Theater

Wie aus 800 Seiten “Schuld und Sühne“ ein Drama wird

Viermal hat der Dramaturg Christian Tschirner - hier im Treppenhaus des Schauspiehauses - den Dostojewski-Roman komplett gelesen

Viermal hat der Dramaturg Christian Tschirner - hier im Treppenhaus des Schauspiehauses - den Dostojewski-Roman komplett gelesen

Foto: Roland Magunia

Am Schauspielhaus hat Dostojewskis „Schuld und Sühne“ Sonnabend Premiere. Dramaturg Christian Tschirner erklärt, wie das funktioniert

Hamburg.  Raskol bedeutet auf russisch so viel wie „abgespalten“. Raskolnikov heißt der Held aus Fjodor Dostojewskis 800-Seiten-Roman „Schuld und Sühne“, denn der Student ist losgelöst von den tragenden Kräften des menschlichen Seins.

Er ist besessen von der Idee des Nutzens, glaubt, „großen“ Menschen sei es erlaubt „lebensunwertes“ Leben zu vernichten, das heißt in seinem Falle eine alte Wucherin zu töten, um mit dem geraubten Geld sein Studium zu finanzieren. Er bewegt die Tat moralisch hin und her, begeht schließlich den Mord und ihm gelingt die Flucht. In der Folge vereinsamt er, gesteht die Tat, braucht die Strafe als Sühne.

Dostojewskis Krimi-Roman-Tragödie, ein Stück Weltliteratur, kommt nun als Drama, von Karin Henkel inszeniert, auf die Bühne des Schauspielhauses. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Kurzversion der ersten hundert Romanseiten, betitelt „Schuld“, im Malersaal zu sehen. Darin hatte Karin Henkel den Abend als Theater-Probe inszeniert. Noch wurde nur probiert, wie der Mord aussehen könnte, noch war alles ungewiss, genauso wie Raskolnikov im Ungewissen war, ob er die Tat begehen soll.

Gemeinsam mit Henkel hat der Dramaturg Christian Tschirner den gesamten Romanstoff nun für die Bühne bearbeitet, hat Dialoge formuliert, Figurenzeichnungen geformt, Beweggründe sichtbar gemacht und die Handlung ausgearbeitet. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit am Text.

Hamburger Abendblatt: Wie lange haben Sie sich mit dem Text beschäftigt?

Christian Tschirner: Insgesamt sicher ein halbes Jahr.

Wie oft haben Sie den 800-seitigen Dostojewski-Roman gelesen?

Tschirner: Viermal ganz. Und Teile täglich immer wieder. Wenn man eine Bearbeitung macht und versucht, die Szenen miteinander zu verbinden, liest man natürlich abschnittweise immer wieder. Wir lesen bis heute noch nach.

Wie entsteht aus dem Roman ein Drama?

Tschirner: Wir fragen uns als Erstes, was ist wichtig im Roman, was interessiert uns und wie ist die Rezeptionsgeschichte. Es gibt auch sehr viel Sekundärliteratur, die ich lese, um mich dem Roman anzunähern. Dostojewskis Themen in seinen Romanen sind häufig miteinander verwandt. Es gibt Sujets, die ihn umgetrieben haben und die immer wieder auftauchen. Und seit rund 80 Jahren versucht man schon ‚Schuld und Sühne‘ zu dramatisieren. Es liegen bereits einige Bühnenfassungen vor. Stefan Zweig hat beispielsweise darüber geflucht, wie schlimm diese Bearbeitungen sind. Viele davon habe ich gelesen.

Was war für Sie das Wichtigste im Roman?

Tschirner: Die Frage, unter welchen Umständen ein Mensch bereit ist, sich über Moralvorstellungen hinwegzusetzen. Raskolnikov glaubt nicht mehr daran, dass das bestehende Rechtssystem etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat. Er will sich selbst um Gerechtigkeit kümmern. Für uns bestand eine große Qualität darin, dass sehr vieles im Kopf der Hauptfigur vorgeht. Wenn wir da nur auf die klassisch dramatisierbaren Szenen setzen würden, müssten wir auf eine Menge verzichten, das den Roman reich macht. Erzählt wird ja der Albtraum eines Menschen, der sich zu einer Tat entschlossen hat und von dieser Entscheidung überfordert ist. In seinem Kopf konkurrieren Eindrücke miteinander, die ihn entweder von der Tat abhalten oder ihn darin bestärken sollen. Wir versuchen das in Figuren zu verlegen. Sechs Menschen sprechen darüber, wie es wäre und was daraus folgen würde, wenn die Frau umgebracht werden würde. Es gibt Theoretiker und Praktiker. Im Roman sagt Raskolnikov, dass er sich mit den Umständen, die ihn umgeben, nicht abfinden möchte. Er fühlt sich als freier Mensch und betrachtet seinen Entschluss, die Frau zu töten als Ergebnis des freien Willens. Durch das ständige Argumentieren mit sich selbst hat er das Gefühl, das Schicksal habe ihn für diesen Mord bestimmt. Was ist es also, freier Wille oder Schicksal? Uns interessiert der Kopf dieses Täters.

Wie stellt man etwas dar, das im Kopf eines Menschen stattfindet?

Tschirner: Die klassische Theaterform wäre der innere Monolog. Aber der ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Deshalb haben wir die Ideen aufgespalten und auf mehrere Figuren verteilt. Raskolnikov erscheinen seine Gedanken wie Gespenster, die er sieht. Man darf auch nicht vergessen, dass er anfangs beinahe im Delirium ist, er hat tagelang nichts gegessen, kehrt an den Tatort zurück. Wir erzählen, dass er sich nur schwer entschließen kann, die Tat zu begehen. Und wie genau sie abläuft, daran versucht er sich immer wieder mühsam zu erinnern. Ansonsten folgen wir dem Handlungsablauf des Romans.

Nachdem Sie und Karin Henkel den Roman gelesen hatten, wie ging die Arbeit weiter?

Tschirner: Wir haben uns überlegt, welche Figuren wichtig sind und was Raskolnikovs Verhalten beeinflusst. Was bringt die Handlung voran? Welche Rolle spielt die Religion? Wir streichen uns beim Lesen bestimmte Stellen an, die wir wichtig finden. Außerdem schreibt Dostojewski auch schon viele Dialoge, die wir übernehmen können. Wir schauen uns die unterschiedlichen Übersetzungen an und das, was daran interessant ist. Danach fangen wir an, an den Szenen zu arbeiten. Das schreiben wir gemeinsam, wochentags und wochennachts.

Dann gibt es die erste Leseprobe und Sie merken, oh, dort hakt es.

Tschirner: Genau.

Dann schreiben Sie wieder neu?

Tschirner: Genau.

Dann finden die ersten Proben statt und Sie merken, es hakt wieder?

Tschirner: Genau.

Dann schreiben Sie noch mal neu?

Tschirner: Genau. Wir verlegen aber auch Szenen. Beim Spiel merken wir auch durch die Schauspieler, was man noch braucht und was man weglassen kann.

Was haben Sie weggelassen?

Tschirner: Einige Figuren und von der Haupthandlung wegführende Szenen. Der Roman hat sehr viel Material. Es ist ein großes Werk. Wir wollen den Kern treffen. Das ist durchaus ein Wagnis. Uns begegnen grundsätzliche Fragen. Da ist es schwer, endgültige Antworten zu geben.

„Schuld und Sühne“ am Deutschen Schauspielhaus, Premiere: 30.5., 19 Uhr, Karten 15 bis 65 Euro, Tel.: 248713, weitere Vorstellungen am 2., 6. und 10. Juni; www.schauspielhaus.de