geschreddert, direkt nach der Geburt. Oder vergast. Milchkühe werden genauso geschlachtet wie Mastkühe. Viele werden nicht richtig betäubt oder wachen wieder auf. Dann werden sie bei vollem Bewusstsein aufgeschnitten und zerlegt ... wie im Horrorfilm!“ Sie zittert. Vegetarier sind wir schon ewig. Aber Milch und Eier? Sind doch friedliche Erzeugnisse, hatte ich mich immer beruhigt. „Papa, lass uns das wenigstens 30 Tage probieren, bitte!“ Ich habe zugesagt. Ich weiß, wie schrecklich es sich anfühlt, wenn man etwas weiß, was für alle wichtig ist, aber niemand es hören will. Es nimmt einem den Glauben an die Menschen. Und den braucht man nun einmal.


Tag 1:
Was wird aus der Milch in meinem Tee? „Sojamilch gibt’s sogar beim Discounter!“, sagt Julia. Tatsächlich. Sojamilch und Sojasahne, Mandelmilch und Reismilch. Abends kündige ich das Experiment auf Facebook an. „Vegan?“, schreibt Anne. „Hab ich mal probiert und nach drei Tagen aufgegeben.“ Und Inka: „Ich hab’s vor 6 Jahren mal drei Tage probiert und bin seitdem dabeigeblieben.“ Zu welcher Fraktion werde ich gehören?

Tag 2:

Reformhaus. Hilfe: Meine Lieblingstofuknackwürstchen enthalten Ei-Eiweiß! „Also, das werde ich nicht durchhalten“, sage ich zu Julia, „das ist einfach zu lecker.“ „Und weil es lecker ist, soll das Huhn sterben? Und das männliche Eintagsküken?“ Carlo schreibt auf Facebook: „Vegan geht gar nicht. Spaghetti ohne Parmiggiano?“ „Habe ich substituiert“, antwortet Inka. Carlo: „Tofu-Parmesan? Eine Todsünde!“

Tag 3:

Ich traue mich nicht, den Inhaber meines portugiesischen Cafés nach Soja-Galao zu fragen (er würde nie wieder mit mir reden.). Stattdessen bestelle ich einen Mangoshake. In der Zeitung ist ein Interview mit Udo Pollmer zu seinem Buch „Don’t go Veggie“. „Zuviel Tofu macht impotent“, sagt Pollmer.

Tag 4:

Berlin. Gottseidank gibt’s im Schöneberger Café Soja-Latte-Macchiato. „Latte mit normaler Milch bestellt hier niemand mehr“, erzählt die Kellnerin. „Aber ich rate von Sojalatte ab.“ „Wieso?“ „Gute Sojamilch gibts nur im Bioladen. Viel zu teuer. Deshalb verwenden Cafés nur billigste Sojamilch. Da ist jede Menge Müll drin.“ Sie ist selbst Veganerin. Was sie bestellt? „Earl Grey.“

Tag 5:

Meine airbnb-Gastgeber haben mir ein tolles Frühstück hingestellt, rein vegetarisch. Aber für mich nichts dabei: Butter, Käse, Choco Nussa (mit Magermilchpulver). Bleiben nur die Erdbeeren. In den Bäckereien am Hauptbahnhof: Brötchen mit Wurst, Ei oder Käse. Als Vegetarier war immer EINE Sache dabei. Für den Veganer ist meist KEINE Sache dabei. So wie im Zugrestaurant. Ich bestelle Earl Grey ohne Milch. Bilde ich es mir nur ein, oder schmecke ich dadurch zum ersten Mal den Tee?

Tag 6:

Für mein Kochen ändert sich erfreulich wenig: Pilzrisotto, Nudelpfanne, Gemüsesuppe. Ich ersetze Sahne durch Sojasahne, das war’s.

Tag 7:

Brüssel. Die Hauptstadt von Waffeln und Schokolade. Das halte ich nicht durch. Julia simst: „Du schaffst das! Da steckt indirekt Folter drin. Du würdest fett. Und du ruinierst die Umwelt!“ „Aber ich liebe Waffeln und Schokolade!“ „Eine Welt ohne KZ ist trotzdem schöner.“ „Was ist mit Biohühnern und Bioküken?“ „Die kriegen die Schnäbel abgehackt und werden ganz jung getötet. Du musst viel mehr dazu lesen!“ Sie hat Recht. Ich melde mich bei veganstart von Peta an. Thomas D (Fanta 4) verspricht mir in einem Video, dass alles ganz einfach wird. Ab jetzt kriege ich täglich eine Mail von Mario: „Ich bin in den nächsten 30 Tagen ihr persönlicher Vegan-Coach.“

Tag 8:

Ich lade mir die vegane App Happy Cow auf mein Handy. Sie zeigt mir drei vegane Restaurants in der Nähe. Fußläufig! Ich klappere sie ab. Alle drei existieren nicht mehr. Dafür kriege ich in einer Chocolaterie eine vegane heiße Schokolade mit 83 Prozent Kakao und Sojamilch. So schmeckt also Kakao! Ich glaube nicht, dass ich mich jemals „Veganer“ nennen werde. Klingt zu sehr nach Ernährungstaliban.

Tag 9:

Rückfahrt. Im Zugbistro bestelle ich den ersten Espresso meines Lebens. So schmeckt also Kaffee! Auf provegan.info lese ich, Milch und Milchprodukte seien die gesundheitsschädlichsten Nahrungsmittel überhaupt. Bitte?

Tag 10:

Mit meinem Sohn im Vapiano. Ich überwinde meine Hemmungen und frage, ob die Tomatensuppe vegan sei? Nein. Die Paprikasuppe? Nein. Aber die Köchin (selbst Veganerin) verrät mir, die Pasta sei vegan, die Tomatensauce und die Saucen zu Pollo Piccante und Estiva. Ich soll also Pasta mit Hähnchenbrust ohne Hähnchenbrust bestellen. Das ist mir zu blöd. Ich nehme gemischten Salat.

Tag 11:

Eine Freundin macht mir ein veganes Abendessen mit lauter arabischen Köstlichkeiten: Falafel, Hummus, Petersiliensalat, Auberginen. Nachtisch: Obstsalat mit Soja-Vanille-Joghurt, Ahornsirup und echtem Kakao.

Tag 12:

Im Schanzenviertel stelle ich fest, dass ich beim Türken dasselbe bestellen kann wie immer: Pommes und gemischten Salat. Wie immer bin ich nach den Pommes satt, der Salat schmeckt nach Wasser. Abends im Theater erzähle ich dem Intendanten, eine Freundin lebe jetzt vegan. Darauf er: „Das mag ich überhaupt nicht. Das ist so typisch überkonsequent.“

Tag 13:

Veganer reimt sich auf Texaner, Mohammedaner, Lilliputaner und Puritaner. Mein Vegan-Coach Mario verrät mir, wer alles Veganer ist: Bryan Adams, Tim Bendzko und Al Gore (keine Überraschung), Martina Navratilova, Christoph Maria Herbst und Bill Clinton (ziemliche Überraschung), jede Menge Hollywood-Schauspieler sowie Carl Lewis und Mike Tyson. Sind Ohren vegan?

Tag 14:

Ich bestelle beim Vegan-Versand sieben Burger, sieben Sorten Tofu, acht Streichcremes. Mario schreibt, in den 30 Tagen würde ich so viel CO2 einsparen wie vier Autos in einem Jahr verbrauchen. Ich gönne mir meine erste vegane Süßigkeit: Rice Choc mit Haselnusskrokant. Sehr lecker.

Tag 15:

Die sieben Burger kommen: African Mild, Classic Bavarian, Ocean Beach, Swiss Alpine, Oriental Mild, Robinson und Tijuana Burger. Vegan goes Denglisch. Meine Tante bringt mir vegane Grünkohlchips mit. Das geht echt zu weit. Bei Facebook trete ich der Gruppe „Das vegane Zeitalter hat begonnen“ bei. Die Gruppe versteht sich als „anti-sexistisch, anti-rassistisch und anti-speziesistisch“. Was ist „anti-speziestisch“? Und kann man als Macho auch Veganer sein?

Tag 16:

In der Zentralbibliothek leihe ich mir zehn Bücher aus, u.a. Peter Singer, dessen Animal Liberation 1975 eine Revolution auslöste. Ich frage die Bistro-Bedienung, ob es Latte mit Sojamilch gibt. „Nee, das kippt uns um, wird zu selten nachgefragt. Sie können das echt nicht ab, oder?“ – „Nee, ich bin Ideologe.“ – „Dann haben Sie ja selber schuld!“ Im Veganen Zeitalter wird diskutiert, ob Zigarettenfilter aus Schweineblut gewonnen werden. Udo postet: „Warum werden Veganer nicht beerdigt? Weil die auf’n Kompost kommen.“

Tag 17:

Ich frage die Firma, die meine Lieb­lingstofuknackwürstchen herstellt, ob sie das Ei-Eiweiß nicht weglassen können. Sie antworten, ohne Hühnerei-Eiweiß lasse sich nicht dieselbe „Textur, Konsistenz und Bindung“ erreichen. Peter Singer schreibt, wir hätten keine Privilegien, nur weil wir Menschen sind. Schmerzempfindlichkeit, Lebenswillen, Bewusstsein, Selbstbewusstsein könnten Tiere und Menschen haben – oder auch nicht. Den Menschen grundlos zu bevorzugen, nennt er „Speziesismus.“ Ist doch gar nicht so blöd.

Tag 18:

Julia und ich im Burgerfieber: gebratene Zwiebeln, Champignons, halbierte Burger, Curryketchup, Gurkenscheiben, Toast. Meine Tante schickt mir einen Zeitungsartikel: „So vermeiden Vegetarier Mangelernährung.“ Ich will mich gerade aufregen, da sehe ich: Es sind Empfehlungen vom Vegetarierbund Deutschland (Vebu). Angeblich muss ich aufpassen, genügend Eisen, Jod, Vitamin D, Zink und Omega-3-Fettsäuren zu bekommen. Was sind Omega-3-Fettsäuren?

Tag 19:

Ich verschlinge „Artgerecht ist nur die Freiheit“ von Hilal Sezgin. „Wir können Säugetieren nichts Schlimmeres antun, als ihnen ihre Kinder oder Mütter wegzunehmen.“ Milchkühe rufen noch wochenlang nach ihren Kälbern. Im Vapiano bestelle ich Penne mit Hühnchenbrust ohne Hühnchenbrust und frage nach dem Preis. Es soll derselbe sein. Ich rege mich auf und bestelle nur Tee. Im Veganen Zeitalter wird diskutiert, woran man veganen Wein erkennt. Udo postet: „Was steht auf dem Grabstein des Veganers? Zum letzten Mal ins Gras gebissen!“

Tag 20:

Ich lese einen Artikel über Vitamin B12. 80 Prozent der Vegetarier haben zu wenig davon. Nach 30 Jahren Fleischverzicht müsste ich unter Depressionen, Haarausfall, Paranoia und Demenz leiden. Deshalb verliere ich ständig meine Handschuhe! Ich bestelle 100 Methyl-B12-Tabletten für 9,98 Euro (in der Apotheke hätten 50 Stück 21,23 gekostet). Vegetarisch lebende Inder kriegen den Stoff, indem sie über dreckiges Gemüse „Kotreste, Insekteneier, Larven und Parasiten“ aufnehmen. Wandern sie ins hygienischere England aus, werden sie krank.

Tag 21:

Im Zugrestaurant: Sie haben ein Vegan-Kennzeichen eingeführt und ein veganes Gericht: Fusilli mit Tomatensauce! Meine Sitznachbarin erzählt, sie habe eine total witzige Kabarettistin gesehen: „Die meinte, Veganer am Tisch sind ja okay. Aber sie sollen verdammt noch mal die Schnauze halten.“ Auf Facebook werde ich Mitglied der Gruppe Tofunutten. Bananen für Penner.

Tag 22:

Ich fahre zum veganen Supermarkt auf St.Pauli. Er existiert nicht mehr. In „Vegan!“ lese ich, dass schon Plutarch, Pythagoras, Sokrates und Seneca vegetarisch lebten. Und ein schönes Zitat von Theodor Heuss: „Dass das Wort Tierschutz geschaffen werden musste, ist wohl eine der blamabelsten Angelegenheiten des menschlichen Geistes.“

Tag 23:

„Bleibst du dabei, Papa?“ – „Ich weiß noch nicht.“ – „Du musst! Du wärst der einzige außer mir!“ Ich lese „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Er überzeugt, gerade weil er Fleischesser verteidigt. Wer die detaillierte Schilderung des Schlachtens gelesen hat, dem muss der Appetit auf Fleisch vergehen. Im Falafelimbiss an der Sternschanze sagt der Verkäufer: „Alle unsere vegetarischen Gerichte sind vegan!“

Tag 24:

Ich verschlinge den Foer. Allein die Nutztiere in den USA bekommen acht Millionen Kilo Antibiotika im Jahr. Und produzieren 130-mal so viel Urin und Kot wie die gesamte Weltbevölkerung. Auf Youtube sagt er: „Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn unsere Annahmen über Tiere zu großzügig sind? Wir hätten sie zu gut behandelt. Wenn sie aber viel mehr denken, fühlen und leiden, als wir ahnen, dann haben wir eine Katastrophe epischen Ausmaßes verursacht.“ Ich bewundere seine Ruhe.

Tag 25:

Ich habe mich immer noch nicht getraut, die Mandelmilch zu trinken, weil Julia meint, sie schmecke eklig. Ich lese „Tiere haben Rechte“ von Helmut Ka­plan. Das Buch könnte auch heißen „So vergraulen Sie jeden Fleischesser“. Im Veganen Zeitalter wird diskutiert, was man tun kann, wenn Freunde einem Fotos nichtveganer Gerichte simsen. Was ich wirklich vermisse, ist Eis.

Tag 26:

Von Marios Rezepten probiere ich „Falsches Rührei“ mit Seidentofu. Schmeckt wabbelig. Genial die veganen Szechuan-Nudeln. Ich lese Nina Messingers „Plädoyer für eine gewaltfreie Ernährung“. Unendlich viele Fakten. Und ein ernster Appell: Lasst die Tiere in Ruhe, ernährt euch pflanzlich! Rührend und konsequent zugleich. Trotzdem wirkt es naiv. Warum bloß?

Tag 27:

In London sagt der Verkäufer im Café: „Ich habe mich lange nur von Rohkost ernährt, um neue Dinge kennenzulernen. Im Moment ernähre ich mich aber nur von Fleisch, Käse und Alkohol.“ Ich lese „Anständig Essen“ von Karen Duve. Warum lese ich sechs Bücher dazu in neun Tagen, nachdem ich 30 Jahre nichts dazu gelesen habe?

Tag 28:

Mit Julia im veganen Supermarkt in Bahrenfeld. Ein Paradies: Keine Zutatenlisten lesen, keine peinlichen Fragen, keine abschätzigen Blicke. Es gibt veganen Pudding, vegane Pizza, vegane Schnitzel, veganes Duschgel, vegane Schuhe, vegane Hundeknochen, vegane Oblaten und vegane Kondome. Ich kaufe den halben Laden leer. Bullshit-Bingo im Veganen Zeitalter: „100 Prozent vegan ist unmöglich!“ „Wo bekommst du dein Protein her?“ „Löwen essen aber auch Fleisch!“ „Hitler war Vegetarier!“ „Euer Soja zerstört den Regenwald!“ „Veganes Essen ist viel zu teuer!“

Tag 29:

Messinger schreibt, Milch und Milchprodukte förderten Allergien, Asthma, Diabetes, Akne, Krebs, Parkinson, Osteoporose, Blähungen, Morbus Krohn. Es entziehe uns Kalzium, das Kasein verklebe unsere Darmzotten. Pupsende Kühe seien schlimmer fürs Klima als der ganze Verkehr zusammen. Mich überzeugt Jean Paul: „Aus wie vielen Marterstunden der Tiere lötet der Mensch eine einzige Festminute zusammen.“ Mir wird klar, warum ich vegan bleiben werde: um unbeschwert genießen zu können. Wieso gelten Veganer dann als Spaßbremsen?

Tag 30:

Zwei Kilo abgenommen. Zum festlichen Abschluss mit Julia im Leaf, einem veganen Restaurant in Ottensen. Kreolische Auberginen-Kasserolle, gefüllte Kartoffel-Küchlein, Curry Masala und frittierte Okraschoten. Ich erzähle ihr meinen Lieblingswitz von Udo. Fragt der Friseur: „Darf ich Ihre Koteletten kürzen?“ Sagt der Kunde: „Könnten Sie bitte Tofuletten sagen? Ich bin Veganer!“ Ich werde das Eis vermissen.

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