Hamburger Schauspielerin

Lucie Pohl ist wieder da – in 30 Rollen

Die gebürtige
Hamburgerin Lucie
Pohl wuchs in New
York auf. Sie ist die
Tochter des Schauspielers
Klaus Pohl
und der Regisseurin
Sanda Weigl

Die gebürtige Hamburgerin Lucie Pohl wuchs in New York auf. Sie ist die Tochter des Schauspielers Klaus Pohl und der Regisseurin Sanda Weigl

Foto: Peter Cunningham

Die Schauspielerin und Standup-Comedian gastiert mit „Hi, Hitler“ in Hamburg. In der Show schlüpft sie in 30 verschiedene Rollen.

Hamburg. „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ hat der Urvater der deutschen Komiker, Karl Valentin, einst so treffend bemerkt. Als Motto hat es sich Lucie Pohl zu ihrem Lebensthema gemacht. Fremd hat sich die Hamburgerin, die in New York aufwuchs, nach der Schule aber wieder zurück nach Deutschland kam und eine Schauspielschule in Berlin besuchte, fast immer und überall gefühlt. Heute lebt sie übrigens wieder in New York. Und mit Karl Valentin könnte sie sich über drei Ecken auch verwandt, zumindest wesensverwandt, fühlen. Einer von Lucie Pohls fernen Ahnen, Bert Brecht, zählte schließlich „Chaplin und Valentin zu den Künstlern, die mich beim Stückeschreiben am meisten beeinflusst haben.“

„Ich habe immer dagegen gekämpft, mich überall fremd und nicht dazugehörig zu fühlen“, erzählt Lucie Pohl. Und ihre Stimme klingt viel zu fröhlich, als dass man sich vorstellen könnte, dass sie unter diesem Fremdsein wirklich gelitten habe. Lucie Pohl ist Schauspielerin und seit einer Weile auch Komikerin. Jedenfalls seit sie mit ihrer autobiografischen One-Woman-Show „Hi, Hitler“ in den USA, England und Deutschland gastiert. Darin spielt sie 30 Figuren aus ihrer umtriebigen Künstlerfamilie, die mit Komik, Anpassungsschwierigkeiten oder dem normalen Alltag zu kämpfen haben. Beim Edinburgh Festival Fringe wurde sie 2014 mit ihrer Mischung aus Stand-up-Comedy und Schauspiel bejubelt, ebenso bei Vorstellungen in New York, London und Los Angeles. Nun gastiert sie mit ihrem Programm „Hi, Hitler“ in Deutschland.

Zuallererst ist Lucie Pohl aber die Tochter des Schauspielers und Autors Klaus Pohl und der Sängerin und Regisseurin Sanda Weigl. Weigl ist die Großnichte von Bertolt Brecht und gehörte dadurch bis zu ihrer Ausbürgerung zum Kultur-Establishment der DDR. Einen Nummer-eins-Hit in der dortigen Hitparade hatte Weigl auch. Klaus Pohl war lange am Deutschen Schauspielhaus engagiert, spielt am Wiener Burgtheater. In dieser Familie lebte und atmete man Kultur.

Lucie und ihre Schwester Marie waren immer dabei, wenn die Eltern nächtens in Hamburg mit Freunden bei Cuneo im Restaurant aßen, diskutierten und feierten. Oft fiel dann auch der Name Hitler. Lucie, damals vier Jahre alt, gefiel er. Sie wollte als Hitler zum Fasching gehen. Als sie acht Jahre alt war, siedelte die Familie nach New York über, den Nazi-Gruß „Heil“ verstand sie als Kind als „Hi – so, wie man eben zu jemandem Hallo sagt“.

In der amerikanischen Schule war sie dann nur noch „das deutsche Mädchen“. „Ich war die Fremde, die nicht dazugehörte.“ Damals war das schwierig, heute bezieht sie für ihre Show die komischsten Szenen aus diesem Anderssein. „Wir waren ja nicht nur die Ausländer. Wir waren auch die Künstler. Ich habe mir als Kind so sehr eine Mutter gewünscht, die Kekse backt und supernormal ist. Eine langweilige Mutter wäre das Tollste gewesen. Aber bei uns ging es ein bisschen anders zu“, sagt sie. Ihre jüdische Mutter hat Roma-Lieder gesungen. Und Lucie hat sich manchmal „wie ein Alien, eine Außerirdische“ gefühlt.

Ironie des Schicksals: Als Lucie, die einen deutschen Pass hat, vor ein paar Jahren wieder in den USA leben wollte, war das nicht so ganz einfach. Schließlich erkämpfte sie sich ein Visum. Eines, das sie als „Alien“ klassifiziert – mit „besonderen (künstlerischen) Befähigungen“.

Um den Wunsch, sich anzupassen, erwachsen zu werden geht es in ihrer Show, die sie im atemberaubenden Wechsel von Deutsch und Englisch spielt. Es geht um ihre Suche nach Heimat. Hitler ist da letztlich nur eine Randfigur in der Show. Und den Wunsch, sich auch als Schauspielerin, immer gefällig zu zeigen, immer hübsch und niedlich. „Dieser Abend hat mir gezeigt, wohin ich gehöre. Mein Zuhause ist der ,Pohl-Zirkus‘ und die Schauspielerei. Und da darf ich auch komisch sein und komisch aussehen“, erklärt Lucie Pohl lachend. Der „Pohl-Zirkus“, das ist ihre Familie. Und mit der Schauspielerei geht es auch gut voran. Im September kommt Lucie mit dem Thriller „Magi“ in die Kinos und spielt darin die Hauptrolle neben Michael Madsen und Stephen Baldwin.

Hi, Hitler 26.5., 27.5., 20.00, Haus 73, Schulterblatt 73, Karten 10 Euro, karten@fleetstreet-hamburg.de